30. April 2020
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Große Enttäuschung in Oberammergau

Passionsspiele um zwei Jahre verschoben – VdK-Mitglieder spielen mit

Aus Dankbarkeit über das Ende der Pest hatten die Oberammergauer ihre Passionsspiele einst ins Leben gerufen. Nun zwang sie die Corona-Pandemie zur Verschiebung. Davon betroffen sind auch VdK-Mitglieder.

Jesus zieht in Jerusalem ein. So sah es bei den Oberammergauer Passionsspielen im Jahr 2010 aus. Dieses Jahr wurden alle 103 geplanten Vorstellungen wegen der Ausbreitung des Coronavirus abgesagt. | © Brigitte Maria Mayer/Passionsspiele Oberammergau 2010

Alles war bereit. Auch der Vollbart und die Haare von Alexander Schwarz waren kräftig gewachsen, sodass die letzten Proben für die Passionsspiele hätten kommen können. Doch dann wurden wegen der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zunächst die Volksproben abgesagt, bei denen Hunderte Oberammergauer, darunter auch VdK-Mitglied Alexander Schwarz, eng an eng auf der Bühne stehen. Und am 19. März ordnete das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen an, dass das Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi nicht wie geplant dieses Jahr vom 16. Mai bis 4. Oktober stattfinden kann.

Volksprobe vor der Corona-Krise. | © Andreas Stückl/Passionsspiele Oberammergau


Oberammergaus Gemeinderat hatte bereits zuvor entschieden, die Passionsspiele im Fall eines Aufführungsverbots um zwei Jahre zu verschieben. Dies passiert erst zum zweiten Mal in der Geschichte: 1920 war wegen der Folgen des Ersten Weltkriegs und auch der grassierenden Spanischen Grippe ebenfalls eine zweijährige Verschiebung nötig. 1770 hatte Kurfürst Maximilian III. die Passionsspiele verboten, und 1940 fielen sie wegen des Zweiten Weltkriegs aus. Die Oberammergauer hatten 1633 gelobt, das Schauspiel alle zehn Jahre auf die Bühne zu bringen, wenn sie von der Pest verschont bleiben. Bei der offiziellen Verkündigung vor dem Passionsspieltheater war die große Enttäuschung zu spüren: nur betretene Gesichter.

Christian Stückl, der seit 1987 Spielleiter ist, versagte kurz die Stimme. Er sagte, die Emotionen seien hochgegangen. „Wir waren seit Jahren mit dem Ganzen beschäftigt, und jeder hat es gerne gemacht. Aber es ist jetzt so“, erklärte Stückl und blickte bereits in die Zukunft: „Es ist wichtig, ein genaues Datum zu haben, wann es weitergeht. So verschieben wir nur, und die Spieler wissen: ‚Irgendwann darf ich wirklich auf die Bühne.‘“ Im ARD-Interview hat Stückl sich kurze Zeit später auch schon wieder humorvoll gezeigt und gesagt: „Mei, ein alter Spruch von mir lautet: ‚Über was lacht Gott? Über Planung.‘“

Spielleiter Christian Stückl bei der Pressekonferenz zur Verschiebung der Passionsspiele. | © Sebastian Schulte/Passionsspiele Oberammergau


Etwa die Hälfte der rund 5500 Einwohner Oberammergaus ist vor oder hinter der Bühne aktiv. Unter den Hunderten Darstellern sind zahlreiche VdK-Mitglieder. Zu ihnen gehören neben Alexander Schwarz unter anderem Maria Brauchle, Silvia Göhr, Heinz Kobler, Agathe Maderspacher und Karl-Heinz Solf. Nicht nur die Akteure auf der Bühne bereiteten sich seit Langem auf die Passionsspiele vor. Ein Großteil der rund 500.000 Eintrittskarten war bereits verkauft, und auch Geschäftsinhaber, Gastwirte, Hoteliers hatten alles vorbereitet für die Saison: Zusätzliches Personal war engagiert, Waren eingekauft, viele hatten Kredite aufgenommen, die bis zu den Passionsspielen liefen.

Alexander Schwarz, der bereits seit Längerem im VdK-Ortsvorstand in Oberammergau aktiv ist, hat sein Geschäft, in dem er gemeinsam mit seiner Frau Bücher und Schreibwaren verkauft, ebenfalls auf die halbjährige Passionsspielzeit vorbereitet. „Natürlich war die Absage eine große Enttäuschung“, sagt Schwarz. Auch er hatte alle beruflichen und privaten Aktivitäten auf die ursprünglich geplante Premiere am 16. Mai sowie die 80 bis 100 Aufführungen, an denen er teilgenommen hätte, ausgerichtet. Doch seine Einsätze samt der berühmten Rufe „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ verschieben sich nun auf 2022.

Direkt nach der Absage ist er zum Friseur gegangen und hat sich die Haare schneiden lassen, bevor der Salon einen Tag später schließen musste. Ab Aschermittwoch nächsten Jahres wird sich Schwarz wieder für anderthalb Jahre nicht rasieren und frisieren lassen. Dann gilt für die Darsteller des jüdischen Volkes erneut der Bart- und Haarerlass.

Sebastian Heise

Schlagworte Oberammergauer Passionsspiele | Corona

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