„Inklusion hat viel mit Herzensbildung zu tun“

Jürgen Dusel wurde im Mai 2018 vom Brandenburger Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen zum gleichen Amt im Bund berufen. Ein Gespräch über Lobbyarbeit, Inklusion, den VdK und die Möglichkeiten von Gesetzen.

Für Jürgen Dusel muss Inklusion breiter gedacht werden. | © Henning Schacht

Herr Dusel, Sie wurden vom politisch kleinen Land Brandenburg zum Bund berufen. Ist das eine Wertschätzung Ihrer Arbeit gewesen?
Jürgen Dusel: Gerade in den letzten Jahren habe ich eine Menge erreicht. Natürlich nicht allein, sondern zusammen mit vielen Menschen in Brandenburg und auch mit vielen Verbänden. Ich finde übrigens nicht, dass Brandenburg politisch klein ist. Wir waren das zweite Bundesland, das einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) gemacht hat, wir haben das Behindertengleichstellungsgesetz 2013 novelliert. Und ich war auch an der Erarbeitung des Bundesteilhabegesetzes beteiligt.
Meine erste berufliche Station in Brandenburg war bei der Heimaufsicht, ich war also ganz nah dran an den Belangen der Menschen mit Behinderungen. Meine Arbeit in Brandenburg hat mich sehr geprägt, insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Landesbehindertenbeirat und den Verbänden. Ich freue mich, diese Expertise nun auch auf Bundesebene einbringen zu können.

Ist es ein Vorteil, dass Sie mehr aus der Praxis kommen?
Ich will es gar nicht mit gut oder schlecht bewerten, sondern es ist ein anderer Blick. Ich weiß, wie Verwaltung funktioniert, weil ich eben lange genug selbst in einer Verwaltung gearbeitet habe. Und ich weiß auch wie man Gesetze macht, wie man die schreibt, welche Möglichkeiten der Veränderung man teilweise hat.

„Ohne Inklusion können wir nicht
von einer gut funktionierenden ­
Demokratie sprechen.“


Haben Sie schon etwas auf den Weg bringen können?
Gemeinsam mit meinem Team konnte ich seit meinem Amtsantritt bereits einiges bewegen: die Änderung im Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes etwa, bei der es um die Implementierung einer EU-Richtlinie zur Barrierefreiheit von Websites und mobilen Anwendungen ging, oder die Umsetzung des Vertrags von Marrakesch in Deutschland. In beiden Verfahren haben wir die Belange der Menschen mit Behinderungen einbringen können.

Welche Bedeutung hat es für Sie, dass sich Wohlfahrtsverbände, wie der VdK, in die politische Debatte einbringen?
Das ist naturgemäß sehr wichtig, ganz gemäß dem Motto der UN-Behindertenrechtskonvention „Nichts über uns, ohne uns“. Das habe ich in Brandenburg als selbstverständlich empfunden und das tue ich auch auf Bundesebene. Meine Arbeit ist nur sinnvoll, wenn ich zum Beispiel mit dem Deutschen Behindertenrat und natürlich auch mit dem VdK engen Kontakt halte. Auch der bei mir tagende Inklusionsbeirat, der mit vielen Verbandsvertretern besetzt ist, ist für mich ein ganz wichtiger Partner, wenn es um die Umsetzung der UN-BRK in Deutschland geht. Wir brauchen eine professionelle und eine kluge Lobbyarbeit für das Thema. Deswegen bin ich auch sehr froh, dass meine Vorgängerin Verena Bentele nun VdK-Präsidentin ist. Sie ist eine ausgewiesene Expertin und bringt die nötige Energie mit. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit.

Wir erleben im Sozialverband VdK, dass zwischen dem Alltag eines Menschen mit Behinderung und den gesetzlich verankerten Rechten, die er eigentlich hat, sich leider eine ziemliche Kluft auftut. Die Kolleginnen und Kollegen unserer Rechtsabteilung schütteln oft den Kopf über die Widersprüche zwischen Rechtsanspruch der Mitglieder und dem, was wir als Antworten gerade aus den Versorgungsämtern LAGeSo (Berlin) oder LASV Cottbus erhalten. Als VdK hatten wir Gespräche mit beiden Leitungen, wie man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eventuell besser vorbereiten und weiterbilden kann. Haben Sie da Ideen, wie man das bundesweit anstoßen könnte?
Meine Überzeugung ist, dass das Thema nicht nur eine Frage des Kopfes ist. Inklusion ist eine Haltungsfrage und hat darüber hinaus auch ganz viel mit Herzensbildung zu tun. Leider habe ich immer wieder den Eindruck, dass Menschen mit Behinderung in manchen Amtsstuben mehr als Bittsteller denn als gleichberechtigter Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen werden. Aber ich glaube, der VdK ist auf der richtigen Spur. Sie machen eine qualifizierte Rechtsberatung und ich glaube, dass der juristische Weg in solchen Fällen der richtige Weg ist.

Im Mai 2010 war in Brandenburg die Legislatur voll von Inklusionsprojekten im Bereich der Bildung, 82 Modellversuche an Schulen gab es. Ab 2014 ist von Regierungsseite von Inklusion in dem Bereich gar nicht mehr die Rede.
Inklusion in den Schulen muss nicht nur in Brandenburg, sondern in allen Bundesländern dringend vorangebracht werden. Das war übrigens auch ein Punkt, den der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen bei der letzten Staatenprüfung Deutschlands klar angemahnt hat. Deswegen überraschen mich die teilweise schrillen Töne in der Diskussion um gemeinsames Lernen doch sehr. Allerdings ist mir wichtig zu betonen, dass das Thema Inklusion aus meiner Sicht viel breiter gedacht werden muss. Nur vier Prozent der Menschen werden mit einer Behinderung geboren, die meisten Behinderungen werden erst im Erwachsenenalter erworben.

Was genau meinen Sie damit?
Was ich damit sagen will: Inklu­sion ist ein zentrales Thema für alle gesellschaftlichen Bereiche – ob das die Digitalisierung ist, bezahlbarer barrierefreier Wohnraum, die Frage der barrierefreien Arztpraxen, die Frage der Freizeitgestaltung, die Teilhabe am Arbeitsleben. Wenn ein Viertel aller beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber keinen einzigen Menschen mit Behinderung beschäftigt, dann finde ich, muss sich da etwas ändern. Mir geht es in meiner Rolle als Beauftragter darum, alle Themen zu bespielen und immer wieder dafür zu sensibilisieren, dass es total wichtig ist, dass Menschen mit und ohne Behinderungen voneinander wissen und lernen.

„Inklusion ist ein
zentrales Thema für
alle gesellschaftlichen Bereiche.“

Worin sehen Sie den Vorteil?
Nehmen wir doch wieder das Beispiel Schule: Der große Vorteil vom gemeinsamen Lernen ist doch, dass Kinder mit und ohne Behinderungen mehr in Kontakt miteinander kommen. Wenn also zum Beispiel ein Sachbearbeiter früher einen Mitschüler mit Behinderung in der Klasse gehabt hat, dann ist der jetzt sicher viel sensibilisierter und kann sich doch konkret vorstellen, dass jemand, auch ohne etwas zu sehen, beruflichen Erfolg haben kann. Ein Stadtplaner, der früher jemanden im Rollstuhl in seiner Klasse hatte, wird bei der Renovierung von Marktplätzen diese nicht wieder mit Kopfsteinpflaster pflastern. Weil er weiß, dass Kopfsteinpflaster für Rollstuhlfahrer nicht nur unpraktisch ist, sondern sogar eine Tortur sein kann. Deswegen macht es so viel Sinn, dass die Menschen von Beginn an gemeinsam groß werden. Weil Barrierefreiheit oder Zugänglichkeit gar nicht aus bösem Willen vergessen wird, sondern einfach, weil es die Lebenswelt der meisten Menschen bislang nicht berührt.

Sind Inklusionsprojekte an Schulen doch ein Dreh- und Angelpunkt?
Mir geht es darum, dass wir in der Demokratie eben in allen Bereichen arbeiten. Deswegen heißt das Motto meiner Amtszeit auch „Demokratie braucht Inklusion“. Ich habe es gewählt, weil ich der tiefen Überzeugung bin, dass Demokratie und Inklusion zwei Seiten derselben Medaille sind, sie bedingen sich gegenseitig. Ohne Inklusion können wir nicht von einer gut funktionierenden Demokratie sprechen. Es ist politische Teilhabe, da geht es um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Und das beginnt in der Schule.

Ihr Schlusswort?
Demokratie braucht Inklusion. Ich bin davon überzeugt, es hier nicht nur um eine Nettigkeit der Gesellschaft geht, dass man was für die Menschen mit Behinderungen tut. Nächstenliebe sollte zwar ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft sein, mir geht es aber darum, dass die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben im Grunde eine fundamentale Entscheidung unseres Wertesystems, letztlich auch unseres Grundgesetzes ist. Und dafür will ich kämpfen.
Das Gespräch führten Klaus Körner und Bettina Kracht.

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