„Der VdK verfolgt die richtigen Ziele“

Zum 1. Juli 2019 übernimmt Silvana Radicione die Geschäftsführung des Sozialverbands VdK Berlin-Brandenburg e. V. Die diplomierte Sozialwissenschaftlerin war zuletzt über 20 Jahre in Leitungsfunktionen bei den Johannitern tätig. Zum Amtsantritt haben wir mit ihr über Pläne, Ideen und Herausforderungen gesprochen.

Die Entwicklung von Projekten ist ein Steckenpferd der neuen Geschäftsführerin des VdK Berlin-Brandenburg, Silvana Radicione. | © VdK

VDK-Zeitung: Sie kommen von den Johannitern und waren dort verantwortlich für über 1000 Hauptamtliche und circa 3000 Ehrenamtliche. Was hat Sie bewogen, gegen den VdK-Landesverband Berlin-Brandenburg zu tauschen?

Silvana Radicione: Ich bin 20 Jahre bei den Johannitern gewesen – und das sehr, sehr gern. Nachdem ich dort viele unterschiedliche Bereiche und Landesverbände kennenlernen und weiterentwickeln durfte, war für mich jetzt die Zeit für eine Veränderung gekommen. Ich stehe für Projektarbeit und mag es gern, wenn ich etwas aufbauen kann. Der VdK Berlin-Brandenburg hat mich neugierig gemacht. In einer Zeit, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, verfolgt er die richtigen Ziele und ist als „Lotse“ im Dschungel der sozialen Dienstleistungen mit seinen vielfältigen Beratungsangeboten ein ganz starker Partner. Also habe ich gedacht, das passt gut zu mir.

Was waren Ihre Schwerpunkte in Ihrem bisherigen Berufsleben?

Zuletzt war ich bei der Johanniter-Unfall-Hilfe als Mitglied des Landesvorstands Berlin-Brandenburg für Personal, die Bereiche Kinder und Jugendhilfe, Pflege und Wohnen aber auch für Marketing und Kommunikation zuständig. Bei all meinen Tätigkeiten, sei es in der Berliner Senatsverwaltung für ­Gesundheit und Soziales oder ­anschließend, ab 1998 bei der ­Johanniter Unfall-Hilfe in der Bundesgeschäftsstelle, in den Landesverbänden Niedersachsen-Bremen und Berlin-Brandenburg sowie der Johanniter GmbH, habe ich viel im Bereich der sozialen Dienstleistungen aufgebaut. Das ist mein Steckenpferd: Projektentwicklung, neue Dienstleistungen aufbauen, strategische Entwicklung für Verbände und natürlich auch sozialpolitische Vertretung und Öffentlichkeitsarbeit.

Was sind die Arbeitsfelder der Johanniter?

Die Johanniter sind sowohl ein Ordenswerk als auch ein großer sozialer Dienstleister. Das Spektrum der Leistungen ist riesengroß, aber in der Öffentlichkeit ist die Johanniter-Unfall-Hilfe als eine der großen Hilfsorganisationen mit dem Rettungsdienst am meisten präsent. Dabei sind die Johanniter u. a. sehr groß in der Pflege, im Betreuten Wohnen, im Hausnotruf und allen Bereichen, die den Rettungsdienst ergänzen. Aber auch, was viel weniger bekannt ist, in der Kinder- und Jugendhilfe und seit 2013/2014 in der Aufnahme und Begleitung von geflüchteten Menschen.

Ein guter Start: Die neue Geschäftsführerin Silvana Radicione (m.) wurde vom Vorstand Ilka Biermann (l.) und Ralf Bergmann (r.) begrüßt. | © VdK

Der VdK ist überwiegend nur für seine Sozialrechtsberatung bekannt und zudem als „Rentnerverband“ gelabelt. Dabei sind gerade in Berlin-Brandenburg die Mitglieder im Durchschnitt unter 60 Jahre alt und meist noch berufstätig. Haben Sie Erfahrungen, wie man jüngere Generationen gewinnt und auch im Verein halten kann?

Die Parallelen zu den Johannitern waren ein Grund, warum ich dachte, das passt so gut. Die Themen, mit denen sich der VdK befasst, auf eine etwas andere Art und Weise, sind mir sehr vertraut. Um jüngere Mitglieder zu erreichen, ist es ganz wichtig, dass der VdK in der Öffentlichkeit nicht nur für Hilfe in Notlagen wirbt, sondern dass der VdK für Gemeinschaft steht und für eine starke Einmischung in Sozialpolitik. Und dass man hier ganz viele Möglichkeiten hat, sich als jüngerer Mensch für eine bessere Zukunft und für Zusammenhalt in der Zivilgesellschaft zu engagieren.

Auch der Sozialverband VdK lebt von seinen Ehrenamtlichen. Haben Sie Erfahrungen, wie man noch mehr Menschen für ein Ehrenamt begeistern kann?

Das ist ein ganz tolles und mitunter schwieriges Thema. Der VdK ist für mich eine Organisation, in der das Ehrenamt sehr hoch angesehen ist und eine wesentliche Rolle spielt. Das große Thema ist: Es muss wertgeschätzt werden und es muss eine Anerkennung für die Arbeit und das Engagement da sein. Wenn Haupt- und Ehrenamt auf Augenhöhe zusammenarbeiten, eine klare Aufgabenteilung und Unterstützung erfolgt und das Ehrenamt ganz selbstverständlich in den Wissenstransfer eingebunden ist, sollte alles gut funktionieren. Sehr hilfreich ist auch ein gelegentlicher „Perspektivwechsel“ zwischen Haupt- und Ehrenamt, um ein besseres Verständnis für die jeweiligen Anforderungen und Bedarfe zu entwickeln. Die Gewinnung und Bindung ehrenamtlicher Mitarbeiter/-innen ist kein Selbstläufer. Es braucht einen Motor, es braucht eine vernünftige Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, es braucht Kampagnen und die Zusammenarbeit mit Koordinierungsstellen. Aber das wissen und leben Sie ja schon.

Sie sprachen davon, dass Sie gerne Projekte entwickeln. Welche Ideen haben Sie, um den VdK und die VdK-Gruppe weiterzubringen?

Ich finde, dass der Verein und die VdK-Gruppe schon auf einem guten Weg sind. Soweit ich das einschätzen kann, sind in vielen Bereichen schon viele kluge Ideen vorhanden. Ich möchte erstmal die Bereiche und Menschen kennen lernen, die sich schon lange mit den Themen befassen, und Augen und Ohren öffnen und zuhören: Was haben die Menschen schon erreicht und wobei wünschen sie sich Unterstützung, um dann gemeinsam mit ihnen zu überlegen, wie das ein oder andere angegangen und in einer gezielten, strategischen Abstimmung umgesetzt werden kann.

Der Sozialpolitische Ausschuss befasst sich in diesem Jahr schwerpunktmäßig mit den Themen Wohnen und Rente. Was meinen Sie, wäre hier noch möglich?

Ich finde, dass der Ausschuss da wirklich zwei wichtige Kernthemen in Angriff genommen hat. Das Thema bezahlbarer Wohnraum ist ein ganz großes Thema, wo der VdK sich nicht nur einmischen, sondern sicherlich auch einbringen kann. Beispielsweise in der Beratung oder auch mit eigenen neuen Dienstleistungen. Inhaltliche Ideen, wie beispielsweise das vom VdK entwickelte Konzept zur bezahlten Pflegezeit, Ausbildung pflegender Angehöriger, Ausbau von Kooperationen und Partnerschaften werden sicherlich eine wichtige Rolle spielen.

Im Vorstand ist die Initiative entstanden, im Landesverband die Frauenförderung wieder zu intensivieren. Was sind hier Ihre Erfahrungen?

Ich habe immer sehr gern mit Frauen zusammengearbeitet und durchweg nur gute Erfahrungen gemacht. Leider ist auch im 21. Jahrhundert trotz gesetzlicher Verankerung das Thema Gleichstellung immer noch nicht in allen Bereichen umgesetzt. Da ist die Bundesfrauenkonferenz im VdK ein wichtiges Vehikel – immerhin sind circa 50 Prozent aller ehrenamtlichen Beschäftigten im VdK Frauen – und das oftmals trotz Doppelbelastung. Eine ganz große Leistung. Neben den großen Themen, wie: gleiche Bezahlung, Rentenabsicherung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, muss Frauenförderung oftmals aber auch ganz klein ansetzen: hier gilt es, Selbstvertrauen zu vermitteln, Selbstbewusstsein zu unterstützen und dann natürlich dafür sorgen, dass eine Gleichbehandlung und Förderung auch tatsächlich stattfindet. Frauenförderung ist wichtig und richtig. Dafür werde ich mich einsetzen, da muss ich gar nicht drüber nachdenken.

Die Fragen stellte Bettina Kracht

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