27. Mai 2020
VdK-Zeitung Archiv

„Die Familie gibt mir Kraft“

Schauspielerin Jutta Speidel engagiert sich für obdachlose Mütter und Kinder

Die Lage ist kritisch. Für viele Menschen, die in Notlagen sind, verschärft sich die Situation seit Ausbruch des Coronavirus noch mehr. In München leben etwa 300 obdachlose Frauen mit Kindern sowie sozial benachteiligte Familien unter der Obhut von „Horizont“, einem gemeinnützigen Verein, der 1997 von der beliebten Schauspielerin Jutta Speidel gegründet wurde. Im Interview mit der VdK-ZEITUNG erzählt die 66-Jährige, weshalb Ungerechtigkeit nur mit Engagement zu begegnen ist.

Jutta Speidel (rechts) inmitten ihrer "Horizont"-Schützlinge. | © Dirk Schiff

Warum ist der Einsatz für Frauen und Kinder in Not jetzt so wichtig?

Dieses Thema ist ja eigentlich immer aktuell. Obdachlose Frauen und Kinder sind das letzte Glied in der Gesellschaft. Diese Not betrifft Frauen aus Deutschland genauso wie geflüchtete Frauen. Unsere Bewohnerinnen kommen aus allen Schichten. Es werden immer mehr. Unser Verein hat ein Wohn- und ein Schutzhaus und ist unmittelbar von der Krise betroffen. Das Schutzhaus ist komplett überbelegt. Der Bedarf an Plätzen war aber schon vorher hoch, deshalb planen wir den Bau eines weiteren Wohnhauses.

Gefährdet Corona dieses Projekt?

Es wird schwerer, ja. Unser Verein ist auf Spenden angewiesen. Die mittelständischen Betriebe, die uns fördern, haben es gerade selbst nicht leicht, sie kämpfen ja teils ums Überleben. Deshalb zeige ich unermüdlich Präsenz, nutze meine Prominenz, bitte um Spenden und sage: „Es gibt so viel Leid. Ich brauche eure Hilfe!“

Müsste sich nicht eigentlich der Staat um die Ärmsten der Armen kümmern?

Als ich anfing mit meinem Verein, habe ich diese Aussage oft gehört. Gerade auch von Menschen, die wirklich genug Geld in der Tasche haben. Ich kann keine Gesetze ändern, aber ich kann helfen. Das ist meine Erfahrung. Die politisch Verantwortlichen sind durch mich als Vorreiterin ja wach geworden. Zum Glück ist die Stadt München auf meiner Seite, zum Beispiel bei unseren Bauvorhaben. Also die kümmern sich, so gut es geht. Und im Vergleich zu 1997, als noch niemand etwas von obdachlosen Frauen wissen wollte, ist wirklich schon vieles besser geworden.

Wie muss man sich das Leben bei „Horizont“ vorstellen?

Unsere Frauen und Kinder haben immer einen weiten Weg hinter sich, bevor sie zu uns kommen. Gewalt, Bedrohung, Wohnungslosigkeit oder Flucht, Armut – oft über viele Jahre. Das prägt sie mehr als ihre Herkunft. Freundschaften entstehen zwischen ihnen, weil sie dieses Schicksal verbindet. Religiöse oder kulturelle Auseinandersetzungen gibt es kaum. Aktuell suchen sehr viele junge Frauen bei uns Schutz. Oft sind sie schwanger oder haben sehr kleine Kinder. Sie alle wollen eine neue Lebensperspektive. Deshalb heißt mein Verein „Horizont“. Denn das Licht ist am Horizont. Um die Frauen in die Gemeinschaft zu holen, gehört Kultur zu unserem Konzept. Wir haben viele Angebote: ein Theater, ein Café, eine afrikanische Tanzgruppe, einen Frauenchor. Der durch Corona erzwungene Rückzug in die Wohnungen hat Ängste leider wieder geweckt. Das ist ein Rückschritt. Doch das bauen wir wieder auf.

Was treibt Sie an?

Ich will für mich keinen Blumentopf gewinnen. Aber Ungerechtigkeit war mir schon immer ein Dorn im Auge. Gerade wenn es gegen Frauen geht. Ich mag selbstherrliche Menschen nicht, Machismo finde ich widerlich. Ich bin eine echte Frauenfrau. Der Verein ist mein Baby, da stecke ich viel Energie rein. Ich bin schon mit vielen Problemen klargekommen, musste mich mit Bürokratie herumschlagen und mich auch schon von der einen oder anderen Idee verabschieden. Das macht aber nichts. Wir wachsen an unseren Erfahrungen.

Was hilft Ihnen?

Meine Familie! Die wunderbaren Momente, die ich aus dem Zusammensein mit meinen beiden Töchtern und dem Enkelkind schöpfe, geben mir Kraft. Als ich Ende Februar von einer Reise aus Neuseeland und Australien zurückgekehrt bin, merkte ich, dass wegen Corona etwas auf uns zukommt. Deshalb habe ich mit meiner Tochter die bewusste Entscheidung getroffen, dass sie mit ihrem kleinen Sohn zu mir zieht. Während der Beschränkungen sind wir zusammengewachsen. Ich habe eine enge Bindung zu meinem Enkel aufgebaut und meine Tochter konnte beruhigt zur Arbeit gehen.

Und Ihr Beruf?

Ich bin traurig, dass ich derzeit nicht arbeiten darf. Es war ein schöner Zufall, dass ich letztes Jahr noch diese große Reise für die Dreharbeiten zum „Traumschiff“ machen konnte. Ein Theaterprojekt, das aktuell geplant war, findet wohl nicht statt. Aber ich freue mich, dass ich noch gefragt bin. Für 2021 gibt es bestimmt wieder neue Dreh arbeiten. Ich bin sehr zufrieden. Mein Leben steht auf drei festen Säulen: Die Familie ist das Allerwichtigste für mich, dazu kommen die Schauspielerei und mein Verein.

Interview: Dr. Bettina Schubarth

Schlagworte Interview | München | Obdachlosigkeit | Frauenhäuser

Mediadaten

Hier finden Sie die aktuellen Preise (bayernweit) für gewerbliche Anzeigen für die VdK-Zeitung als Download:

Impressum

Hier finden Sie das Impressum der VdK-Zeitung:

Archiv


Hier finden Sie Artikel aus älteren Ausgaben der VdK-Zeitung:


Weitere Artikel aus der VdK-Zeitung finden Sie auf den Seiten des VdK Deutschland: VdK-Zeitung

Presse
Symbolfoto: Unterlagen, eine davon mit dem Vermerk "Wichtig"
Bleiben Sie stets auf dem Laufenden: Unsere Abteilung "Presse, PR, neue Medien" versorgt Journalistinnen und Journalisten mit aktuellen Pressemeldungen und Statements des Sozialverbands VdK Bayern.
VdK-Zeitung
Eine Frau und ein Mann lesen die VdK-Zeitung
Mit einer Druckauflage von 600.000 Exemplaren zählt die VdK-Zeitung zu den auflagenstärksten Printmedien in ganz Bayern. Alle VdK-Mitglieder bekommen sie zehnmal pro Jahr kostenlos per Post zugestellt.
VdK-TV
Die Videoprogramme des Sozialverbands VdK bieten spannende Interviews, aktuelle Reportagen und anschauliche Berichte. Sie sind über das Video-Portal VdK-TV jederzeit im Internet abrufbar.
Presse
Symbolfoto: Ein Briefumschlag mit einem großen @-Zeichen darin.
Wir bieten Ihnen zwei Newsletter an, die Sie kostenfrei abonnieren können: unseren Presse-Newsletter mit den aktuellen Pressemitteilungen des VdK Bayern und den monatlichen Newsletter.
Tipps und Termine
Symbolfoto: Ausgeschnittene Papiermännchen bilden einen Kreis
In unserer Rubrik "Tipps und Termine" stellen wir Ihnen aktuelle Neuigkeiten aus dem Verbandsleben, Aktionen, Veranstaltungen, Pressemitteilungen sowie Links zu interessanten Beiträgen vor.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.