24. Februar 2021
VdK-Zeitung Archiv

„Diskutieren, mitreden, weiterdenken“

VdK-Präsidentin Verena Bentele zeigt sich in ihrem neuen Buch als leidenschaftliche Kämpferin für den Sozialstaat

Unabhängig, solidarisch und stark, das ist der Sozialverband VdK. Genau die richtige sozialpolitische Inspiration für Verena Bentele. Die VdK-Präsidentin im Interview mit der VdK-ZEITUNG über ihr Buch „Wir denken neu. Damit sich Deutschland nicht weiter spaltet“.

Das Bild zeigt Verena Bentele
© VdK / Susie Knoll

Frau Bentele, ist die Zeit reif für dieses Buch?
Im vergangenen Jahr hat sich schnell abgezeichnet, dass die Corona-Pandemie unser Land deutlich verändern wird. Die Debatten über Gerechtigkeit erhitzten sich immer mehr angesichts der Fragen über die sozialen und ökonomischen Folgen der Krise. Im Wahljahr 2021 möchte ich mich mit meinem Buch in diese Debatten einmischen. Und es soll Möglichkeiten schaffen, weil im Moment weniger Veranstaltungen mit Menschen vor Ort stattfinden.

Sind wir ein gespaltenes Land?
Die Corona-Pandemie zeigt uns in aller Schärfe, was gut läuft und wo es eine absolut unzureichende soziale Absicherung gibt. Die Gesellschaft ist gespalten, was Einkommen und Wohlstand betrifft, aber auch im Denken und Fühlen der Menschen. Im Mittelpunkt des Buches stehen unsere wichtigsten VdK-Forderungen. Eine auskömmliche Alterssicherung durch eine Erwerbstätigenversicherung, ähnlich wie in Österreich. Die Pflegeversicherung als Vollversicherung mit besserer Finanzierung. Beendigung der Zweiklassenmedizin durch einen einheitlichen gesetzlichen Rahmen. Gute Chancen für alle Kinder. Eine nachhaltige Absicherung von Selbstständigen. Und nicht zuletzt die Finanzierung, besonders wegen der zusätzlichen Ausgaben durch Corona.

Ist Sozialpolitik kompliziert?
Demokratie funktioniert, wenn Menschen für sie wichtige Entscheidungen nachvollziehen können. Doch in der Sozialversicherung sind die Zusammenhänge oft so kompliziert, dass viele sie nicht verstehen können und sich abgehängt fühlen. Das wollen wir ändern, indem wir Probleme beschreiben und Lösungsvorschläge präsentieren. Meine beiden Co-Autoren, Ines Verspohl und Philipp Stielow, und ich hatten immer ein leicht verständliches Buch über unsere sozialen Sicherungssysteme vor Augen. Wir wollen zum Diskutieren, Mitreden und Weiterdenken anregen.

Sie bezeichnen ihr Buch als „Herzensangelegenheit“. Warum?
Die Stimmen der einen, die für sich individuelle Freiheiten fordern, und die der anderen, die um Rücksichtnahme und Solidarität bitten, werden in Zeiten der Pandemie immer unversöhnlicher. Ich finde, wir sollten uns auf die Suche nach Lösungen machen. Ich wollte bewusst ein positives Buch schreiben, das eine Einladung zu einer konstruktiven Diskussion an alle ist, die unser Land besser und gerechter machen wollen. Stabile Sozialsysteme helfen nicht nur dem Einzelnen, sie machen ein ganzes Land stark. Je größer die Angst um die Zukunft, um den Job, um bezahlbare Miete und um die Rente ist, desto schneller und aggressiver verteidigen die Einzelnen ihren Besitzstand, auch wenn sie damit andere abhängen. Diese Haltung möchte ich durchbrechen.

Was hat Sie bewogen, sich sozialpolitisch zu engagieren?
Ich bin überzeugt, dass alle Menschen Fähigkeiten und Potenziale haben. Doch nicht jeder hat den familiären Hintergrund, die Bildung, die finanziellen Ressourcen oder einfach nur jemanden, der seine Fähigkeiten erkennt und fördert, um aus eigener Kraft die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Ich bin blind von Geburt an. Mein Glück waren einerseits meine Eltern, die mich gefördert haben, und andererseits mein sportliches Talent, das früh erkannt wurde. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie wichtig gesellschaftliche Unterstützung ist. In der Schule wurde mein erstes Sprachprogramm für den Computer von der Krankenkasse bezahlt. Als ich erfuhr, was das kostet, war ich geschockt: Das hätte sich meine Familie nur schwer leisten können. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder das Recht hat, sein Potenzial zu entfalten. Dafür kämpfe ich.

Was wollen Sie erreichen?
Wir brauchen dringend mehr Wertschätzung für soziale Sicherheit. Demokratie bedeutet, die Interessen der Mehrheit zu berücksichtigen. Nur wenige können es sich leisten, Gesundheit, Pflege und Rente aus eigenem Vermögen zu finanzieren, der größte Teil der Gesellschaft braucht soziale Sicherungssysteme. Nicht umsonst sind sie ein Verfassungsauftrag.

BUCH TIPP

Verena Bentele, Philipp Stielow und Dr. Ines Verspohl:

Wir denken neu. Damit sich Deutschland nicht weiter spaltet, Europa Verlag, 12 Euro.

Unterstützen Sie mit dem Kauf Ihre Buchhandlung vor Ort. Bestellungen auch unter www.thalia.de

oder beim telefonischen Bestellservice (089) 1894733-22

Schlagworte Buchvorstellung | Sozialstaat | Verena Bentele

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