26. Oktober 2021
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Experten in eigener Sache

Auch in Bayern gibt es engagierte Menschen mit Behinderung – Seit über 40 Jahren setzen sie sich für ihre Rechte ein

Anfang der 1980er-Jahre befand sich die Behindertenbewegung auf ihrem Höhepunkt. Menschen mit Behinderung wollten sich von der Fürsorge emanzipieren, selbst­bestimmt leben und organisierten sich dazu politisch – manche mehr, manche weniger radikal. Auch München war ein Zentrum dieser Bewegung.

Gruppenbild
Das „Münchner Crüppel Cabaret“ mit (von links) Martin Blasi, Renate Geifrig, Gabriela Kufner, Hanno Lehmann, Jutta Aßbichler, Rolf Winkmann und Gerti Brandmair. | © Elena Gram

VdK-Mitglied Renate Geifrig lebte damals mit ihrer Familie in einem Haus der Stiftung Pfennigparade im Münchner Stadtteil Schwabing, das eigens gebaut worden war, damit Eltern und Kinder mit Behinderung zusammenwohnen können. Im frühen Kindes­alter war sie an einer Kinderlähmung erkrankt und ist seither mobilitätseingeschränkt. Im Haus der Pfennigparade verbrachte sie ihre gesamte Schulzeit bis zum Abitur.

„Das war ein Revolutionskessel“, erinnert sie sich. Zivildienstleistende und junge Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvierten, trugen die Idee von Autonomie und Selbstbestimmung in die Einrichtung. „Das hatte politisches Potenzial. Am Ende entstand daraus eine Krüppelgruppe.“ Sie war Anfang 20, als sie sich dem „Münchner Crüppel Cabaret“ (MCC) anschloss. „Regisseur und Schauspieler Peter Radtke gab einen Theaterkurs an der Volkshochschule für Menschen mit und ohne Behinderung. Mein Musiklehrer hat mich gefragt, ob ich mitmachen will“, erzählt sie. Sie sagte zu und schloss sich der rund 15-köpfigen Gruppe an.

1982 führte das MCC sein erstes Programm „Sozial lästig“ auf. Zentrales Thema: der Umgang mit Menschen mit Behinderung. Zum zweistündigen Programm gehörten Tanz, Sketche und Gesangseinlagen. In den fast 35 Jahren seines Bestehens hat das „Crüppel Cabaret“ insgesamt zehn Programme auf die Bühne gebracht. „Wir hatten gehofft, wir könnten damit etwas bewegen“, blickt Geifrig zurück. „Leider wird viel über Barrierefreiheit und Inklusion geredet und immer noch relativ wenig dafür getan.“

Andreas Vega hat sich fast 30 Jahre in der „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland“ (ISL) engagiert und war Vorsitzender des Vereins „VbA – Selbstbestimmt Leben“ in München. Wegen einer Muskelatrophie sitzt er im E-Rollstuhl und hat eine 24-Stunden-­Assistenz. Als 1995 die Pflegeversicherung eingeführt wurde, gingen er und viele andere Betroffene auf die Straße, „weil sie so, wie sie ursprünglich geplant war, Menschen mit Behinderung kein selbstbestimmtes Leben mehr ermöglicht hätte“, erklärt er. Das Gesetz wurde daraufhin entschärft. Von der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland ist er enttäuscht.

„Wir haben sicher etwas bewegt. Aber gemessen an unserem großen Einsatz ist das Ergebnis mickrig“, blickt Vega zurück. Am meisten stört ihn jedoch, dass es zwischen Menschen mit Behinderung und den Behörden nach wie vor ein Autoritätsgefälle gibt. „Wer eine Behinderung hat und Leistungen bezieht, wird zum Bittsteller gemacht. Begegnungen finden nie auf Augenhöhe statt.“

Gemeinsam etwas bewegen

Ibo Harraz, VdK-Ortsvorsitzender, ehemaliger Münchner VdK-­Kreisvorsitzender und VdK-Mitarbeiter, engagierte sich viele Jahrzehnte für Barrierefreiheit und Inklusion. „Wenn man in der Gesellschaft vergessen wird, muss man für seine Rechte eben eintreten“, sagt er. Die Krüppelbewegung war ihm zu radikal, er wählte lieber den goldenen Mittelweg. „Schritt für Schritt“ sei es vorwärts gegangen, so Harraz, der der „Arbeits­gemeinschaft Behinderter in München“ vorstand, aus der später der Behindertenbeirat hervorging, und in vielen weiteren Gremien tätig war. „Nur wenn viele an einem Strang ziehen, kann man etwas bewegen“, bekräftigt er.

Bewegt haben er und seine Mitstreiter einiges: Auf ihr Betreiben hin wurden unter anderem U-Bahn-­­Stationen und viele Gebäude barrierefrei umgebaut, in den Oktoberfest-Zelten gibt es seither Plätze für Rollstuhlfahrer, und die Allianz-­Arena wurde behindertengerecht geplant.

Für den „Marsch durch die In­stitutionen“ hatte sich auch Dr. Su­sanne Jauch aus Nürnberg entschieden. Das VdK-Mitglied hat seit Geburt eine spastische Lähmung und verbrachte ihre Freizeit oft beim „Club Behinderter und ihrer Freunde“, der Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen will. Für das Studium zog Jauch nach Nürnberg, wo sie sich der „Integrationsrunde für Behindertenarbeit“ und einem Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte anschloss. Später arbeitete sie beim „Selbsthilfe Körperbehinderter Landesverband Bayern e. V.“ und engagierte sich als Stadträtin.

Heute setzt sich die Diplom-Sozial­wirtin im Behindertenrat der Stadt Nürnberg für Inklusion und Barrierefreiheit ein. „Ich habe mich oft als Einzelkämpferin gefühlt. Deshalb habe ich mir immer Verbündete gesucht“, zieht sie Bilanz.

Annette Liebmann

Schlagworte Menschen mit Behinderung | Behindertenbewegung | Autonomie | Selbstbestimmung | Münchner Crüppel Cabaret

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