23. Februar 2021
VdK-Zeitung Archiv

Am Rand der Verzweiflung

Pflegende Angehörige stehen wegen der Corona-Pandemie vor großen Herausforderungen: Weil Angebote und Entlastungen wegfallen, müssen sie mehr Aufgaben selbst übernehmen. Oft sind Beruf und Pflege nur schwer miteinander zu vereinbaren. Hinzu kommt die Isolation und die ständige Sorge, den Pflegebedürftigen anzustecken. Der Sozialverband VdK fordert mehr Unterstützung für den größten Pflegedienst des Landes.

© Unsplash

Nach einem zweimonatigen Krankenhausaufenthalt bekam Familie Schruhl aus dem ostfriesischen Wirdum im April 2020 mitgeteilt, dass Mutter Heike am nächsten Tag nach Hause entlassen wird. Das 53-jährige VdK-Mitglied war nach einem diabetischen Koma weiterhin bettlägerig. Die beantragte Reha wurde von der Krankenkasse nicht genehmigt. „Wir mussten quasi über Nacht die gesamte Pflege organisieren: Hilfsmittel, Pflegebett, Zimmer umräumen. Ich hätte eigentlich einen neuen Job antreten sollen. Aber das ging nicht, weil meine Mutter rund um die Uhr Betreuung brauchte“, berichtet Tochter Rebecca Schruhl.

Also kümmerte sich die 24-Jährige um die Mutter. Zweimal am Tag kam der ambulante Pflegedienst vorbei – die Familie war froh, dass sie während des ersten Lockdowns einen gefunden hatte. 3,3 der insgesamt 4,1 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Schon vor der Pandemie standen viele Angehörige an der Grenze zur Erschöpfung und fühlten sich vom Staat im Stich gelassen. Die Corona-Krise hat diese Situation noch verschärft: Die ambulanten Pflegedienste sind an der Belastungsgrenze, Tagespflegen sind geschlossen, Kurzzeitpflegeplätze waren schon vorher rar und sind jetzt kaum mehr zu finden.

Weil viele – auch ehrenamtliche und private – Unterstützungsangebote wegfallen, ist die Pflege der Angehörigen aufwendiger geworden. Viele Pflegepersonen leben sehr isoliert und schränken ihre Kontakte ein. Zu groß ist die Angst, den Pflegebedürftigen mit dem Coronavirus anzustecken. Besonders belastend ist die Situation für Pflegende, die gleichzeitig berufstätig sind. Zwar können sie sich nun 20 statt der bisherigen zehn Tage von der Arbeit freistellen lassen. Doch wenn sämtliche Betreuungsmöglichkeiten wegfallen, reicht diese Zeit nicht aus. Manche Angehörige machen Minusstunden, andere nehmen – auch unbezahlten – Urlaub, kündigen den Job oder treten ihn erst gar nicht an, wie Rebecca Schruhl.

Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) hat im Sommer 2020 gemeinsam mit der Berliner Charité untersucht, wie sich die Pandemie auf die häusliche Pflegesituation auswirkt. Dafür wurden bundesweit 1000 pflegende Angehörige zwischen 40 und 85 Jahren befragt. Laut Studie hat sich die Lage für rund ein Drittel der Pflegenden verschlechtert. 24 Prozent sind besorgt, die Pflege nicht mehr zu schaffen.

Vor allem die Angehörigen von Menschen mit einer Demenzerkrankung fühlen sich oft überfordert. Fast die Hälfte der Erwerbstätigen (45 Prozent) geben an, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für sie nun noch schwieriger ist. Die Gefühlslage der Angehörigen reicht von Hilflosigkeit (29 Prozent) und Verzweiflung (22 Prozent) bis hin zu Wut und Ärger (20 Prozent). Etwa ein Viertel der Befragten gab an, dass belastende Konflikte mit dem Pflegebedürftigen zugenommen haben.

Bessere Unterstützung

Der Sozialverband VdK fordert von der Politik eine bessere Unterstützung der Pflegenden. „Pflegende Angehörige müssen endlich ganz oben auf die politische Agenda“, betont VdK-Präsidentin Verena Bentele. Der VdK schlägt vor, ihnen während der Corona-Pandemie eine Lohnersatzleistung auszuzahlen. Diese sollte sich an der Entschädigung für Verdienstausfall orientieren, die Eltern während der Corona-Krise bekommen, wenn es keine Kinderbetreuung gibt. Unabhängig von der Pandemie fordert der VdK bereits seit Langem die Einführung eines Lohnersatzes für die Pflegezeiten von Angehörigen, die mit dem Elterngeld vergleichbar ist.

Annette Liebmann

Schlagworte Pflege | Pflegende Angehörige | Corona | häusliche Pflege

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