Mit Kunst Brücken bauen und Kreativität fördern

Das Projekt LernBrücken der VdK-Tochter tandem BTL unterstützt Schüler beim Lernen zu Hause.

Das Foto zeigt zwei Bilder, auf denen ein Mädchen gemalt ist. Auf dem linken hängt eine bunte OP-Maske von seinem Ohr, auf dem rechten Bild trägt das Mädchen die Maske über Mund und Nase.
Weddinger Grundschüler haben in ihren Mund-Nase-Masken-Collagen den Corona-Alltag in Szene gesetzt. | © H. Kratochwil

Die tandem BTL gGmbH, eine Tochtergesellschaft des VdK Berlin- Brandenburg, richtet sich während der Corona-Pandemie mit seinem Projekt LernBrücken an Berliner Kinder und Jugendliche, die in Risikolagen aufwachsen und die beim Lernen zu Hause nur wenig Unterstützung erhalten. Mit dem Projekt sollen die Lücken durch die Schulschließungen kompensiert werden. An der Wedding- Grundschule war schnell klar, dass der Schwerpunkt auf der kulturellen Bildung liegen sollte, die monatelang brachlag.

Schlendert man durch die Flure der Wedding-Grundschule, öffnet sich eine Galerie voll bunter Kunstwerke: Pop-up-Karten, Mund-Nase-Masken-Collagen, 3D-Zukunftsvisionen und Fernrohre mit Lichtblicken. Die Werke sind im Zuge des Programms Lern- Brücken der Deutschen Kinderund Jugendstiftung an der Wedding- Grundschule entstanden. Zwei Künstlerinnen hatten mit über 260 Schülerinnen und Schülern in vielen kleinen Projektgruppen zusammengearbeitet. Mehrere Tage entwickelten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam Zukunftsvisionen für sich, verarbeiteten die Zeit des Lockdowns und lernten, mit unterschiedlichen Materialien und Themen Kunst zu machen.

„Wir sind auf dem Weg das kulturelle Profil der Schule zu stabilisieren und etablieren. Als die Schule wieder geöffnet wurde, gab es zwar drei Stunden Unterricht in den Kernfächern Deutsch, Mathe und Englisch. Aber Kunst und Kultur sind natürlich hinten heruntergefallen. Deshalb wollten wir mit den LernBrücken in eine andere Richtung gehen und die kulturelle Bildung nachholen“, erklärt Mechthild Vanassche, Schulsozialarbeiterin der tandem BTL und eine der Kulturbeauftragten an der Schule.

Kulturagenten

Von Anfang an mit an Bord war Anne Krause, die an Schulen für das Programm Kulturagenten für kreative Schulen Berlin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung spannende Kunstprojekte mit entwickelt. „Wir arbeiten an der Wedding- Grundschule schon lange Hand in Hand miteinander. Als das LernBrücken-Programm während der Schulschließungen im Frühjahr an den Start ging, konnten wir uns deshalb schnell zusammensetzen und unsere Ideen austauschen“, erzählt die Kulturagentin. „In den Bildungsangeboten geht es um das Aufholen von Lernrückständen. Wir haben uns diese gemeinsam mit Schule und Träger mit dem Mittel der kulturellen Bildung angeschaut.“

„Dabei haben wir mit zwei Künstlerinnen zusammengearbeitet, die wir schon gut kennen: Anna Falkenstein und Halina Kratochwil. Uns war die die Koppelung zwischen sozialen Themen und Kultur sehr wichtig – und mit den beiden Künstlerinnen konnten wir hieran gut anknüpfen“, berichtet Mechthild Vanassche. Anne Krause ergänzt: „Gemeinsam mit den Künstlerinnen und den Klassenleitungen haben wir überlegt, wie wir die Lernrückstände, aber auch die emotional-soziale Auseinandersetzung mit Corona angehen: Was ist da eigentlich passiert? Wie ging es mir da? Und wie geht es mir jetzt? Wie finden wir künstlerische Formen sowohl für die Fachinhalte als für eine Reflexion der allgemeinen Situation? Das waren die zwei Schwerpunkte, die wir uns mit den LernBrücken gesetzt haben.“

Schnell fanden sich im neuen Schuljahr zwölf Klassen aus allen Jahrgangsstufen, die bei diesen besonderen Kunstprojekttagen beteiligt sein wollten. Rund die Hälfte der Schülerinnen und Schüler an der Wedding-Grundschule profitierte von dem Projekt. Damit die Projekte unter Corona-Hygienebedingungen stattfinden konnten, hatte die Schule den Künstlerinnen zwei separate Räume zur Verfügung gestellt, in denen die jeweiligen Gruppen arbeiten konnten: Die wegen Corona ungenutzte Schulküche und ein Arbeitsraum wurden kurzerhand für die Zeit des Projektes umfunktioniert. Zusätzlich hatten die Künstlerinnen die Klassen dann gedrittelt oder halbiert. Ein Teil der Kinder arbeitete mit den Künstlerinnen in einem der Projekträume, ein Teil blieb mit den Lehrkräften im Klassenzimmer.

Zwischen den Künstlerinnen und den jeweiligen Lehrerinnen und Lehrern oder Erzieherinnen und Erziehern gab es immer eine enge inhaltliche Absprache. „Wir haben mit den Pädagoginnen und Pädagogen Gespräche geführt und genau geschaut, was sie brauchen und wie wir sie in ihrer Arbeit unterstützen können oder was in der Klasse gerade Thema ist“, erzählt Halina Kratochwil. Halina Kratochwil ist Bühnen- und Kostümbildnerin und arbeitet schon seit vielen Jahren in Kunstprojekten mit Schülerinnen und Schülern zusammen.

Projektthemen

Themen der beiden Künstlerinnen für die LernBrücken-Projekte waren zum Beispiel: Ich mit Maske – ich ohne Maske, Lichtblicke, die durch ein Fernrohr zu erkennen sind, Wie geht’s nach Corona weiter? Identität: Ich jetzt – ich in 10 Jahren. „Mit den Erstklässlerinnen und -klässlern habe ich zum Beispiel auch künstlerisch zum Alphabet gearbeitet. Unsere Projektthemen waren ganz individuell angepasst an die Situation und die Bedürfnisse in den Klassen“, sagt Anna Falkenstein, die seit über zehn Jahren Kunstprojekte in Schulen in Berlin und im Umland initiiert und durchführt.

Brennpunktschulen

Halina Kratochwil findet, dass die Schülerinnen und Schüler an sogenannten Brennpunktschulen besonders von solchen Kunstprojekten profitieren: „Ich arbeite auch in einer Schule in Alt-Mitte. Da können die Kinder in der zweiten Klasse schon besser mit Schere und Stift umgehen als viele hier in der sechsten Klasse, weil sie einfach von zu Hause aus einen anderen Background haben. Umso wichtiger ist es, dass die Kinder hier diese Erfahrungen machen können. Ein Junge hatte in einer der Projektgruppen eine Collage von sich selbst gemacht und war völlig begeistert vom Ergebnis, weil er offensichtlich im regulären Kunstunterricht permanent scheitert. Der Stift ist einfach nicht sein Medium, aber mit der Schere ist er total geschickt und auch mit dem Klebstoff konnte er sehr gut umgehen. So hielt er etwas völlig Neues in den Händen, von ihm selbst erschaffen – und war hin und weg von sich und der Welt. Das sind Erfahrungen, die man hier viel mehr macht als an anderen Schulen. Ein Kind meinte zu mir vorhin, ich finde das so toll, dass ich jetzt gelernt habe, wie 3D geht.“ „Die Kinder spüren auch den Unterschied. Wir sind keine Lehrkräfte, die nachher Noten geben müssen. Wir kommen unvoreingenommen in den Raum, lernen die Kinder neu kennen. Und im Gegensatz zum normalen Kunstunterricht haben wir hier auch nicht nur eine Doppelstunde, nach der jeder Tisch wieder bereit stehen muss für den nächsten Unterricht. In den Kunsträumen haben die Kinder wirklich Zeit und Raum für ihr eigenes Projekt“, ergänzt Anna Falkenstein.

„Das LernBrücken-Programm hat an unserer Schule die Schulschwerpunkte soziale Themen und kulturelle Bildung ein gutes Stück vorangebracht“, resümiert Mechthild Vanassche. Beides soll jetzt offiziell im Schulprofil aufgenommen werden.

Barbara Brecht-Hadraschek

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