16. Juli 2018
Rückblick

Endstation S-Bahnhof Berlin-Schöneweide

Die Deutsche Bahn plant einen mehrjährigen Umbau ohne barrierefreien Zugang.

© VdK

Fast täglich benutzt Bernhard Wislaug den S-Bahnhof Schöneweide. Jedes Mal ist er verärgert. Wer den Bahnhof kennt, weiß, dass dieser seit Jahren marode und runtergekommen ist. Schon jetzt machen jahrelange Baumaßnahmen den Pendler*innen das Leben schwer. Aber es kommt noch schlimmer. Die Bahn plant im Zuge weiterer Baumaßnahmen eine dreijährige Schließung aller Fahrstühle. Ein Ärgernis, das der rüstige Rentner und VdK-Mitglied nicht länger hinnehmen will.

Bereits 2013 begannen die Baumaßnahmen am S-Bahnhof Schöneweide. Die S-Bahn-Brücken am hinteren Ausgang Richtung Sterndamm wurden vollständig ersetzt. Für Bahn- und Autofahrer*innen sowie Fußgänger*innen bedeutete dies regelmäßige Fahrstreckenänderungen und Straßensperrungen im ohnehin überlasteten Berliner Berufsverkehr.

Die lange Bauphase des ersten Teilbereichs des Bahnhofs war für viele Fahrgäste sowie Anwohner ein Rätsel. Immer wieder kam es zum Baustopp. „Oft hatte man das Gefühl, es tut sich rein gar nichts“, erinnert sich Bernhard Wislaug.

Bisherige Baumaßnahmen: Zwei Jahre Verspätung

Mit einer zweijährigen Verspätung konnte dieser Bauabschnitt in diesem Jahr nun endlich fertiggestellt werden. Doch Aufatmen können die Fahrgäste der Berliner S-Bahn noch immer nicht. Die Deutsche Bahn plant ab September die komplette Sanierung des S-Bahnhofs Schöneweide. Dazu werden der Fußgängertunnel sowie die innenliegenden Aufzüge vollständig abgerissen. An der anderen Bahnhofsseite wird ein neuer Treppenaufgang als einzige Zugangsmöglichkeit zu den Bahnsteigen errichtet.

Drei Jahre kein Zugang für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind

Für einen Zeitraum von mindestens drei Jahren bedeutet dies für tausende Fahrgäste, dass sie nur noch über Treppen auf die Bahnsteige gelangen. Ein barrierefreier Zugang ist für Menschen mit Behinderung, Eltern mit Kinderwagen sowie in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen somit nicht mehr möglich. Bernhard Wislaug ist empört: „Menschen mit Behinderung müssen den Bahnhof auch weiterhin nutzen können. Die Bahn muss eine Alternative entwickeln, auch wenn diese Alternative nach dem Ende der Bauzeit wieder zurückgebaut werden muss.“

Seitdem die Schließung der Fahrstühle bekannt ist, hat Wislaug alle Hände voll zu tun. Regelmäßig geht er zu den Treffen des Behindertenbeirats des Bezirks Treptow-­Köpenick, an dem neben dem Bezirksbeauftragten für Menschen mit Behinderung ebenso verschiedene Behinderten-und Sozialverbände, darunter auch der VdK Berlin-Brandenburg, beteiligt sind.

Bezirksbürgermeister Oliver Igel kämpft für Mobilität

Der Bahnhof Schöneweide hat für den Bezirksbürgermeister Oliver Igel höchste Priorität. In seinem Schreiben an die Deutsche Bahn teilte er mit, dass es für ihn „absolut unverständlich und inakzeptabel ist, sollte die Deutsche Bahn tatsächlich über einen Zeitraum von über drei Jahren keinerlei Anstrengungen unternehmen, um ein Mindestmaß an Mobilität für die Fahrgäste, die die Treppen nicht bewältigen können, zu gewährleisten.“ In aller Deutlichkeit stellte er klar, dass er dies „nicht hinnehmen werde.“

Mittlerweile wurde durch den VdK Berlin-Brandenburg die Schlichtungsstelle des Bundes (Schlichtungsstelle BGG) um Mithilfe gebeten. In zahlreichen Schreiben wandten sich neben dem VdK Berlin-Brandenburg weitere Sozial- und Behindertenverbände sowie der Bezirksbehindertenbeirat an die Schlichtungsstelle. Seitdem vermittelt diese zwischen den Verbänden und der Deutschen Bahn. Bisher weigert sich die Bahn vehement, über ein alternatives Konzept zur Herstellung eines barrierefreien Zugangs nachzudenken.

Umfahrung des S-Bahnhofs Schöneweide nicht hinnehmbar

„Der S-Bahnhof Schöneweide ist einer der Hauptverkehrsknotenpunkte Berlins. Gerade weil er so gut an die BVG angeschlossen ist, ist eine Umfahrung, so wie sie die Deutsche Bahn vorschlägt, für mobilitätseingeschränkte Menschen nicht hinnehmbar“, so Henrike Weber, sozialpolitische Referentin des VdK Berlin-Brandenburg. Sollte die Deutsche Bahn trotz des Schlichtungsverfahrens weiterhin nicht einlenken, erwägen die Verbände Klage gegen die Bahn einzureichen.

Für die sozialpolitische Referentin wiegt der Fall doppelt schwer. „Die Bundesregierung, die Eigentümerin der Deutschen Bahn ist, verstößt hier gegen ihre eigenen Gesetze. Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention ist Deutschland verpflichtet, alle Maßnahmen für eine gleichberechtigte Teilhabe zu ergreifen“, kritisiert Weber.

Schlichtungstermin mit ungewissem Ausgang

Mitte Juli findet ein offizieller Schlichtungstermin zwischen allen Beteiligten statt. Wie dieser ausgehen wird, ist derzeit noch unklar. Bernhard Wislaug sieht kaum Chancen auf Erfolg: „Ich will nicht pessimistisch klingen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob unsere Forderung eines vollständigen behindertengerechten Zugangs für die gesamte Zeit der Baumaßnahmen erfüllbar ist.“ Dennoch ist es ihm wichtig, dass der VdK Berlin-Brandenburg ganz klar Position bezieht und notfalls auch den Weg des Klageverfahrens nicht scheut, um so Menschen mit Behinderung weiterhin ihr Recht auf Mobilität zu gewähren.

Dörte Gastmann

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