11. Juli 2019
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Fragwürdige Methoden

VdK prangert Vorgehensweise der Kassen beim Krankengeld an

Telefondruck oder ständige Vorladungen: Einige Sachbearbeiter der Krankenkassen versuchen offenbar, Versicherte aus dem Krankengeld in die Erwerbsminderungsrente zu drängen. Insbesondere der VdK-Kreisverband Neumarkt in der Oberpfalz sieht sich fast täglich mit ähnlich gelagerten Fällen konfrontiert.

Korbinian Keil, VdK-Kreisgeschäftsführer aus Neumarkt in der Oberpfalz (links), beklagt Probleme mit den Krankenkassen. Richard M. erzählt seine Geschichte, die stellvertretend für ganz viele steht. | © Katrin Böhm/Mittelbayerische Zeitung

Richard M. (Name geändert) hat in seinem Leben hart arbeiten müssen. Mit 14 lernte er erst Betonierer, dann wurde er Maschinenschlosser und Werkzeugmacher. „Ich habe einen Kranschein gemacht, im Außentransport gearbeitet, bin Lkw gefahren und habe vor allem 20 Jahre in der Galvanik gearbeitet“, sagt der 54-Jährige aus dem Landkreis Neumarkt. Er habe Säuredämpfe eingeatmet, „viel mit gefährlichen Stoffen zu tun gehabt“. Heute, 40 Jahre später, hat Richard M. viele Operationen hinter sich und am 7. Mai 2019 mit Hilfe des VdK Neumarkt einen Erwerbsminderungsrentenantrag gestellt. Warum er hier seine Geschichte erzählt und zunehmende Probleme mit den Krankenkassen beklagt? Richard M.: „Ich möchte anderen helfen, denen es ähnlich geht.“

Immer wieder Anrufe

Im März 2018 wurde Richard M. krankgeschrieben. Ab Mitte April trat das Krankengeld in Kraft, und im Mai wurde er an der Schulter operiert. Es war bis dahin die zehnte Operation in seinem Leben. Schon kurz nach der Operation kamen die ersten Anrufe der Krankenkasse, wie es denn nun arbeitstechnisch bei ihm weitergehe, erzählt Richard M. Zu diesem Zeitpunkt stand aber nur fest, dass er im Sommer eine Reha beginnt. Während der Therapie in der Reha verletzte er sich erneut, sodass dann im November 2018 die elfte Operation anstand. „Ich habe Übungen gemacht, um Muskeln aufzubauen, da habe ich mir eine Sehnenverletzung zugezogen“, erklärt Richard M.

Zu den körperlichen Beschwerden kam nun noch massiv Stress mit der Krankenkasse dazu: „Zwischen der ersten Reha und der neuerlichen Operation wurde ich ständig von der Kasse angerufen. Ich war psychisch am Ende“, sagt er. Nach der OP folgte eine zweite Reha – und immer wieder kamen weitere Anrufe der Kasse. Vor wenigen Wochen hat Richard M. resigniert. „Es bringt ja nichts mehr. Ich will auch nicht mehr. In meinen Augen ist es unmenschlich, was die Krankenkassen machen. Ich kann nicht auf einen Knopf drücken und dann bin ich wieder gesund. Bei mir ist körperlich und psychisch sehr viel kaputt.“ Derzeit sei er in psychiatrischer Behandlung und mache Physiotherapie. Richard M. muss sehr starke Schmerzmittel wie Morphium einnehmen.

Schwer gearbeitet


Er hat nun Erwerbsminderungsrente beantragt. Was bedeutet: erheblich weniger Geld als bei der normalen Rente. Eine Erwerbsminderungsrente liegt im Bundesdurchschnitt bei 800 bis 900 Euro. Doch letztlich sei es für ihn eine Erleichterung gewesen, als der VdK sich um das „Rentenzeug“ kümmerte und er sich in guten Händen wusste. Bei Richard M. handelt es sich nicht um einen Ausnahmefall. Regelmäßig melden sich beim VdK in Neumarkt Menschen, denen es ähnlich geht, und die keinen Ausweg mehr wissen.

„Das sind Menschen, die ihr ganzes Leben schwer gearbeitet haben und nun zum Ende ihres Berufslebens nicht mehr durchhalten“, berichtet VdK-Kreisgeschäftsführer Korbinian Keil. „Sie erkranken und fallen nach ihrer Lohnfortzahlung ins Krankengeld. Kaum sind diese auf das Krankengeld angewiesen, versuchen die Krankenkassen, ihre Versicherten so schnell wie möglich aus dem Krankengeldbezug zu werfen und in Rente zu schicken“, so Keil. „Wenn ein Reha-Bericht nicht bestätigt, dass jemand wieder arbeitsfähig ist, hat ein Versicherter keine Chance mehr“, erklärt Keil. In diesem Fall wird der Reha-Antrag in einen Rentenantrag umgewandelt.

So sei es auch bei Richard M. gewesen. Nach der zweiten Reha hieß es im Abschlussbericht, dass er nur noch eingeschränkt hätte arbeiten können, das bedeutet: Zwangsverrentung. Einen anderen Weg hätte Richard M. leider nicht mehr gehen können, teilt Keil mit. Im Umgang mit den Krankenkassen empfiehlt Keil: „Versicherte sollten, was Telefonate mit der Krankenkasse angeht, vorsichtig sein. Sie sollten so wenig wie möglich am Telefon besprechen, alles schriftlich einfordern und sich gegebenenfalls beraten lassen.“

Über Rechte informieren

Christian Eisenried, VdK-Bezirksgeschäftsführer der Oberpfalz, sieht dies genauso: „Leider müssen wir nicht erst seit kurzer Zeit, sondern bereits seit mehreren Jahren feststellen, dass die Praktiken und der Umgang mit den Versicherten durch die einzelnen Krankenkassen zum Thema Krankengeld oft nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Mit den unterschiedlichsten Methoden – ob durch massiven Telefondruck oder ständige Vorladungen – wird durch einige Sachbearbeiter der Kassen versucht, die Versicherten aus dem Krankengeld zu drängen. Hier können wir den Versicherten nur raten, sich bei uns als Sozialverband VdK über die Rechte zu informieren“, betont er.

Und VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher ergänzt: „Wir haben immer wieder Berichte auch aus anderen Regierungsbezirken, die ähnlich gelagert sind.“ Gesetzliche Krankenkassen versuchten, Menschen frühzeitig in die Erwerbsminderungsrente zu drücken, um damit für sich eine Kostenentlastung zu bekommen. Mascher betont: „Eine Erwerbsminderungsrente ist nichts, wo man sagen kann, damit kann ich dann im Alter gut leben.“

Petra J. Huschke

Schlagworte Krankenkassen | Krankengeld

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