31. August 2021
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Wohnen für 88 Cent und drei Gebete

Die Fuggerei, älteste Sozialsiedlung der Welt, feiert ihren 500. Geburtstag

Am 23. August 1521 stiftete Jakob Fugger „der Reiche“ den bedürftigen Bürgerinnen und Bürgern in Augsburg eine Sozialsiedlung. In den 500 Jahren seit der Gründung der Fuggerei hat der soziale Gedanke nichts von seiner Aktualität verloren. Heute leben rund 150 Menschen in den 140 Wohnungen, die hinter einer Mauer in der Augsburger Altstadt liegen.

Maria Neher
VdK-Mitglied Maria Neher, mit 92 Jahren die älteste Bewohnerin, lebt seit 25 Jahren in der Fuggerei. | © Annette Liebmann

Morgens um zehn Uhr sind die ersten Touristen unterwegs. Sie laufen herum, knipsen Fotos, schauen und staunen, denn hier ist das Wohnen nicht nur günstig, sondern auch idyllisch und auf die Gemeinschaft innerhalb der Mauern ausgerichtet. Sämtliche Gassen laufen auf einen Brunnen in der Mitte zu. Jedes der 67 ockergelben Häuschen hat seinen eigenen Eingang und beherbergt zwei Wohnungen mit ein bis fünf Zimmern, viele davon schon mit barrierefreiem Bad. Dazu gehört seit jeher ein Garten zum Anbau von Gemüse oder ein Dachboden für eine Werkstatt. Letztere waren für eine Zeit, in der die ganze Familie oft mit dem Vieh in einem Raum leben musste, geradezu revolutionär.

Seit fünf Jahrhunderten können sich bedürftige katholische Augsburger Bürgerinnen und Bürger um eine Wohnung in der Fuggerei bewerben. Momentan stehen 80 Menschen auf der Warteliste. Waren es um 1900 vor allem kinderreiche Familien, so sind es heute Rentnerinnen und Rentner sowie Alleinerziehende. Armut ist meist weiblich. Zwei Drittel der dort lebenden Menschen sind Frauen.

Noch heute wird die Fuggerei nach den Grundsätzen Jakob Fuggers verwaltet, festgelegt im 500 Jahre alten Stiftungsbrief. „Wir wollen den Menschen ein selbstbestimmtes Leben in Würde ermöglichen“, sagt Wolf-­Dietrich Graf von Hundt, Administrator der Fuggerschen Stiftungen. „Niemand, der hier wohnt, ist ein Bittsteller. Wir begegnen den Menschen auf Augenhöhe.“

Aus der Jahreskaltmiete von einem rheinischen Gulden – damals der Wochenlohn eines Maurers – sind mittlerweile 88 Cent geworden. Unverändert im Mietvertrag enthalten ist die Verpflichtung, dass die Bewohner der Fuggerei täglich drei Gebete für den Begründer sprechen müssen: ein Vater Unser, ein Ave Maria und ein Glaubensbekenntnis.

„Sechser im Lotto“

Lydia Meier
Lydia Meier | © Annette Liebmann

Für VdK-Mitglied Lydia Meier ist das kein Problem: „Ich bin zwar nicht der Typ, der oft in die Kirche geht, aber ich bete gern.“ Die 65-Jährige ist dankbar, dass sie hier wohnen kann, denn die Mieten in Augsburg haben in den vergangenen Jahren kräftig angezogen. „Wenn ich noch in meiner alten Wohnung leben würde, müsste ich Grundsicherung beantragen.“ In der Fuggerei fühlt sie sich rundum wohl, genießt die Gemeinschaft und arbeitet ab und zu an der Kasse am Eingang. „Dass ich hier leben darf, ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt sie.

Bevor Lydia Meier in die Sozialsiedlung gezogen ist, hat sie ein längeres Auswahlverfahren durchlaufen. Nach einem Erstgespräch wurde sie von Doris Herzog, einer der beiden Sozialpädagoginnen der Fuggerschen Stiftungen, zu Hause besucht. „Dabei schaue ich, wer als Nachbar für welche Wohnung in­frage kommt“, erklärt Herzog. Der Administrator und abschließend der „Seniorat“ der Fuggerschen Stiftungen müssen dem Einzug zustimmen.

Die Sozialpädagoginnen gehören zum Konzept der Fuggerei: Sie sind nicht nur für die Bewerbungen zuständig, sondern auch dafür, dass das Zusammenleben harmonisch verläuft. Dazu zählen Aktionen, wie beispielsweise ein gemeinsames Frühstück oder ein Spielenachmittag. Vor allem aber sind sie Ansprechpartnerinnen für alle Fragen zur Organisation des Alltags, wenn es darum geht, einen Hausnotruf zu organisieren, einen Pflegegrad zu beantragen oder Nachbarschaftshilfe zu vermitteln.

VdK-Mitglied Maria Neher, mit 92 Jahren die älteste Bewohnerin, lebt seit 25 Jahren in der Fuggerei. Ihr Mann starb früh, eine Witwenrente bekommt sie nicht, und ihre eigene Rente ist niedrig. Sie ist froh, dass sie hier wohnt – nicht nur wegen der günstigen Miete, sondern auch, „weil ich mich als alleinstehende Frau sicher fühle“, sagt sie. Da sie seit einigen Jahren einen Rollator braucht, helfen ihr die Töchter im Haushalt. Zu ihren Nachbarn hat Neher einen guten Kontakt, mit einigen teilt sie sich ein Zeitungsabo, und wenn sie jemand begleitet, besucht sie auch gern die Gemeinschaftsveranstaltungen.

„Im Gegensatz zu anderen Vermietern kümmern wir uns nicht nur um die Gebäude, sondern auch um die Menschen, die darin wohnen“, sagt von Hundt. „Wir empfinden uns als soziale Heimat.“

Info

Die Fuggerei ist täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet.
Jakoberstraße 26
86152 Augsburg
(0821) 319 881-0
www.fugger.de
fugger-onlineshop.ticketfritz.de

Annette Liebmann

Schlagworte Fuggerei | Fuggersche Stiftungen | Augsburg | Sozialsiedlung

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