27. Oktober 2020
VdK-Zeitung Archiv

Beifall für die Richterin

Mutter erstreitet mithilfe des VdK Niederbayern ein Kinderpflegebett für ihren erwachsenen schwerbehinderten Sohn

Obwohl ihr schwerbehinderter Sohn bereits 28 Jahre alt ist, konnte VdK-Mitglied Rosemarie Mundl gemeinsam mit dem VdK Deggendorf und dem VdK-Bezirk Niederbayern durchsetzen, dass ihr die Kosten für ein neues Kinderpflegebett erstattet werden. Der VdK zog für die alleinerziehende Mutter vor das Sozialgericht Landshut.

Sind ein Herz und eine Seele: Rosemarie Mundl (rechts) und ihr Sohn Christian aus Niederbayern. | © privat

„Wuwuwu!“ Wenn Christian Mundl wie ein Indianer auf dem Kriegspfad heult, weiß seine Mutter, dass er etwas unbedingt haben möchte. „Christian ist absoluter Western-Fan“, erklärt Rosemarie Mundl und lacht, weil das Heulen gerade noch lauter wird. „Jetzt ist er grantig.“ So sagt man in Bayern über jemanden, der sich ärgert. Es geht oft lustig zu im Hause Mundl. „Wir haben viel Spaß“, freut sich die Alleinerziehende.

Angelman-Syndrom

Christian Mundl kam mit dem Angelman-Syndrom zur Welt, das durch eine Genmutation auf Chromosom 15 entsteht und zu den seltenen Krankheiten zählt. Aufgrund dieser Behinderung wurde ihm der höchste Pflegegrad 5 zuerkannt. Zu den Leistungen der Pflegeversicherung gehörte in der Vergangenheit auch ein Kinderpflegebett. Das Hilfsmittel wurde 1999 genehmigt. Damals war Christian ein Kind. Mittlerweile ist er 28 Jahre alt und zu einem 1,85 Meter großen Mann herangewachsen. Nach 20 Jahren ist das Bett stark abgenutzt, und es wird eng darin.

Die Niederbayerin beantragte für ihren Sohn deshalb im Mai 2019 ein Kinderpflegebett in Sondermaßen (Breite 120 Zentimeter, Länge 220 Zentimeter). Kostenpunkt: knapp 12000 Euro. Dass die Mutter erneut ein Modell für Kinder beantragte, hat gute Gründe: „Dank der 135 Zentimeter hohen Gitterumrandung mit abschließbarer Tür kann ich sicher sein, dass Christian das Bett nachts nicht allein verlassen kann. Zu groß wäre die Gefahr, dass er sich verletzt“, erklärt die Alleinerziehende. Im Juli 2019 lehnte die gesetzliche Krankenkasse den Antrag ab. Sie wies darauf hin, dass das Bett keine Hilfsmittelnummer hat. Zudem ist der Versicherte bereits mit einem elektrischen Einlegerahmen versorgt. Mit diesem Pflegehilfsmittel sei der bestehende Leistungsanspruch ausgeschöpft.

Nach dem Ablehnungsbescheid schaltete die 55-Jährige die VdK-Kreisgeschäftsstelle in Deggendorf ein. Der damalige Kreisgeschäftsführer Josef Neißendorfer legte Widerspruch ein. Er hob hervor, dass das Kinderpflegebett der Mutter die nötige Sicherheit für ihren Sohn gewähre und ihn vor Unfällen schütze – Fakten also, die der Kasse eigentlich längst bekannt sind. Dennoch wies die Krankenversicherung den Widerspruch im September 2019 ab. Sie begründete ihre Entscheidung damit, dass Christian Mundl kein Kind mehr ist. Der alternative Vorschlag lautete, dass der elektrische Einlegerahmen kostenneutral durch ein Standardpflegebett ersetzt werden könnte. Ein solches Pflegebett mit nur 30 Zentimeter hohem Seitengitter sei ausreichend.

Im Schlaf fixieren?

Damit nicht genug: Die Kasse riet der Mutter, dass sie ihren Sohn doch einfach im Schlaf fixieren solle. „Das geht gar nicht!“, empört sich Rosemarie Mundl. Sie entschied sich, gemeinsam mit dem VdK gegen die Krankenversicherung zu klagen. Sozialrechtsvertreterin Meryem Ocak vom VdK-Bezirk Niederbayern vertrat das VdK-Mitglied. Daraufhin kam ein technischer Hilfsmittelberater der Krankenversicherung zu Besuch. „Sein Gutachten brachte die entscheidende Wende“, erzählt Ocak. Rosemarie Mundl erklärte ihm, dass sich ihr Sohn nur in einem rundum geschlossenen Bett geborgen fühlt. Der Mitarbeiter gab der Mutter recht, dass nur ein Kinderpflegebett ihrem Sohn ein „Nestgefühl“ schenkt.

Im Juli schließlich lenkte die Krankenkasse vor dem Sozialgericht Landshut ein. Auf Initiative von Sozialrechtsvertreterin Meryem Ocak wurde ein Vergleich geschlossen, da die medizinischen Kriterien für die Übernahme eines Kinderpflegebetts mit einer Länge von 2,20 Meter eindeutig nicht gegeben waren. Die Krankenversicherung einigte sich mit dem VdK-Mitglied auf ein Kinderpflegebett in Normalmaßen (100 cm x 200 cm) mit neuem Einlegerahmen, das circa 4200 Euro kostet. Damit gab sich die Mutter zufrieden. Zum Abschluss hat Christian Mundl geklatscht. „Die Richterin hat sich gefreut. Noch nie habe ihr jemand nach der Verhandlung Beifall gespendet“, erinnert sich Rosemarie Mundl.

Elisabeth Antritter

Schlagworte Angelman-Syndrom | So hilft der VdK

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