23. März 2010

Ehrenamt: Lesepaten sind gefragt

"Ich kann nur jedem raten: einfach ausprobieren!"

Verschlafen, aber fröhlich trudeln um 7.30 Uhr die Schülerinnen und Schüler der Klasse 2 im Klassenzimmer ein. Auf dem Stundenplan steht "Lesestunde". Die Lesepatinnen sind auch schon da. Sie arbeiten ehrenamtlich an der Zille-Grundschule mitten im früheren Arbeiter- und heutigen Szenekiez Berlin-Friedrichshain mit: als Lesehelfer und Zuhörer für die kleinen und großen "Wehwehchen" der Kinder.

Rund 1500 Männer und Frauen sind an 157 Schulen in Berlin unterwegs. Oft sind es auch die Eltern, die sich morgens noch eine Stunde oder mehr Zeit nehmen, um beim Leseunterricht auszuhelfen. Aber auch viele ältere Menschen im Ruhestand sind als Lesepaten aktiv. Sie machen mit den Kindern kleine Leseübungen oder sprechen über die Inhalte von Texten – unter vier Augen und außerhalb des Unterrichts.

Mittlerweile wird in den Mehrzweckräumen im Keller der Zille-Grundschule, die zu hellen und gemütlichen Klassenzimmern umgebaut wurden, konzentriert gearbeitet. Zusammen mit ihren Lesepaten und der Klassenlehrerin nehmen die Sieben- bis Achtjährigen ihr erstes richtiges Kinderbuch in Angriff: "King Kong, das Geheimschwein".

"In der Regel entscheiden die Klassenlehrerinnen über den Inhalt, Art und Weise sowie Umfang der Lesehilfen. Die Paten helfen dann den Kindern, laut und richtig zu lesen und zu verstehen", berichtet Lesepaten-Koordinatorin Petra Hübner. Sie liest mehrmals in der Woche mit den Kindern und ist Ansprechpartnerin für die anderen Lesepaten.

Lesepatin Christiane Höring war früher Chemikerin. Heute übt sie mit den Grundschülern die Grundlagen des Lesens. | © VdK

Eine von ihnen ist Christiane Höring. Die 65-jährige ehemalige Chemikerin kommt einmal pro Woche mit der Straßenbahn nach Friedrichshain, um mit den Kindern der ersten und zweiten Klasse zu üben. Heute lässt sie Meggy aus der Lesefibel vorlesen und übt mit Oskar den "Leseberg", bei dem er so schnell wie möglich die Wörter runterlesen muss.

"Ich habe aus der Zeitung erfahren, dass die Zille-Grundschule Lesepaten sucht. Da habe ich gleich angerufen. Als Mutter und Großmutter habe ich viel Erfahrung und noch mehr Zeit, Lust und Geduld, mit den Kindern zu üben. Die Kleinen freut es und das macht wiederum mir großen Spaß", erzählt Christiane Höring.
Auch der Wahl-Berliner Gerd Wüsthoff ist begeistert von seinem Ehrenamt. An vier Tagen in der Woche kommt er vorbei, um mit den Kindern der ersten bis dritten Klasse zu arbeiten. "Hallo Leseopa" schallt es dem 62-Jährigen schon entgegen, wenn er über den Flur läuft. Schnell ist er von mehreren Jungen und Mädchen umringt, muss Stellung zum Lieblings-T-Shirt oder brandneuem Spielzeug nehmen.

Und dann steht auch schon sein nächster "Klient" vor ihm. Der achtjährige Oguz legt sofort mit dem Märchen "Frau Holle" los, so schnell kann Lesepate Wüsthoff seine Brille nicht zücken. Danach soll er eine Geschichte frei erzählen. Oguz entscheidet sich für das Märchen "Der Froschkönig" und plaudert munter drauflos. "Leseopa" Wüsthoff ist ganz begeistert und voll des Lobs für den Zweitklässler. Spielerisch machen sie Sprach- und Grammatikübungen. "Auf diese Weise können wir sein Deutsch verbessern. Er hat schon sehr große Fortschritte gemacht, seit wir zusammenarbeiten."

Diese Erfolgserlebnisse sind es, für die sich die Arbeit lohnt. Gerd Wüsthoff lebt erst seit 2005 in Berlin. Der Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik im Vorruhestand wurde von einer Freundin angesprochen, ob er Lust hätte, als Lesepate zu arbeiten. Lange überlegen musste er nicht, erzählt er. "Es ist ein tolles Gefühl zu merken, dass die Kinder uns brauchen. Sie geben so viel zurück."

Das weiß auch die 82-jährige Eva Voigt. Die ehemalige Buchhändlerin übt einmal pro Woche mit Kindern aus der sechsten und dritten Klasse, zu denen sie allesamt "einen guten Draht" hat. Auch mit der Klassenlehrerin arbeitet sie eng zusammen und organisiert auch schon mal die Weihnachtsfeier mit Lebkuchen und Weihnachtsgeschichten. "2009 habe ich das leider nicht geschafft", erzählt die Rentnerin. Im Oktober vergangenen Jahres hatte sie sich den zweiten Halswirbel gebrochen, sie muss heute noch eine Halsschiene tragen. Einige Monate Pause waren nötig, aber ganz aufhören kam für Eva Voigt nie in Frage. "Die Arbeit mit den Kindern macht mir viel zu viel Spaß. Und wem sollen sie dann von ihren Wehwehchen erzählen?", schmunzelt sie.

An der Zille-Grundschule gibt es regelmäßig Autorenlesungen und Lesewettbewerbe, die Schüler besuchen die Stadtbücherei oder können einen Lesetrolley mit einer bunten Schmökermischung ausborgen, wenn es bei ihnen zu Hause kaum oder keine Bücher gibt. "Lesen ist eine wichtige Grundvoraussetzung. Leider ist es heute nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder es beherrschen. In vielen Familien wird einfach nicht mehr gelesen. Stattdessen läuft der Fernseher ununterbrochen", sagt Schulleiterin Silvia Illhardt. Leseunterricht sei deswegen heute wichtiger denn je.

Es klingelt zur großen Pause und "Leseopa" Gerd Wüsthoff hat für heute Feierabend. War es diesmal anstrengend? "Ach, nie!", sagt der 62-Jährige und lächelt. "Die Schüler sind immer sehr motiviert. Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand keine Lust hatte. Alle bemühen sich und haben Spaß. Ich kann nur jedem raten: einfach ausprobieren!" (ter)

Hintergrund und Kontakt:

Lesepate ist ein anerkanntes Ehrenamt, bei dem man unfallversichert ist, einen Fahrtkostenzuschuss erhält, kostenlos Kulturangebote nutzen oder an qualifizierenden Fortbildungen teilnehmen kann. Grundsätzlich gilt: bei Interesse einfach eine Schule in der Nähe anrufen und fragen, ob Lesepaten gesucht werden. Es gibt aber auch Initiativen, an die sich angehende Lesehelfer wenden können: In Berlin sucht das "Bürgernetzwerk Bildung" immer nach neuen Lesepaten. Interessierte können unter Telefon (030) 72 61 08 56 anrufen oder eine E-Mail an buergernetzwerk.bildung@vbki.de schreiben.

In Stuttgart will der Verein "Leseohren e. V." Kinder für Bücher begeistern. Kontakt: Leseohren e. V., c/o Zentrale Kinderbücherei, Konrad-Adenauer-Straße 2, 70173 Stuttgart, Telefon (07 11) 2 16-57 79, Fax (07 11) 2 16-57 00 oder E-Mail an bettina.kaiser@stuttgart.de

Über weitere Projekte im gesamten Bundesgebiet gibt der private Förderverein "Patenschaften-Aktiv" Auskunft. Auf der Internetseite www.patenschaften-aktiv.de befindet sich eine umfangreiche Datenbank mit aktuellen Lesepaten-Projekten.
Kontakt: Förderverein PATENSCHAFTEN-AKTIV e. V., Amalienstraße 75, 80799 München, Telefon (0 89) 42 09 51 60-70/-71, E-Mail info@patenschaften-aktiv.de

Schlagworte Ehrenamt | Lesepaten | Vorlesen

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel liegt in unserem Presse-Archiv und ist daher möglicherweise veraltet.

Zur Startseite mit aktuellen Inhalten gelangen Sie hier: Startseite: Über uns