17. Oktober 2023

„Pflege darf nicht arm machen“

Heute ist der internationale Tag zur Beseitigung der Armut. Das Armutsrisiko im Bereich der Pflege nimmt immer weiter zu. Das betrifft nicht nur die Pflegebedürftigen selbst, sondern auch ihre pflegenden Angehörigen. Auch die jüngste Pflegereform ist keine wirkliche Lösung. Notwendig ist eine Pflegevollversicherung.

Das Foto zeigt Hände einer älteren Frau im Rollstuhl, deren Hand von einer jüngeren Hand gehalten werden.
Einer aktuellen Auswertung zufolge müssen Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen nun hunderte Euro mehr zahlen als im Vorjahr. | © VdK Berlin-Brandenburg

In Deutschland ist jede fünfte Person, die einen Angehörigen pflegt, armutsgefährdet. Bei pflegenden Frauen ist es sogar jede vierte. Das zeigt eine Auswertung von Daten des sozio-ökonomischen Panels durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) im Auftrag des VdK. Somit sind die Menschen, die Vater, Mutter, Ehepartner oder andere Angehörige pflegen, deutlich häufiger einem Risiko von Armut ausgesetzt als die Bundesbürgerinnen und -bürger im Schnitt. Hier liegt das Armutsrisiko bei 16 Prozent.

Laut einer Online-Befragung der Hochschule Osnabrück aus dem Jahre 2021, ebenfalls im Auftrag des VdK durchgeführt, haben 49 Prozent aller Pflegenden, die nicht mehr voll erwerbstätig sind, ihre Arbeitszeit aufgrund der Pflege reduziert. Dadurch verlieren sie nicht nur Rentenpunkte, sondern auch an Einkommen. Zudem müssen viele pflegende Angehörige aufgrund finanzieller Engpässe auf professionelle Entlastung verzichten. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, Leistungen wie Pflegedienste, Tages-, Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege nicht in Anspruch nehmen zu können, weil sie sich die Zuzahlungen nicht leisten können.

Solide Finanzierung fehlt

Ralf Bergmann, Landesvorsitzender des VdK Berlin-Brandenburg, äußerte sich besorgt über diese Situation: „Es ist erschütternd zu beobachten, dass aufgrund finanzieller Sorgen auf professionelle Unterstützung und Entlastung verzichtet wird. Pflegende Angehörige brauchen eine solide finanzielle Basis, die ihnen ein gutes Auskommen in der Gegenwart und im Alter ermöglicht und gleichzeitig ihre Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung absichert.“

Keine wirkliche Lösung

Auch die jüngste Pflegereform, die am 1. Juli dieses Jahres in Kraft getreten ist, bringt keine Entlastung für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Die Kosten für die Pflege steigen aufgrund der wachsenden Zahl älterer Menschen kontinuierlich an. Im vergangenen Jahr machte die Pflegeversicherung ein Defizit von 2,2 Milliarden Euro. Die Reform sieht zwar vor, die Unterstützung für zuhause gepflegte Menschen zu erhöhen, doch reichen die geplanten Maßnahmen nicht aus, um das Armutsrisiko für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen zu verringern.

Eigenanteil steigt

Ein weiteres Problem stellt auch die immer teurer werdende Pflege im Heim dar. Nach einer Auswertung des Verbands der Ersatzkassen müssen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen bundesweit durchschnittlich 2548 Euro im Monat für einen Heimplatz zahlen, rund 350 Euro mehr als im Vorjahr (Stand 1. Juli). Auch in Berlin und Brandenburg sind die Kosten gestiegen. In Berlin müssen im ersten Jahr durchschnittlich 2509 Euro für einen Heimplatz gezahlt werden, 390 Euro mehr als im Vorjahr. Damit liegt Berlin bei der Höhe des Eigenanteils knapp unter dem Bundesdurchschnitt. Auch in Brandenburg sind die Eigenanteile weiter gestiegen. Zum 1. Juli waren im ersten Halbjahr im Heim durchschnittlich 2256 Euro pro Monat fällig, fast 400 Euro mehr als Mitte 2022.

Diese Mehrbelastungen stellen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen eine enorme finanzielle Herausforderung dar, zumal da die bereits eingeführten Entlastungszuschläge die steigenden Kosten nicht ausreichend kompensieren. „Die wachsenden Kosten in Pflegeheimen dürfen nicht allein von den Bewohnerinnen und Bewohnern getragen werden. Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und muss daher solidarisch finanziert werden“, so Bergmann.

Der VdK setzt sich für eine umfassende Reform der Pflegeversicherung von einer Zuschussversicherung zu einer Vollversicherung ein, die alle pflegebedingten Kosten abdeckt. Gleichzeitig müssen die Investitionskosten der Pflegeheime von den Ländern übernommen werden und die Ausbildungskosten aus Steuermitteln finanziert werden. Die Frage der Gewinnmaximierung der Heimbetreiber dürfe erst gar nicht erst aufkommen, Gewinne müssten gedeckelt werden. „Es darf nicht sein, dass ein Heimplatz eine finanzielle Belastung darstellt und Pflegebedürftige und ihre Angehörigen in die Armut treibt. Pflegeplätze müssen dringend wieder bezahlbar werden. Die Pflegevollversicherung muss kommen“, fordert der Landesvorsitzende.

Lohn für Pflegende

Für pflegende Angehörige fordert der VdK einen Lohn, um aus der Armut herauszukommen. Sowohl ein Lohnersatz als auch ein Festgehalt für pflegende Angehörige könnten das Armutsrisiko deutlich senken, wie die Auswertung des DIW Berlin ergab. Der Lohnersatz orientiert sich am letzten Verdienst, der Lohn hingegen an der Pflegestufe des Pflegebedürftigen und damit an der tatsächlichen Tätigkeit. Letzteres würde insbesondere Frauen helfen, die ihre Wochenarbeitszeit bereits reduziert oder ihren Job ganz aufgegeben haben sowie Eltern mit pflegebedürftigen Kindern. Die Armutsrisikoquote pflegender Frauen würde dadurch am deutlichsten sinken.

Lea Hanke

Schlagworte Pflege | Nächstenpflege | Pflegeheim | Armut

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