23. Januar 2020
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Busfahren mal anders

Wie ist das, als Rollstuhlfahrer in einen Bus einzusteigen? Eine Schulung in Augsburg lädt zum Perspektivenwechsel ein

Viele Menschen mit Behinderung nutzen den öffentlichen Nahverkehr. Um die Bedürfnisse dieser Fahrgäste besser verstehen zu können, bietet der Augsburger Verkehrs- und Tarifverbund (AVV) eine Schulung an, bei der die Busfahrer die Rollen tauschen. Sie lernen, wie es sich anfühlt, mit dem Rollstuhl einzusteigen oder mit dem Altersanzug einen Sitzplatz zu suchen.

Die Rampe zum hinteren Einstieg ist ausgeklappt. Doch was einfach aussieht, erweist sich als schwierig. Sämtliche Teilnehmer scheitern, wenn sie versuchen, selbst mit dem Rollstuhl hochzufahren. Die Rampe ist viel zu steil. Nur wenn sie geschoben werden, klappt es. „Und jetzt senken wir den Bus ab“, ordnet Kursleiterin Elisabeth Stellmann an.

„Kneeling“ heißt dieser Vorgang, bei dem das Fahrzeug um mehrere Zentimeter heruntergelassen wird. Das geschieht mit einem lauten Zischen, denn dazu werden die Luftfederbälge auf der Einstiegs seite entlüftet. Plötzlich geht das Hineinrollen viel leichter. „Ich wäre über diese steile Rampe auch nicht reingekommen“, tröstet Josef Koppold die Teilnehmer. „Für uns Rollifahrer und Gehbehinderte ist jeder Zentimeter wichtig.“

Der Behindertenbeauftragte des Landkreises Aichach-Friedberg hat gemeinsam mit dem AVV diese besondere Schulung initiiert, die nun schon zum vierten Mal stattfindet. Er ist zum zweiten Mal mit dabei, um den Busfahrern die Sicht von mobilitätseingeschränkten Menschen zu vermitteln. Koppold ist auch für den VdK aktiv: als stellvertretender Vorsitzender des VdK-Ortsverbands Aichach und als Vertreter des VdK im Landesbehindertenrat.

Seit er im Jahr 2000 als Behindertenbeauftragter angefangen hat, beschäftigt er sich mit Mobilität. „Damals gab es im nördlichen Landkreis keinen einzigen Niederflurbus“, erinnert er sich. Mittlerweile sind im gesamten AVV-Gebiet – der Stadt und dem Landkreis Augsburg sowie den Landkreisen Aichach- Friedberg und Dillingen an der Donau – moderne Niederflurbusse unterwegs, die auch für Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung problemlos zugänglich sind. Fast alle der über 1400 Haltepunkte sind inzwischen umgebaut, sodass sie selbstständig ein- und aussteigen können.

Grauer Star, Makuladegeneration, Netzhautablösung: Elisabeth Stellmann verteilt Brillen, mit denen verschiedene Sehbehinderungen simuliert werden. Je ein Teilnehmer probiert eine Brille aus, während sein Kollege aufpasst, dass er nicht stolpert oder sich wehtut. Dann wird es noch schwieriger: „Zählen Sie das Wechselgeld ab“, sagt die Kursleiterin und drückt einem Brillenträger eine Dose mit Münzen in die Hand. Samuel Micheler, der Jüngste der Gruppe, probiert den Altersanzug an. Mit Kopfhörern, Bandagen und bleischwerer Weste steigt er in den Bus und läuft herum. Jede Bewegung ist mühsam.

Zur Mitnahme verpflichtet

Unter den Busfahrern entbrennt die Diskussion, ob sie einem Rollstuhlfahrer beim Einsteigen helfen müssen, wenn er ohne Begleitperson unterwegs ist. Die Antwort lautet: Ja, im AVV gibt es eine Beförderungspflicht für alle Fahrgäste. Für Peter Beise, der selbst eine gehbehinderte Mutter hat, ist das kein Problem: „Ich bin so erzogen worden, dass man diesen Menschen hilft, schließlich kann es jeden treffen“, bekräftigt er.

Ihn beschäftigt die Frage, was er tun soll, wenn der Rolli-Stellplatz bereits mit mehreren Kinderwagen besetzt ist. Zwar ist es in modernen Bussen möglich, auf der Rollstuhlfläche noch mal zwei Sitze für Begleitpersonen hochzuklappen, doch der Platz ist begrenzt. Sämtliche AVV-Busse sind barrierefrei. In Abstimmung mit dem Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund haben sie kontrastreiche gelb-blaue Taster und schwarz-weiße Zielanzeigen. Manche können sogar E-Scooter transportieren.

„Der AVV ist vorbildlich“, betont Koppold. Am wichtigsten sei allerdings die Schulung der Fahrer, denn „sie entscheiden, ob ich teilhaben darf oder nicht“. Der Kurs findet einmal jährlich statt. „Anfangs sind die Teilnehmer meist skeptisch, weil sie viel Theorie erwarten. Bei den praktischen Übungen wächst dann das Interesse“, hat Irene Goßner, Marketing-Leiterin beim AVV, erlebt.

Der Praxisteil wird mit einer Theoriestunde ergänzt, in der Fragen erörtert werden, wie zum Beispiel: Wie kann ich blinden Menschen bei der Orientierung helfen? Oder: Wie spricht man mit gehörlosen Menschen? Für dieses bayernweit einzigartige Konzept hat der AVV das Signet „Bayern barrierefrei“ der bayerischen Staatsregierung erhalten.

Annette Liebmann

Schlagworte Mobilität | Niederflurbus | öffentlicher Nahverkehr

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