24. März 2020
VdK-Zeitung Archiv

Im Ruhestand auf Verbrecherjagd

VdK-Mitglied Hermann Kipnowski ist deutschlandweit der „Kaffeefahrt-Mafia“ auf der Spur

Hermann Kipnowski weiß nicht, an wie vielen Kaffeefahrten er teilgenommen hat. „Ab 200 habe ich aufgehört zu zählen“, sagt er. Der 84-jährige ehemalige Polizist aus Aachen ist seit 1995 pensioniert. Doch auch im Ruhestand jagt er noch Verbrecher.

Das VdK-Mitglied war mehr als 40 Jahre bei der Polizei: erst beim Grenzschutz, dann bei der Autobahnstreife und schließlich als Oberkommissar beim Erkennungsdienst in Köln. Als seine damalige Lebensgefährtin 1986 nach einem Tagesausflug eine wertlose Magnetbettauflage nach Hause brachte, für die sie viel Geld bezahlt hatte, begann er, sich für Kaffeefahrten zu interessieren.

Einsam und gutgläubig

Es sind vor allem ältere Menschen, die sich von Gewinnversprechen oder der Aussicht, einen vergnüglichen Nachmittag mit Gleichaltrigen zu verbringen, locken lassen. Viele Senioren sind alleinstehend, gutgläubig oder haben gesundheitliche Probleme. Das nutzen die Betrüger aus, um ihnen zu völlig überzogenen Preisen Magnetdecken, Massagegeräte und Nahrungsergänzungsmittel zu verkaufen, die angeblich Wunder bewirken.

Wer auf die perfiden Verkaufsmaschen reinfällt, schämt sich oft so sehr, dass er keine Anzeige erstattet.
Ohnehin sind die Betrüger äußerst schwer zu fassen. „Sie tun alles, um ihre Identität zu verschleiern“, erklärt Kipnowski. Drei Viertel der Anbieter sind Scheinfirmen, die falsche Adressen oder nur ein Postfach im Ausland angeben.

Wer vom Kauf eines überteuerten Produkts zurücktreten will – Käufer haben 14 Tage das Recht dazu – tut sich in diesem Fall damit schwer. „Seriöse Kaffeefahrten gibt es praktisch nicht“, sagt Kipnowski. Verkaufsveranstaltungen müssen zuvor beim örtlichen Ordnungsamt angemeldet werden. Indem die Veranstalter von Kaffeefahrten das nicht tun, verstoßen sie gegen das Gewerberecht. Machen sie falsche Versprechungen, verstoßen sie zudem gegen das Wettbewerbsrecht.

Kipnowski ist der Schrecken aller Kaffeefahrt-Veranstalter. Im Raum Aachen werden keine solchen Tagesreisen mehr angeboten. Auch in anderen Regionen Deutschlands kann er nicht mehr selbst mitfahren – er ist zu bekannt. Wenn die Anbieter sein Auto erblicken, brechen sie den Verkauf der Produkte ab. Kipnowskis größter Coup war die Ergreifung eines niederländischen Anbieters, der 630.000 Euro Geldstrafe zahlen musste.

Der pensionierte Polizist hat viele Jahre akribisch Informationen über die verschiedenen Anbieter gesammelt. „Das ist ein Puzzlespiel“, sagt er. Heute gilt der „Kommissar Kaffeefahrt“, wie ihn die „Bild“-Zeitung nennt, als Kenner der Szene in ganz Deutschland. Er selbst bezeichnet sie als „Mafia“, weil die Kriminellen bandenmäßig organisiert sind.

Zurzeit beschäftigt ihn der Fall einer Dame aus Bonn, die ein Duschmassage-Gerät für 1500 Euro gekauft hat. Im Internet werden solche Geräte ab 60 Euro angeboten. „Wenn ich vor Ort gewesen wäre, hätte ich ,Hallo wach!‘ geschrien“, meint der Experte. Nun versucht er, den Veranstalter ausfindig zu machen. Wie vielen Menschen er schon geholfen hat, kann er nicht sagen. „Die Betrüger sind gerissen und entwickeln immer neue Maschen“, berichtet er. „Ich lerne ständig Neues dazu.“

Oft finden die Verkaufsveranstaltungen an einem entlegenen Ort statt, wo es eine schlechte Internetverbindung gibt, sodass sich die Senioren nicht informieren können, wie viel das überteuerte Produkt bei einem anderen Anbieter kosten würde. Eine große Rolle spielen Druck und Überrumpelung durch die Verkäufer. Viele ältere Menschen trauen sich nicht, Nein zu sagen. Wer zu wenig Geld dabei hat, wird mit dem Auto zur Bank gefahren, um sofort in bar bezahlen zu können. Neu ist, dass Kaufverträge nicht nur bei den Veranstaltungen selbst, sondern auch bei anschließenden Hausbesuchen abgeschlossen werden. Dazu gehen die Verkäufer die Kundendateien und Teilnehmerlisten durch.

Hermann Kipnowski will weitermachen, solange es gesundheitlich geht. Seine Motivation: „Ich will verhindern, dass noch mehr ältere Menschen über den Tisch gezogen werden.“ Deshalb bittet er alle, die eine Einladung für eine Kaffeefahrt in ihrem Briefkasten finden, ihm diese als Scan zuzusenden an hermann.kipnowski@online.de

Annette Liebmann

Schlagworte Kaffeefahrten

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