27. Januar 2021
VdK-Zeitung Archiv

Unterstützung für junge Pflegende

Lana Rebhan hat eine Plattform gegründet, um Kindern und Jugendlichen zu helfen, die die gleichen Probleme haben wie sie

Seit sie acht Jahre alt ist, kümmert sich Lana Rebhan um ihren schwer kranken Vater. Sie gehört zu den „Young Carern“ – minderjährige Kinder und Jugendliche, die ein Familienmitglied pflegen. Die 17-Jährige aus der bayerischen Kleinstadt Bad Königshofen kämpft dafür, dass junge Pflegende mehr Unterstützung bekommen. Die VdK-ZEITUNG sprach mit ihr.

Lana Rebhan
Als junge Pflegende hat Lana Rebhan schon früh gelernt, Verantwortung zu tragen. | © privat

Rebhan hat früh erfahren, was es heißt, auf sich selbst gestellt zu sein. Um anderen Kindern und Jugendlichen zu helfen, die die gleichen Probleme haben wie sie, gründete sie die Plattform www.youngcarer-hilfe.de, auf der man sich austauschen und Hilfe suchen kann. Mehrmals sprach sie vor dem bayerischen Landtag über die Probleme junger Pflegender. 2019 wurde sie mit dem „Pflegecompass“ geehrt, dem Preis einer Kölner Pflegeberatung.

Als Ihr Vater schwer krank wurde, waren Sie acht Jahre alt. Was hätten Sie sich damals gewünscht?
Am schlimmsten fand ich, dass viele in meinem Umfeld nicht wussten, wie sie damit umgehen sollen. Die meisten haben nicht mal gefragt, was los ist, sondern versucht, so zu tun, als wäre nichts passiert. Ich war ja noch ein Kind und musste von heute auf morgen den Haushalt machen, weil meine Mutter drei Jobs hatte, um Geld zu verdienen. Da wäre es schön gewesen, wenn mir jemand beispielsweise geholfen hätte, die schweren Einkaufstaschen nach Hause zu schleppen. Ich würde mir wünschen, dass die Erwachsenen viel mehr auf Young Carer zugehen. Viele von uns sind isoliert und fühlen sich einsam.

Wie ist es für ein Kind, den eigenen Vater so hilflos zu erleben?
Ich habe schon früh die Verantwortung für mich und meine Eltern übernommen. Es gab aber auch eine Zeit, in der ich eine große Wut auf andere hatte, die gejammert haben, obwohl sie in meinen Augen keine Probleme hatten. Heute weiß ich, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat.

Haben Sie überhaupt Unterstützung bekommen?
Es gab mehrere Versuche durch Lehrer, Schulsozialarbeiter und Psychotherapeuten. Entweder haben sie nicht richtig zugehört oder Ratschläge gegeben, die am eigentlichen Problem vorbeigingen. Wenn man so jung ist, überblickt man seine Lage oft nicht. Man weiß nicht, welche Unterstützung man bräuchte, und kann sie folglich auch nicht einfordern. Viele glauben auch, ihre Situation sei normal und sie hätten kein Recht auf Hilfe.

Was ist die Gefahr, wenn man so jung so viel Verantwortung trägt?
Man fühlt sich oft nicht wahrgenommen. Manche greifen dann zu Alkohol oder Drogen.

In welchen Bereichen wirkt sich die Pflege eines Angehörigen auf das Leben eines Young Carers aus?
In allen Bereichen. Bei mir beispielsweise sind die schulischen Leistungen gesunken, und ich musste das Gymnasium abbrechen. Young Carer haben oft wenig Freizeit und wenige Freunde. Wenn die Eltern die Arbeit nicht wertschätzen, haben sie auch ein niedriges Selbstwertgefühl. Die Isolation kann einen bis ins Erwachsenenalter verfolgen.

Gibt es auch positive oder sogar schöne Seiten an Ihrer Situation?
Ich habe gelernt, zugunsten meiner Familie Kompromisse einzugehen. Es ist wichtig, dass man Familiensinn entwickelt. Und es gibt den Begriff der „Leidenskompetenz“. Er bezeichnet die Fähigkeit, in allem Leiden einen Sinn sehen zu können. Das ist ein Geschenk. Wer diese Kompetenz schon in jungem Alter erwirbt, den wirft so schnell nichts mehr um.

Sie haben eine Plattform für Young Carer ins Leben gerufen. Was sind die häufigsten Anliegen?
Ich bekomme alle möglichen E-Mails: von Eltern, von Menschen, die helfen wollen, von ehemaligen Young Carern, aber auch von jungen Pflegenden selbst. Die meisten von ihnen brauchen jemanden, der mit ihnen redet und sie versteht. Oft bekomme ich Zuschriften wie: „Ich habe alles probiert, bekomme aber keine Hilfe.“ Mit meiner Plattform gebe ich ihnen einen geschützten Raum und die Möglichkeit, endlich gehört zu werden.

Was würden Sie einem jungen Menschen raten, der einen Angehörigen pflegt?
Deine Liebe und deine Pflege sind unendlich wertvoll. Wenn du dich entscheiden sollst zwischen Eltern und Schule/Beruf, dann entscheide dich für deine Eltern. Dir bleibt immer noch genug Zeit, um dir dein Leben aufzubauen und deine Träume zu erfüllen. Beruflich kannst du alles nachholen, aber die familiäre Situation kommt nie wieder.

Young Carer

Hilfe und Informationen erhalten pflegende Kinder und Jugendliche hier:

www.young-carer-hilfe.de

info@young-carer-hilfe.de

Interview: Annette Liebmann

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