22. März 2020
VdK-Zeitung Archiv

Kleine Reformen sind ungenügend

VdK-Forum zum Thema Pflege – Grundprobleme nicht gelöst

Das VdK-Forum beschäftigte sich in diesem Jahr mit dem Megathema Pflege. Im Mittelpunkt stand die provokante Frage „Reichen neue Akzente oder brauchen wir einen Neustart?“.

Die Redner und Diskussionsteilnehmer des VdK-Forums (von links): stellvertretender VdK-Landesvorsitzender Hermann Imhof, VdK-Präsidentin Verena Bentele, Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath, VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher, Landtagsabgeordnete Ruth Waldmann, Dr. Cornelia Heintze, VdK-Landesgeschäftsführer Michael Pausder, Prof. Dr. Stefan Greß und Moderator Nikolaus Nützel. | © Mirko Besch

Die Pflege steht in Deutschland kurz vor dem Kollaps. Die Eigenanteile für die stationäre Versorgung steigen stetig, pflegende Angehörige finden keine Entlastung, und Pflege heime tun sich schwer, Personal zu finden. „Kleinere Reformen reichen sicher nicht mehr aus“, betonte VdK-Landesgeschäftsführer Michael Pausder in seiner Begrüßung. Stattdessen seien weitreichende und nachhaltige Änderungen notwendig, allen voran die Einführung einer Pflegevollversicherung.

Zu wenig Unterstützung

„Der VdK weiß von seinen Mitgliedern, wo die Herausforderungen in der Pflege liegen“, sagte VdK- Präsidentin Verena Bentele. Pflegende Angehörige hätten vielfältige Probleme, jedoch kaum Unterstützung. So gebe es in Bayern nach wie vor zu wenige Kurzzeitpflegeplätze, und die ambulanten Versorgungsstrukturen reichten in vielen Regionen nicht aus. „Pflegende Angehörige beuten sich selbst so aus, dass sie während oder nach der Pflege oft selbst zum Pflegefall werden“, betonte Bentele.

Dr. Frank Berner vom Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin ist der Frage nachgegangen, wie Kommunen dafür sorgen können, dass gutes Leben im Alter möglich ist. Diese Untersuchung ist auch Thema des 7. Altenberichts „Sorge und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften“. Berner kommt zu dem Schluss, dass lokale Sorgestrukturen mehr beinhalten als nur Pflege. Die Städte und Gemeinden können Projekte in die Wege leiten und die Akteure mit einander vernetzen. Allerdings müssen sie rechtlich und finanziell unterstützt werden, um den demografischen Wandel vor Ort aktiv gestalten zu können.

Einen interessanten Einblick in die Situation der skandinavischen Länder gab die Politologin Dr. Cornelia Heintze. In Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland und Island wird die Pflege komplett öffentlich finanziert. Pflegeprofis besuchen kranke und alte Menschen zu Hause, vermitteln sie an Ärzte, verordnen Medikamente und kümmern sich darum, dass die Betroffenen möglichst lange selbstständig zu Hause bleiben können. Die Pflege kräfte werden an den Hochschulen ausgebildet und bilden eine eigene Säule der Gesundheitsversorgung. Wenn Familienangehörige die Pflege übernehmen, werden sie beim Staat angestellt.

Politischer Wille nötig

Im Vergleich zu Deutschland sind die Ausgaben für die Pflege relativ hoch, die Verwaltungskosten sowie die Kosten im Gesundheitsbereich hingegen sehr gering. Mittlerweile haben die Niederlande und Österreich einiges aus Skandinavien übernommen. „Wenn der politische Wille da ist, lassen sich auch einzelne Elemente des Systems umsetzen. Ohne Mut bleibt es jedoch beim Dauer-Reparatur-Modus“, so Heintze.

Hermann Imhof, stellvertretender VdK-Landesvorsitzender und ehemaliger Patienten- und Pflegebeauftragter der bayerischen Staatsregierung, sagte, dass die Grundprobleme in der Pflege nach wie vor ungelöst seien. Dazu zählte er eine unabhängige Pflegeberatung, mehr Kurzzeitpflegeplätze, die Verfügbarkeit von haushaltsnahen Dienstleistungen, die Entlastung von pflegenden Angehörigen sowie die Deckelung der Eigenanteile für stationäre Pflege. „Wir müssen uns von der Überzeugung lösen, dass wir das beste Pflegesystem hätten“, stellte er fest. Prof. Dr. Stefan Greß von der Hochschule Fulda attestierte der Pflegeversicherung, dass sie durch die enorm gestiegenen Kosten in ihrer ursprünglichen Funktion ausgehöhlt wurde.

Hinzu kommt, dass die Zweiteilung in private und gesetzliche Pflegeversicherung für eine ungleiche Lastenverteilung sorgt, da Privatversicherte in der Regel seltener und später Pflege benötigen. In der anschließenden Podiumsdiskussion unter Moderation von BR-Redakteur Nikolaus Nützel prophezeite Greß, der Anteil der pflegenden Angehörigen werde weiter sinken, wenn die Politik nicht steuernd eingreife. Er sehe dringenden Handlungsbedarf. VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher sprach sich für die Zusammenführung der privaten und gesetzlichen Pflegeversicherung zu einer einheitlichen Bürgerversicherung aus.

„Die Pflegeversicherung hat sich nicht so entwickelt wie erhofft“, stellte sie fest. Die Aufrechterhaltung eines zweigeteilten Systems werde auf Dauer schwer zu vertreten sein. Der CSU-Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Bernhard Seidenath, hingegen sieht ein neues Finanzierungssystem wegen der Nähe zu den Krankenversicherungen problematisch. Er sprach sich aber für eine Deckelung der Eigenanteile in der stationären Pflege aus. Die Landtagsabgeordnete und SPD- Pflegeexpertin Ruth Waldmann unterstützte Maschers Forderung nach einer einheitlichen Pflegeversicherung. Auch die Deckelung der Eigenanteile bezeichnete sie als sinnvoll.

VdK Forum 2020: "Megathema Pflege"

Kann die Pflege in Deutschland noch gerettet werden? Reichen weitere Reformen, oder brauchen wir einen kompletten Neustart, etwa durch eine Pflegevollversicherung? Diesen Fragen ging am 5. März 2020 in München das sozialpolitische VdK-Forum "Megathema Pflege" nach.


Das könnte Sie auch interessieren:

VdK-Forum 2020: "Megathema Pflege"
Die Ergebnisse der VdK-Foren werden in zahlreichen wissenschaftlichen Abhandlungen, Diplom- und Doktorarbeiten zitiert. Hier können Sie die Dokumentationen der letzten Jahre kostenlos bestellen. | weiter

Annette Liebmann

Schlagworte VdK-Forum 2020 | Pflege | Pflegevollversicherung | pflegende Angehörige

Mediadaten

Hier finden Sie die aktuellen Preise (bayernweit) für gewerbliche Anzeigen für die VdK-Zeitung als Download:

Impressum

Hier finden Sie das Impressum der VdK-Zeitung:

Archiv


Hier finden Sie Artikel aus älteren Ausgaben der VdK-Zeitung:


Weitere Artikel aus der VdK-Zeitung finden Sie auf den Seiten des VdK Deutschland: VdK-Zeitung

Presse
Symbolfoto: Unterlagen, eine davon mit dem Vermerk "Wichtig"
Bleiben Sie stets auf dem Laufenden: Unsere Abteilung "Presse, PR, neue Medien" versorgt Journalistinnen und Journalisten mit aktuellen Pressemeldungen und Statements des Sozialverbands VdK Bayern.
VdK-Zeitung
Eine Frau und ein Mann lesen die VdK-Zeitung
Mit einer Druckauflage von 600.000 Exemplaren zählt die VdK-Zeitung zu den auflagenstärksten Printmedien in ganz Bayern. Alle VdK-Mitglieder bekommen sie zehnmal pro Jahr kostenlos per Post zugestellt.
VdK-TV
Die Videoprogramme des Sozialverbands VdK bieten spannende Interviews, aktuelle Reportagen und anschauliche Berichte. Sie sind über das Video-Portal VdK-TV jederzeit im Internet abrufbar.
Presse
Symbolfoto: Ein Briefumschlag mit einem großen @-Zeichen darin.
Wir bieten Ihnen zwei Newsletter an, die Sie kostenfrei abonnieren können: unseren Presse-Newsletter mit den aktuellen Pressemitteilungen des VdK Bayern und den monatlichen Newsletter.
Tipps und Termine
Symbolfoto: Ausgeschnittene Papiermännchen bilden einen Kreis
In unserer Rubrik "Tipps und Termine" stellen wir Ihnen aktuelle Neuigkeiten aus dem Verbandsleben, Aktionen, Veranstaltungen, Pressemitteilungen sowie Links zu interessanten Beiträgen vor.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.