29. August 2020
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Der große „kleine“ Unterschied

Männer gelten als Maßstab in der Medizin – Bei Frauen verläuft eine Erkrankung oft jedoch völlig anders

Frauen sind anders krank. Dieser Unterschied kann bei manchen Erkrankungen sogar lebensgefährlich sein. Dr. Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, erklärt, was sich in der Medizin ändern muss.

© Andrea Damm/pixelio.de

Seit vielen Jahrzehnten wird die Medizin von Männern dominiert. Gängige Krankheitsbilder orientieren sich meist am sogenannten „starken Geschlecht“. Nach wie vor sind viele Medikamente in ihrer Wirkung und Dosierung auf Männer zugeschnitten. Die Gendermedizin will das ändern. Sie erforscht die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und ist damit Wegbereiterin für eine individualisierte Medizin, die darüber hinaus unterschiedliche Bedürfnisse verschiedener Altersgruppen berücksichtigt.

Allerdings ist die Gendermedizin in Deutschland bislang wenig verbreitet. Derzeit gibt es nur einen Lehrstuhl an der Charité in Berlin. Ein weiterer wird an der Universität Bielefeld eingerichtet. Der Begriff „Gender“ stammt aus dem Englischen und steht für das soziale Geschlecht eines Menschen. Bereits seit Beginn der 1960er-Jahre werden in den USA die Unterschiede zwischen der Männer- und der Frauenrolle erforscht. Doch es dauerte Jahrzehnte, bis die Erkenntnis ins wissenschaftliche Bewusstsein rückte, dass die physiologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern auch in der Medizin stärker berücksichtigt werden müssen.

„Frauen haben einen völlig anderen Stoffwechsel, andere Hormone, ein anderes Immunsystem, weniger Muskelmasse und einen höheren Körperfettanteil“, erklärt Dr. Christiane Groß. „Bei vielen Erkrankungen klagen sie über gänzlich andere Symptome als Männer.“ Beispiel Herzinfarkt: Anfang der 2000er-Jahre kamen Wissenschaftler zu der Erkenntnis, dass dieser bei Frauen häufig zu spät oder gar nicht diagnostiziert wird, weil sie meist nicht die für Männer typischen Anzeichen aufwiesen. „Das kann die Überlebenswahrscheinlichkeit von Frauen reduzieren“, sagt Groß.

Andererseits haben Frauen häufiger das aktivere Immunsystem. Darum kann ihr Organismus manche Infektionen besser abwehren oder eine Erkrankung verläuft milder als bei Männern. Die Schattenseite: Frauen leiden häufiger an Autoimmunerkrankungen. Bei männlichen Patienten hingegen werden Depressionen häufig übersehen. „Männer zeigen meist nicht die typischen Symptome wie Niedergeschlagenheit, sondern sie verschieben die Beschwerden in den Körper und klagen über Schmerzen. Sie sind vielleicht auch reizbarer oder greifen eher zu Suchtmitteln“, so Groß. Auch die Infektion mit dem Coronavirus verläuft bei Frauen und Männern häufig anders. Warum das so ist, muss noch erforscht werden.

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist aus medizinischer Sicht enorm: Alkohol und Nikotin schaden Frauen mehr als Männern. Bei Frauen wird häufiger Osteoporose diagnostiziert. Sie reagieren empfindlicher auf Stress und Feinstaub, und Erkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes können für sie gefährlicher sein als für Männer.

In den 1990er-Jahren ist zudem der Genderaspekt in der Pharmakologie in den Blick geraten. Seit dem Contergan-Skandal zu Beginn der 1960er-Jahre waren Frauen von den Medikamententests ausgeschlossen worden. Das heißt, lange Zeit wurden Arzneimittel zugelassen, deren Wirksamkeit ausschließlich an Männern erprobt war. Mittlerweile müssen zwar auch Frauen wieder einbezogen werden, sie sind aber weiterhin unterrepräsentiert. Und ältere Medikamente, die nie an Frauen getestet wurden, sind nach wie vor im Umlauf.

Es verwundert wenig, dass Frauen häufiger unter Nebenwirkungen leiden. Da sie meist kleiner und leichter sind als Männer, besteht zudem die Gefahr, dass Arzneimittel überdosiert sind. Bei der Medikation sollten immer Geschlecht, Alter und Gewicht berücksichtigt werden. Groß rät Patientinnen, im Zweifelsfall beim Arzt nachzufragen, ob das verordnete Arzneimittel auch für Frauen geeignet und die Dosis angemessen ist.

In den Kinderschuhen

„In Deutschland steckt die Gendermedizin noch in den Kinderschuhen“, betont Groß. Während in der Facharzt-Weiterbildung die Unterschiede zwischen Mann und Frau in Symptomatik und Therapie von Erkrankungen fester Bestandteil sein sollen, gelten die Inhalte im Studium noch nicht als verpflichtend. Groß hofft nun, dass die Gendermedizin für alle Fächer in die neue Approbationsordnung aufgenommen wird. „Erkenntnisse der Gendermedizin müssen normaler Bestandteil von Studium und Weiterbildung sein. Sie dürfen nicht mehr infrage gestellt werden. Wichtig ist es, zu erkennen, dass Gendermedizin nicht nur ein Anliegen von Frauen, sondern auch eines von Männern sein muss“, so Groß.

Annette Liebmann

Schlagworte Gendermedizin | individualisierte Medizin

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