30. August 2021
VdK-Zeitung Archiv

Erinnerungen lebendig halten

Ulrike Mascher über den intensiven Austausch zwischen Überlebenden des ehemaligen KZ Dachau und Jugendlichen

VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher engagiert sich seit 2003 auch als Vorsitzende des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau. Gemeinsam mit anderen Organisationen hat der Verein die Internationale Jugendbegegnung (IJB) aufgebaut. Im Zentrum stand von Anfang an das Treffen mit Zeitzeugen. Mit der VdK-ZEITUNG sprach Mascher über den bewegenden Austausch zwischen Jung und Alt.

Blick durch das Mahnmal auf die Gebäude
Das Internationale Mahnmal ist einer der zentralen Gedenkorte der KZ-Gedenkstätte Dachau. Die Installation des jüdischen Künstlers und Bildhauers Nandor Glid erinnert an das Grauen, das die mehr als 200.000 Häftlinge zwischen 1933 und 1945 im KZ Dachau erleben mussten. | © KZ-Gedenkstätte Dachau/Rainer Viertlböck

Am 29. April 1945 befreiten Einheiten der US-Armee das Konzentrationslager Dachau. 1965 wurde die KZ-Gedenkstätte eröffnet. „Das Verhältnis der Bürgerinnen und Bürger von Dachau zur Gedenkstätte ist lange gespalten gewesen“, erzählt Ulrike Mascher. Viele hätten sich dagegen gewehrt, dass ihre Heimatstadt zuallererst mit den Verbrechen der Nationalsozialisten im KZ identifiziert wird. „Erst in den 1990er-­Jahren drang ins öffentliche Bewusstsein, dass die Gedenkkultur wichtig ist“, erinnert sie sich.

Der Aufbau der IJB zeigt, dass das Bedürfnis bei einigen Jugendlichen, die Erinnerung wachzuhalten, schon damals stark war. Seit 1983 kommen jeden Sommer mehr als 100 Jugendliche aus 25 Nationen zusammen, um sich zwei Wochen lang mit der Geschichte des Konzentrationslagers Dachau und der NS-Diktatur auseinanderzusetzen. Ulrike Mascher beschreibt das Ereignis als großes Jugendcamp für politische Bildung, das die Jugendlichen selbst organisieren. Vor 1998 wurde immer ein Zeltlager aufgebaut, bis das Jugendgästehaus eingeweiht wurde.

Die Ehrenamtliche erzählt vom traditionellen Zeitzeugencafé, bei dem Überlebende der national­sozialistischen Gewaltherrschaft über ihre Erlebnisse sprechen. Auch für Agnes Becker, damals eine der Projektleiterinnen des IJB, gehörten die Zeitzeugencafés zu den besonderen Momenten der Veranstaltung. Im Jahresbericht 2012 des Fördervereins schrieb sie: „Die Gespräche sind so intensiv, dass die Betreuer­Innen nach zwei Stunden unterbrechen müssen.“

Ein häufiger Gast war Max Mannheimer, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, an den Holocaust zu erinnern. So besuchte er regelmäßig Schulklassen und berichtete, wie seine deutsch-jüdische Familie 1943 nach Theresienstadt und von dort ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert worden war. Dort überlebten nur sein Bruder Edgar und er. 1944 wurden beide in das KZ Dachau gebracht.

Mascher hat den Zeitzeugen, der 2016 im Alter von 96 Jahren starb, als beeindruckende Persönlichkeit erlebt. „Max Mannheimer hatte eine hinreißende Art, mit Jugendlichen umzugehen. Er war ein begnadeter Witzeerzähler. Zudem war er davon überzeugt, dass seine jungen Zuhörerinnen und Zuhörer keine Schuld, sondern eine Verantwortung tragen, damit so etwas nie wieder passiert.“

Die letzten Zeitzeugen

Ulrike Mascher weiß, wie wichtig authentische Personen für junge Menschen sind. „Da nur noch wenige Zeitzeugen am Leben sind, versuchen wir, auf Archivmaterial der KZ-Gedenkstätte Dachau auszuweichen, wie Filmporträts, Dokumentationen und Zeitzeugen­berichte.“ Das sei zwar nicht das gleiche, aber immer noch die beste Lösung, findet sie. Die 82-Jährige ist davon überzeugt, dass die Erinnerungskultur weiterhin lebendig bleiben wird.

Auch der VdK Dachau möchte die Gedenkarbeit mehr in den Blick nehmen. Den Anstoß dazu hat Bernhard Hartmann, Beisitzer im VdK-Ortsverband Vierkirchen-­Röhrmoos, gegeben. „Ich bin geschichtlich sehr interessiert. Schon meine Großeltern und Eltern waren Dachauer. In der Familie war die KZ-Gedenkstätte immer präsent“, betont der 52-Jährige. Deshalb beschloss Hartmann, sich hier ehrenamtlich zu engagieren.

Seit Oktober 2019 ist er Mitglied im Präsidium der Lagergemeinschaft Dachau, die 1946 von ehemaligen Häftlingen ins Leben gerufen wurde. „Mit meinem Anliegen, den VdK-Kreisverband Dachau einzubinden, habe ich bei Stefanie Otterbein letztes Jahr offene Türen eingerannt“, freut sich der Ehrenamtliche.
Die Corona-Pandemie hat den Beginn der Zusammenarbeit ausgebremst. Nun möchte Kreisgeschäftsführerin Otterbein den Faden wieder aufnehmen: „Der zunehmende Rassismus und Antisemitismus führen zu einer gesellschaftlichen Spaltung und Radikalisierung. Hier braucht es starke Akteure, die Erinnerungsarbeit mit Gegenwartsbezug leisten. Ich sehe gerade den VdK-Kreisverband Dachau in einer besonderen Verantwortung.“

Elisabeth Antritter

Mediadaten

Hier finden Sie die aktuellen Preise (bayernweit) für gewerbliche Anzeigen für die VdK-Zeitung als Download:

Die VdK-Zeitung für blinde und sehbehinderte Menschen:

Die Artikel der aktuellen Ausgabe können Sie hier als reines Textformat (rtf-Datei) herunterladen:

Impressum

Hier finden Sie das Impressum der VdK-Zeitung:

Archiv

Hier finden Sie Artikel aus älteren Ausgaben der VdK-Zeitung:


Weitere Artikel aus der VdK-Zeitung finden Sie auf den Seiten des VdK Deutschland: VdK-Zeitung

Presse
Symbolfoto: Unterlagen, eine davon mit dem Vermerk "Wichtig"
Bleiben Sie stets auf dem Laufenden: Unsere Abteilung "Presse, PR, neue Medien" versorgt Journalistinnen und Journalisten mit aktuellen Pressemeldungen und Statements des Sozialverbands VdK Bayern.
VdK-Zeitung
Eine Frau und ein Mann lesen die VdK-Zeitung
Mit einer Druckauflage von 600.000 Exemplaren zählt die VdK-Zeitung zu den auflagenstärksten Printmedien in ganz Bayern. Alle VdK-Mitglieder bekommen sie zehnmal pro Jahr kostenlos per Post zugestellt.
VdK-TV
Die Videoprogramme des Sozialverbands VdK bieten spannende Interviews, aktuelle Reportagen und anschauliche Berichte. Sie sind über das Video-Portal VdK-TV jederzeit im Internet abrufbar.
Presse
Symbolfoto: Ein Briefumschlag mit einem großen @-Zeichen darin.
Wir bieten Ihnen zwei Newsletter an, die Sie kostenfrei abonnieren können: unseren Presse-Newsletter mit den aktuellen Pressemitteilungen des VdK Bayern und den monatlichen Newsletter.
Tipps und Termine
Symbolfoto: Ausgeschnittene Papiermännchen bilden einen Kreis
In unserer Rubrik "Tipps und Termine" stellen wir Ihnen aktuelle Neuigkeiten aus dem Verbandsleben, Aktionen, Veranstaltungen, Pressemitteilungen sowie Links zu interessanten Beiträgen vor.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.