3. Dezember 2021
VdK-Zeitung Archiv

„Bestes Unglück meines Lebens“

Denise Schindler gehört seit Langem zu den weltbesten Para-Radfahrerinnen. Im Interview mit der VdK-ZEITUNG erzählt die 36-Jährige, warum sie schon jetzt ein Buch über ihre Vergangenheit verfasst hat.

Denise Schindler auf dem Rad
Trainingslager 2018 in Südafrika: Denise Schindler trägt am rechten Bein eine Prothese aus einem 3D-Drucker. | © Martin Hoffmann

Als „das beste Unglück meines Lebens“ bezeichnen Sie in Ihrem Buch den Unfall, bei dem Sie als Kind im Winter ausrutschten, unter eine Straßenbahn kamen und Ihren rechten Unterschenkel verloren. Wie können Sie dies sagen?
Im Leben gibt es schwere Momente, und dann kann man erst mal nichts Positives daran finden. Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg, und man stellt alles infrage. Aber im Nachhinein kann ich sagen, dass mich der Unfall, die Operationen, die Prothese und die Widerstände zu der starken, reflektierten Person gemacht haben, die ich jetzt bin.

Wie lange dauerte dieser Prozess?
Je älter ich wurde, desto besser bin ich mit meiner Situation umgegangen. Als Kind und Jugendliche habe ich noch damit gehadert. Aber nach der Teenie-Zeit bin ich immer besser damit klargekommen und meinen Weg gegangen, auch mithilfe des Sports.

Und wie kam es nun dazu, dieses Buch zu schreiben?
Ich habe Manfred Otzelberger beim Ball des Sports getroffen. Er plante eigentlich, ein Buch über paralympische Sportler zu schreiben. Wir kamen immer mehr ins Gespräch. Ich habe ihm gesagt, ich wollte mit Mitte 30 noch keine Biografie verfassen. Wenn ich ein Buch schreibe, dann will ich den Menschen etwas mitgeben. Und dann hatten wir anhand meiner Person die Idee, ein Buch über das Thema Resilienz zu verfassen.

Hat Ihnen die Arbeit an dem Buch neue Erkenntnisse gebracht?
Ja, in den drei Jahren vom ersten Gespräch bis zum Erscheinen des Buchs habe ich viel über mein Leben nachgedacht. Als mir dabei klar wurde, welche Schritte mir in meinem Leben geholfen haben, hatte ich viele Aha-Erlebnisse.

Sie fahren seit Jahren an der Weltspitze und haben zuletzt bei den Paralympics Bronze in der 3000-Meter-Einzelverfolgung in persönlicher Bestzeit gewonnen. Was bedeutet Ihnen die Medaille?
In der Vorbereitung lief vieles nicht so gut. Ich hatte einen Sturz, bei dem ich mich schwer verletzt habe. Aber ich hatte diesen Riesentraum, unter vier Minuten zu fahren. Dieser hat mich angepeitscht, und auch mein großartiges Team hat alles für dieses Ziel gegeben. Dass ich dann sechs Sekunden schneller als jemals zuvor gefahren bin und die Medaille gewonnen habe, ist ein ganz großer Moment.

Ihr männlicher Kollege Michael Teuber, der VdK-Mitglied ist, fährt auch mit 53 Jahren in der Spitze mit. Wollen Sie ihm nacheifern?
Nein, das ist nicht mein Ziel. Michaels Leistung ist beeindruckend. Er ist ein toller Sportler. Aber bei der Familienplanung ist es auch ein Unterschied, ob man Mann oder Frau ist. Bis zur WM 2022 will ich weitermachen. Dann schauen wir mal. Ich habe viele Ziele, die nicht alle sportlich sind.

BUCHTIPP
„Vom Glück, Pech zu haben“
In dem zusammen mit Autor Manfred Otzelberger verfasten Buch erzählt Denise Schindler nicht nur über ihr Leben und den schweren Unfall, bei dem sie ihren rechten Unterschenkel verlor. Sie gibt auch ihre zehn Grundsätze der Resilienz preis.

Denise Schindler/Manfred Otzelberger: „Vom Glück, Pech zu haben“,
Taschenbuch, 16 Euro
ISBN 978-3-442-39373-2
Mosaik-Verlag

Interview: Sebastian Heise

Schlagworte Denise Schindler | Para-Radsport | Radfahren | Prothese

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