An längeres Arbeiten ist nicht zu denken

„Wieso wird die Rente gekürzt, wenn man sich kaputt gearbeitet hat?“ Das ist eine der vielen Fragen, die der Sozialverband VdK in seiner im Mai gestarteten Rentenkampagne stellt. Sie hat einen reellen Hintergrund: Immer mehr Menschen, die es aus gesundheitlichen Gründen nicht schaffen, bis zum Rentenalter zu arbeiten, rutschen unter das Existenzminimum und müssen von Grundsicherung leben.

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Auch in die Sozialrechtsberatung des VdK Berlin-Brandenburg kommen viele Mitglieder, die Hilfe bei Renten-, Reha- und Schwerbehindertenanträgen suchen. Sie fühlen sich den Anforderungen der Arbeitswelt häufig nicht mehr gewachsen. „Es wird immer deutlicher, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in vielen Berufen so stark körperlich und psychisch belastet sind, dass an längeres Arbeiten nicht zu denken ist“, berichtet VdK-Rechtsanwältin Christiane Akinci aus ihrer mehr als zehnjährigen Arbeit als Rechtsanwältin beim VdK Berlin-Brandenburg.
Die durchschnittliche volle Erwerbsminderungsrente beträgt in Deutschland gerade einmal rund 790 Euro. Das bedeutet, dass jeder vierte Erwerbsminderungsrentner auf Grundsicherung angewiesen ist. Tritt die Erwerbsminderung vor der geltenden Regelaltersgrenze auf, wird die Rente gekürzt. Für jeden Monat, der vor dieser Grenze liegt, entsteht ein Abschlag von 0,3 Prozent (maximal 10,8 Prozent). Der VdK fordert deshalb die Abschaffung dieser ungerechten Abschläge für Neu- und Bestandsrentner.

Antrag abgelehnt

Doch nicht nur die Höhe der Erwerbsminderungsrenten ist ein Problem für die Betroffenen. In ihrer Zeit beim VdK hat Christiane Akinci festgestellt, dass die Anträge auf Erwerbsminderungsrente immer häufiger abgelehnt werden. Besonders bei orthopädischen und psychischen Problemen oder kurz vor der Grenze zum Altersruhegeld muss der VdK-Sozialrechtsschutz Widerspruch einlegen oder Klage erheben. Oft entwickelt sich ein über Jahre andauernder Rechtsstreit, der für die Betroffenen sehr belastend ist. In dieser Zeit müssen sie meist von ihren Ehepartnern finanziert werden oder Hartz IV beziehen.
Eine der Hürden, so Akinci, seien die medizinischen Gutachten. Sie sind beim Antrag auf Erwerbsminderungsrente meist entscheidend. Doch oft sind es Mediziner, die direkt bei der Deutschen Rentenversicherung angestellt sind, die diese Gutachten erstellen. Erst in einem Klageverfahren kann ein externer Gutachter hinzugezogen werden. Kommt es dazu, liegt die Erfolgsquote der VdK-Anwälte in Berlin und Brandenburg bei mehr als 50 Prozent.
Immer häufiger aber werden die Fälle, in denen Mitglieder Hilfe bei der Antragsstellung oder bei einem Widerspruch- oder Klageverfahren suchen, um einen Schwerbehindertenstatus von mindestens 50 zu erlangen, berichtet Christiane Akinci. Es sind Menschen, die eine durchgehende Erwerbsbiografie vorweisen können und schon 45 beziehungsweise 35 Versicherungsjahre erreicht haben – Pflegerinnen und Pfleger, Erzieherinnen und Erzieher, Handwerkerinnen und Handwerker, Berufskraftfahrerinnen und -kraftfahrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, um nur einige Berufsgruppen zu nennen.

Alle Generationen müssen die Gewissheit haben, dass sie im Alter durch die gesetzliche Rente gut abgesichert sind“, erklärte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, zum Start der bundesweiten Rentenkampagne #Rentefüralle. | © VdK

Ein letzter Weg

Als langjährig oder besonders langjährig Versicherte können Sie mit 63 oder 64 Jahren in Rente gehen. Doch viele kommen bereits mit Ende 50 in die VdK-Sozialrechtsberatung: Sie sehen sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage weiterzuarbeiten. Die Konzentrations-, Seh- und Hörfähigkeit beispielsweise oder die Frustrationstoleranz lassen stark nach. Auch psychische Belastungen nehmen zu. Für viele ist deshalb der Schwerbehindertenstatus der letzte Weg, das vorgezogene Altersruhegeld ohne Abschläge zu erreichen. Rechtsanwältin Akinci schätzt, dass diese Verfahren mittlerweile mehr als ein Viertel aller Fälle in der VdK-Sozialrechtsberatung ausmachen.

Reform nötig

Die Entwicklung zeigt, wie dringend das Rentenversicherungsrecht der Bundesrepublik reformiert werden müsste. Zum einen können sich die Menschen nach einem arbeitsreichen Leben oder bei schwerer Erkrankung auf die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr verlassen, zum anderen muss die Rente zukunftsfähig gemacht werden, damit auch nachfolgende Generationen wieder Vertrauen in die staatliche Rente finden.

Bettina Kracht

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