Tipps im Umgang mit Pflege während der Corona-Krise

Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass sich die Pflegekrise in Deutschland nochmal verschärft hat. Unzureichend Schutzausrüstung, geschlossene Betreuungseinrichtungen und ausgesetzte Therapien verunsichern pflegende Angehörige und bringen sie zunehmend an ihre Grenzen. Auch bei der Pflegebegutachtung gibt es zurzeit wichtige Änderungen. Der VdK-Pflegestützpunkt ist weiterhin per Telefon und E-Mail für Ratsuchende da. Im Interview gibt Leiterin Ariane Rausch Tipps und Hinweise zu der gegenwärtigen Situation.

Die Pflege von Angehörigen neben dem Homeoffice ist für viele eine hohe zusätzliche Belastung, zumal auch sie die Pflegebedürftigen anstecken können. | © Canva Bilddatenbank

Ein Interview mit Ariane Rausch, Leiterin des VdK-Pflegestützpunkts

Rufen die Ratsuchenden während „Corona“ mit anderen Fragen an als sonst?

Ariane Rausch: Auffällig finden wir, dass die Ratsuchenden zurzeit kaum noch nach zusätzlicher Unterstützung für ihre pflegebedürftigen Angehörigen fragen. Alle VdK-Kolleginnen beraten zurzeit von Zuhause aus per Telefon und Email, einmal täglich tauschen wir uns in einer Videokonferenz aus. Wir spekulieren, dass viele Familien momentan lieber selber pflegen, da sie befürchten, sich den Virus über häufig wechselndes Pflegepersonal ins Haus zu holen. Die fehlende Schutzausrüstung ist wirklich ein großes Problem. Da viele im Homeoffice arbeiten, ist die Pflege „nebenbei“ eher möglich. Das bedeutet natürlich eine hohe zusätzliche Belastung für die Angehörigen, zumal auch sie die Pflegebedürftigen anstecken können.

Welche Tipps haben Sie für pflegende Angehörige?

Es gibt Handlungsempfehlungen unter anderem mit Tipps zur kontaktlosen Pflege, die hat die Berliner Senatsverwaltung für Pflege und Gesundheit ins Internet gestellt. Beispielsweise sollten Pflegebedürftige bei der körperfernen Versorgung, also bei der Zubereitung von Mahlzeiten, beim Putzen und Gesprächen zwei Meter Abstand halten oder sich am besten in einem anderen Raum aufhalten. Bei der körpernahen Versorgung, wie Körperpflege und Ankleiden sollte auf Gespräche verzichtet werden. Selbstverständlich alles bei gründlicher Händedesinfektion, mit Handschuhen und möglichst mit Mund-Nase-Schutz, soweit diese denn vorhanden sind. Ich empfehle auch, soweit das möglich ist, die Pflegebedürftigen aus sicherer Distanz Schritt für Schritt anzuleiten. Da das meist viel Zeit in Anspruch nimmt, ist das nur von Familienangehörigen leistbar.

Wie sieht es mit nachbarschaftlicher Hilfe aus?

Die große Solidarität momentan finde ich großartig. Ich rate aber erstmal auf institutionalisierte Hilfe, wie die Mobilitätshilfedienste und die Nachbarschaftsheime, zurück zugreifen und auf Menschen, die man aus der direkten Nachbarschaft kennt. Pflegebedürftige in Berlin können für anerkannte Unterstützungsangebote und nachbarschaftliche Hilfen auch die monatlichen 125 Euro aus dem Entlastungsbetrag gemäß § 45 b SGB XI nutzen.

Was sollten Personen beachten, die zurzeit einen Pflegegrad beantragen möchten?

Ganz wichtig: Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) begutachtet bis zum 30. September 2020 ausschließlich anhand der medizinischen Akten und über ein Telefoninterview. Noch mehr als bei der üblichen persönlichen Begutachtung rate ich allen Antragsteller*innen, sich gemeinsam mit uns vom Pflegestützpunkt auf so einen Termin vorzubereiten. Die Gutachter*innen bewerten ja den Verlust an Selbstständigkeit und den persönlichen Hilfebedarf des Pflegebedürftigen. Der allgemeine Eindruck fällt über das Telefon schon mal weg. Daher ist es umso wichtiger, sich intensiv vorzubereiten und gemeinsam mit uns zu überlegen, wie man seine Situation am Telefon richtig und deutlich schildern kann.

Nach wie vor sollte ein*e Angehörige*r bei der Begutachtung dabei sein und das Gespräch über Lautsprecher verfolgen. Besonders bei Demenzerkrankten ist das wichtig. Sie sind sich ihrer Krankheit oft nicht bewusst. Bei der normalen Begutachtung haben Angehörige die Möglichkeit, durch nonverbale Zeichen wie Kopfschütteln, eine andere Sichtweise mitzuteilen. Durch das Telefonat fällt dies nun alles weg. Auf dem Attest des Arztes über das Vorliegen einer Demenz sollte daher ergänzt werden, dass sich jemand aktiv ins Gespräch einbringen wird.

Für Menschen, die ausschließlich Pflegegeld bekommen, aber die Pflege alleine stemmen, ist außerdem wichtig, dass keine Kürzungen oder der Wegfall des Pflegegelds drohen, wenn sie die Beratungsbesuche nach §37 SGB XI bis zum 30.September nicht abrufen.

Wer kann sich an den Pflegestützpunkt wenden? Wie helfen Sie sonst?

Wir bekommen Anrufe von Menschen, die momentan ihre demenzerkrankten Angehörigen den ganzen Tag allein zuhause pflegen müssen und verständlicher Weise überfordert sind. Wir entwickeln beispielsweise am Telefon zusammen Ideen, wie der oder die Demenzerkrankte beschäftigt werden kann. Auch für Eltern mit behinderten Kindern ist die Situation besonders belastend, da nicht nur die Betreuung sondern auch die Therapien wegfallen. Es rufen auch viele Menschen an, die von der Situation verängstigt sind. In allen Fällen bieten wir psycho-soziale Gespräche und zeigen Lösungswege und Unterstützungsmöglichkeiten auf. Im Grunde kann sich jede*r an uns wenden, wir lassen niemanden allein.

Bettina Kracht

Schlagworte Pflegekrise | Corona-Krise | Pflegestützpunkt Tempelhof-Schöneberg | Pflegestützpunkt | Pflege in Corona-Krise | Häusliche Pflege

Kontakt Pflegestützpunkt Tempelhof-Schöneberg:

Telefon: 030 7550703
E-Mail: pflegestuetzpunkt.berlin@vdk.de

Der Pflegestützpunkt Berlin Tempelhof-Schöneberg ist eine neutrale und kostenlose Beratungsstelle für Menschen, die Informationen rund um das komplexe Thema Pflege benötigen.
Seit Mitte August 2019 ist der Pflegestützpunkt in der Ottokarstraße 1 erreichbar

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