Ihr Motto: am Ball bleiben und nicht aufgeben

Einfach hatte es Sigrid Oberwalder nie. Als Mutter von zwei Kindern musste sie trotz ihrer körperlichen Erkrankungen von Anfang an große bürokratische Hürden meistern. Dank des VdK Berlin-Brandenburg blieb der Frührentnerin aber ein langer und zäher Klageweg erspart.

Das Bild zeigt Sigrid Oberwalder.
Lange musste Sigrid Oberwalder um ihr Recht kämpfen. Dank des VdK Berlin-Brandenburg hat sie es geschafft – sie kann nun endlich zur Ruhe kommen. | © S. Oberwalder/privat

Sigrid Oberwalder kämpfte lange Jahre allein um ihr Recht – Mit Hilfe des VdK bekommt sie Merkzeichen G und B

Bereits mit Mitte 20, ein Alter, in dem die meisten ein unbeschwertes Leben führen, beginnt Sigrid Oberwalders gesundheitlicher Leidensweg. Mit 25 Jahren hat die gebürtige Österreicherin ihren ersten Bandscheibenvorfall. Dieser bleibt jedoch lange unerkannt. In den Folgejahren verschlimmern sich ihre Schmerzen so stark, dass sie kurz vor der Lähmung ihres linken Beines steht – da ist sie gerade einmal 30 Jahre alt. Ihr letzter Ausweg endet in einer Bandscheiben-Operation. Drei Jahre später zieht die gesamte Familie aus beruflichen Gründen des Ehemanns nach Berlin um. Als gelernte Bürokauffrau findet Sigrid Oberwalder in ihrer neuen Heimat keine Anstellung und so arbeitet sie zunächst im Einzelhandel – ein Job, den sie mit viel Freude ausübt. Doch immer wieder hat sie Schmerzen. Das lange Stehen belastet sie. Es folgt der Weg in die Arbeitslosigkeit.

Nun beginnt ein langer bürokratischer Weg, den viele kennen. Oberwalder kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in ihren alten Beruf als Einzelhandelskauffrau zurück und so absolviert sie einige berufliche Weiterbildungen. In den drauffolgenden Jahren hält sie sich mit verschiedenen Aushilfsjobs und diversen MAE-Tätigkeiten über Wasser. Schließlich hat die mittlerweile alleinerziehende Mutter Verantwortung für zwei kleine Kinder. Die ständige Sorge um die finanzielle Existenz zermürben die eigentlich lebensfrohe junge Frau. Irgendwann sind die Schmerzen und Erkrankungen so stark und vielfältig, dass Oberwalder einen Antrag auf Schwerbehinderung stellt. Ihr Antrag wird, jedoch erst nachdem sie in Widerspruch geht, genehmigt.

Langer Leidensweg

2010 erhält sie endlich eine langersehnte Festanstellung als Bürokraft. Doch das Glück währt nicht lange. Kurz darauf folgen eine Unterleibs-OP und eine weitere schwere Bandscheiben-Operation an der Halswirbelsäule. Sigrid Oberwalder durchläuft diverse Reha- und Physiotherapiemaßnahmen. Insgesamt anderthalb Jahre ist sie krankgeschrieben. In dieser Zeit muss sie immer wieder gesundheitliche Rückschläge hinnehmen. Die jahrelangen bürokratischen Auseinandersetzungen mit dem Jobcenter und dem Versorgungsamt sowie der ständige Existenzkampf machen sie seelisch krank. Und so kommen neben den vielen körperlichen Erkrankungen auch noch psychische Probleme hinzu, sodass sie sich in Therapie begeben muss. Gerne würde Oberwalder wieder zurück an ihren Arbeitsplatz, sie schafft es gesundheitlich aber einfach nicht. 2013 erhält sie aufgrund ihres sehr umfangreichen Krankheitsbildes eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Seitdem bezieht die heute 58-Jährige Erwerbsminderungsrente.

Oberwalders Kampf mit der Bürokratie und um ihr Recht gehen weiter. Noch im selben Jahr beantragt sie beim Versorgungsamt das Merkzeichen G (Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit). Für sie, deren geschiedener Mann keinen Unterhalt zahlt, eine wichtige Hürde. Da Sigrid Oberwalder Grundsicherung bezieht, stände ihr mit dem Merkzeichen G ein Mehrbedarf zu. Geld, mit dem sie ihre mittlerweile erwachsenen Kinder, bei deren Ausbildung und Studium ein wenig unterstützen könnte. Der Antrag wird abgelehnt. Der naturverbundenen Frau fehlen die Kraft und Ausdauer, um noch weiter dagegen vorzugehen und so widmet sich Oberwalder erst einmal ihrer Gesundheit.

2018 verschlimmert sich ihr Krankheitsbild noch einmal drastisch, sodass sie den Pflegegrad 2 erhält. Das ist der ausschlaggebende Grund für Oberwalder, das Merkzeichen G nun noch einmal zu beantragen – diesmal jedoch mit professioneller Unterstützung. Dank ihrer Mitgliedschaft stellt sie mit Hilfe des VdK Berlin-Brandenburg erneut den Antrag, auf Anraten ihrer VdK-Sozialrechtsberaterin zusätzlich für das Merkzeichen B (Begleitperson).

Der Antrag führt zunächst nur in eine Erhöhung des Schwerbehindertengrades von bisher 70 Prozent auf 80. Das reicht Sozialrechtsberaterin Annemarie Wallat nicht, sie erhebt Widerspruch. „Frau Oberwalder ist nicht der typische Fall, daher passt sie nicht in die genaue Klassifikation des Versorgungsamtes für das Merkzeichen G“, so Wallat. Dass Sigrid Oberwalder die Merkzeichen G und B zunächst verwehrt wurden, ist der Sozialrechtsberaterin vollkommen unverständlich: „Bereits der MDK (Anmerkung der Redaktion: Medizinischer Dienst der Krankenversicherung), der sehr strenge Richtlinien hat, stellte fest, dass Frau Oberwalder ein auffälliges Gangbild hat. Zudem hat sie elf anerkannte Behinderungen, die sie sehr stark einschränken.“

Sigrid Oberwalder wird einmal mehr desillusioniert, doch die zielstrebige Frau gibt nicht auf. Auf private Kosten veranlasst sie die ärztliche Prüfung ihrer medizinischen Unterlagen. Auch ein orthopädisches Gutachten lässt sie auf eigene Kosten erstellen. All dies liegt dem Versorgungsamt nun erneut zur Prüfung vor, mit dem Ergebnis, dass Sigrid Oberwalder im Mai dieses Jahres die langersehnten Merkzeichen G und B erhält. „Eine Ablehnung durch das Versorgungsamt wird oft dadurch begünstigt, dass die Ärzte so viele und detaillierte Gutachten beziehungsweise Befundberichte ausstellen müssen. Da kommt es auf jede einzelne Formulierung an. In ihrem Praxisalltag fehlt den Ärzten oft die Zeit, die Anfragen der Behörden ausführlich zu beantworten“, klärt Oberwalders Sozialrechtsberaterin auf.

Tolle Unterstützung

Oberwalder, mittlerweile vierfache Oma, ist froh, dass sie die bürokratische Hürde noch einmal auf sich genommen hat. „Von Anfang an habe ich mich bei Frau Wallat sehr gut verstanden und aufgehoben gefühlt. Sie hat alles sehr gut begründet. Sie war jederzeit da und hat immer schnell auf meine E-Mails geantwortet. Alles in allem war es eine sehr tolle Zusammenarbeit und so konnte mein Fall bereits im Rahmen des Widerspruchsverfahrens geklärt und abgeschlossen werden. Somit bleibt mir ein langes und zähes Klageverfahren erspart. Dafür bin ich Frau Wallat sehr dankbar.“ Anderen in ihrer Situation rät Sigrid Oberwalder „am Ball zu bleiben, durchzuhalten und nicht aufzugeben, auch wenn man erst einmal eine Ablehnung erhält.“

Dörte Gastmann

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