Wohnen in Brandenburg: vielerorts ein Problem

Eine günstige Mietwohnung mit Garten in einem kleinen Ort unweit der Oder. So könnte man es sich in der Rente gut gehen lassen. Wenn da nicht die vielen, weiten Arztbesuche wären, zum Teil mehrer hundert Kilometer pro Monat.

Der Schienenverkehr wurde vielerorts in Brandenburg stark zurückgebaut. Mobilität ist aber die Grundbedingung für ein
selbstbestimmtes Leben. | © kaffeeeinstein/CC BY-SA 2.0

Auch im Bereich Wohnen und Infrastruktur scheint Brandenburg gespalten. Während die eine Hälfte der Bevölkerung sich im Umland Berlins drängt, verteilt sich die andere Hälfte auf die übrigen 85 Prozent des Landes. Während die Menschen rund um Berlin zunehmend über hohe Mieten ächzen, wissen die anderen nicht mehr, wie sie mit der schlecht ausgebauten Infrastruktur auskommen sollen. Es fehlt an allen Ecken und Enden, besonders im Bereich Mobilität und medizinische Versorgung. Der Nahverkehr und Bahnlinien wurden zurück gebaut, Landärzte finden keine Nachfolge, Pflegedienste nehmen den Fahrtweg in abgelegene Orte nicht auf sich.

Idylle an der Oder?

Über die nur scheinbare Idylle an der Oder berichten viele Mitglieder in der Sozialberatung bei Klaus Körner, Vorsitzender des Kreisverbands Märkisch-Oderland. Zwar testet die Landesregierung bereits Telemedizin, damit Patient*innen auf dem Land wohnortnah und ohne lange Wartezeiten angemessen betreut werden können und vergibt auf der Suche nach jungen Landärzten künftig Stipendien an Medizinstudierende, die sich verpflichten, für fünf Jahre in den ländlichen Regionen Brandenburgs zu praktizieren. Doch momentan schaffen nur vereinzelt Initiativen Abhilfe: Manche Kommune bietet Praxisräume für die ersten 2-3 Jahre kostenlos an, bis sich der Arzt etabliert. Wiederum andere stellen Ärzt*innen direkt an oder beschäftigen Gemeindeschwestern, die Hausbesuche machen. Im deutsch-polnischen Grenzgebiet lassen sich vermehrt polnische Ärzte nieder. Das funktioniere meist sehr gut, erzählt Klaus Körner. Doch solche Maßnahmen und Anreize für Mediziner müssten flächendeckend geschaffen werden.

Viele Busse fahren höchstens ein- oder zweimal am Tag – für Alltägliches und Arztbesuche eindeutig zu wenig. | © Dirk Ingo Franke/CC BY-SA 4.0

Brandenburg altert

Das auch vor dem Hintergrund, dass die Menschen in Brandenburg immer älter werden. Jüngere Menschen sind oft noch mobil, ältere und Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten häufig nicht. Vielerorts, wo der Nahverkehr fehlt, müssen sie auf Nachbarschaftshilfe oder Fahrgemeinschaften zurückgreifen. Rund 24 Prozent der Bevölkerung sind momentan älter als 65 Jahre, diese Zahl wird bis 2040 auf rund 37 Prozent steigen. In den berlinfernen Regionen ist der Altersdurchschnitt noch deutlich höher.

Einen Umzug sehen viele als einzigen Ausweg, was Jonas Buchhardt nicht immer empfehlen würde. Die oft höheren Mietkosten könne man eventuell über Wohngeld auffangen, weiß der Berater der EUTB - Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung für Potsdam und Potsdam-Mittelmark. Ein größeres Problem sei aber, dass gerade soziale Leistungen von Kommune zu Kommune unterschiedlich geregelt sind und beispielsweise in der Eingliederungshilfe nicht jede Kommune dieselben Maßnahmen anbietet: „Man kann sich nicht immer sicher sein, dass man dieselben Leistungen wieder bekommt“, gibt Buchhardt zu bedenken.

Aber auch im Berliner Umland verdichten sich die Probleme. Hier wird gebaut und gebaut, Mieten und Baugrund werden immer teurer, aber zugleich fehlt es zunehmend an bezahlbaren Wohnungen für Menschen mit kleinem Einkommen. Zudem laufen für tausende Sozialwohnungen die Bindungsfristen aus, die in den Jahren nach der Wiedervereinigung errichtet worden waren. In 2018 schrumpfte der Sozialwohnungsbestand um mehr als 12.200 Wohnungen oder fast 30 Prozent. Für das Jahr 2021 ist nur noch ein Bestand von 20.000 Wohnungen in ganz Brandenburg prognostiziert.

Barrierefrei und erschwinglich?

Doch wie viele der neuen Wohnungen sind überhaupt barrierefrei, altersgerecht und erschwinglich? Eine Gesamterhebung gibt es nicht. Mit Novellierung der Brandenburgischen Bauordnung 2016 wurde Barrierefreiheit genauer definiert und statt vorher in Wohngebäuden mit vier Wohnungen, müssen nun schon in Gebäuden mit mehr als 2 Wohnungen barrierefreie Wohnungen gebaut werden. Wohnungsgesellschaften und Investoren haben die Chance, eine große Mieterschaft erschließen zu können, erkannt. An vielen Orten bauen sie ganze Gebäudekomplexe mit barrierefreien Wohnungen. Doch diese müssen auch bezahlbar sein, gibt Klaus Körner zu bedenken. Petershagen, als Beispiel, besteht vorwiegend aus Einfamilienhäusern. „Viele ältere Menschen möchten sich gern verkleinern, das Haus einer Familie überlassen. Sie wissen aber nicht, wohin, weil sie sich eine der wenigen Mietwohnungen im Ort nicht leisten können.“

Und auch im Berliner Umland kommen die Städte wegen der schnell wachsenden Einwohnerzahlen mit der Infrastruktur nicht hinterher. Falkensee hat sich seit 1990 auf rund 45.000 Einwohner fast verdoppelt. In Petershagen/Eggersdorf ist die Einwohnerzahl in 25 Jahren enorm gewachsen, erklärt Körner. Da kommt der Bau von wichtigen Einrichtungen für die Grundversorgung häufig nicht mit oder es fehlt schlichtweg Platz. „Wir haben nur zwei Kinderärzte im Ort, es fehlen fast 200 Kitaplätze, und die Grundschulen müssen extrem erweitert werden.“ Berliner Familien aber nehmen den weiteren Fahrweg in Kauf, und obwohl Grundstückspreise steigen, ziehen sie hierher raus – immerhin gibt es zumindest den Komfort einer Bahnverbindung.
Bettina Kracht

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