26. Januar 2021
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Mehr als ein Hotel

In Augsburg hat das erste Inklusionshotel eröffnet – Das Einsmehr ist barrierefrei zugänglich und achtet auf Nachhaltigkeit

Ein kleiner Verein hat im Westen von Augsburg Großes bewegt: Die „Initiative Down-Syndrom für Augsburg und Umgebung“ ist Trägerin des Hotels Einsmehr, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten. „Unser Projekt soll auch andere ermutigen, Menschen mit Behinderung einzustellen“, betont Geschäftsführer Jochen Mack.

Das professionelle Beziehen der Betten hat Daniela Winkler in einem Partnerhotel gelernt, wo sie ein Praktikum gemacht hat. | © Annette Liebmann

Sorgfältig zieht Daniela Winkler das blütenweiße Leintuch glatt und schlägt es an den Ecken der Matratze um. Kein Fältchen ist zu sehen, so muss es sein. „Das Bett zu machen, war am schwierigsten zu lernen“, gibt sie zu. Seit September arbeitet die 35-Jährige im Hotel Einsmehr. Zuvor hat sie wie ihre anderen Kollegen mit Beeinträchtigung eine mehrmonatige Qualifikation absolviert, die von einer Sozialpädagogin begleitet wurde.

Daniela Winkler hat eine Lernbeeinträchtigung. Viele Jahre war sie in den Ulrichswerkstätten für Menschen mit Behinderung beschäftigt, erst in der Leichtmontage, dann in der Wäscherei. „Ich habe eine neue Herausforderung gesucht“, begründet sie ihre Entscheidung, die Sicherheit der Werkstatt zugunsten eines Jobs auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aufzugeben. Diesen Schritt hat sie nicht bereut: „Die Arbeit hier macht mir richtig Spaß.“

24 Beschäftigte hat das Hotel Einsmehr, zwölf von ihnen haben eine Beeinträchtigung. Dass am Anfang niemand mit Down-Syndrom dabei ist, ist ein Wermutstropfen für den Verein. „Aber das wird sicher noch kommen“, sagt Mack. „Wichtig ist, dass wir eine Alternative zu den Werkstätten bieten.“ Neben Winkler stammen sechs weitere Kolleginnen und Kollegen aus einer Werkstatt, zwei waren arbeitslos und drei kommen direkt von einer Förderschule.

Hoteldirektor Raúl Huerga Kanzler und seine Stellvertreterin, Ehefrau Sandra Huerga Kanzler, haben mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Behinderungen bisher nur gute Erfahrungen gemacht. „Wir sind begeistert von ihrem Ehrgeiz und ihrer hohen Motivation“, erzählt Sandra Huerga Kanzler. „Unsere Mitarbeiter wachsen mit ihren Aufgaben. Selbst die Eltern sind erstaunt, was ihre Kinder alles können“, betont sie. „Natürlich brauchen manche mehr Zeit für ihre Arbeit. Aber wir nehmen die Beeinträchtigungen nicht wahr“, fügt Raúl Huerga Kanzler hinzu.

Nicht nur bei seiner Belegschaft setzt das Hotel auf Inklusion. 73 Zimmer hat das Haus, alle sind frei von Schwellen oder anderen Hindernissen, acht sind sogar rollstuhlgerecht. Die Zimmer nahe am Treppenhaus verfügen über ein Blindenleitsystem. Bei Bedarf kann das Telefon durch eine Lichtsignalanlage ersetzt werden. Darüber hinaus verfolgt das Hotel auch ökologische Ziele: In der Küche werden regionale Bioprodukte verwendet, auf Plastik wird möglichst verzichtet, und die Einrichtung ist nachhaltig.

Das Hotel hat mitten in der Corona-Pandemie eröffnet, als Augsburg zum Hotspot wurde und die Zahl der Erkrankten täglich stieg. Viele Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Dass dennoch bis zu zwei Drittel der Zimmer belegt sind, liegt an der Nähe des Hotels zum Universitätsklinikum. Ärzte und medizinisches Personal der Bundeswehr, das in dem Großkrankenhaus einspringt, haben sich zwischenzeitlich einquartiert, ebenso einige Geschäftsreisende.

Von den Gästen haben die Hotelbetreiber bisher nur positive Resonanz erhalten. „Das macht uns Mut, dass wir gut durch die Krise kommen können“, geben sich Raúl und Sandra Huerga Kanzler zuversichtlich. Viel Glück gehabt Das Einsmehr ist auf drei Stockwerken in einem Multifunktionsgebäude untergebracht, die Räume sind gemietet. Die Vorkosten für die Einrichtung und Personalkosten beliefen sich auf 1,5 Millionen Euro. Anfangs war unklar, ob der kleine Verein die Finanzierung stemmen kann. „Wir haben viel Glück gehabt“, sagt Mack.

Und viele Türen geöffnet: Der Bezirkstag hat das Projekt bezuschusst, ebenso die Stadt Augsburg und der Freistaat. Hinzu kamen Spenden von regionalen Unternehmen und Organisationen. Die „Aktion Mensch“ hat eine Anschubfinanzierung gewährt, und von den Spenden der „Sternstunden“ des Bayerischen Rundfunks wird die Stelle der Sozialpädagogin finanziert. Mack wünscht sich, dass das Inklusionshotel nicht nur Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen schafft, sondern auch andere inspiriert, es ihnen nachzutun.

„Inklusion ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die nur gelingt, wenn sich alle beteiligen“, sagt er. So haben die Partnerhotels, in denen die Beschäftigten des Einsmehr qualifiziert wurden, bereits geäußert, dass sie es sich nach diesen positiven Erfahrungen vorstellen könnten, Menschen mit Behinderungen einzustellen.

Annette Liebmann

Schlagworte Inklusionshotel | Nachhaltigkeit | Barrierefreiheit

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