26. Juni 2019
VdK-Zeitung Archiv

Sie gehen zum Flohmarkt und kochen Kohlrabiblätter

Armutsgefährdete Seniorinnen in teuren Städten sind Überlebenskünstlerinnen. Das zeigt eine Studie von Prof. Dr. Irene Götz

Prof. Dr. Irene Götz, Herausgeberin des Buchs "Kein Ruhestand - Wie Frauen mit Altersarmut umgehen". | © Robert Haas

Altersarmut ist weiblich, beklagt der Sozialverband VdK seit Langem. Wie allein lebende Frauen mit einer kleinen Rente in der Großstadt zurechtkommen, hat ein Forscherteam um Irene Götz, Professorin für Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, untersucht. Im März dieses Jahres erschien das Buch zur Studie: „Kein Ruhestand – Wie Frauen mit Altersarmut umgehen“ (Verlag Kunstmann, 20 Euro, ISBN: 978-3-95614-292-5). Die VdK-Zeitung hat mit der Kulturwissenschaftlerin gesprochen.

Sie haben biografische Interviews mit in München lebenden, alleinstehenden Rentnerinnen geführt. Was hat Sie in den Gesprächen am meisten bestürzt?
Obwohl die älteren Frauen aufgrund struktureller Gründe und persönlicher Schicksalsschläge in Altersarmut gerutscht sind, schämen sich viele oder geben sich sogar selbst die Schuld dafür. Zum Sozialamt zu gehen, um dort Grundsicherung zu beantragen, kommt für diese Frauen nicht in Frage. Auch in der Familie und im Freundeskreis wird lieber geschwiegen. Sie wollen niemandem zur Last fallen. Außerdem hat uns erschüttert, dass die Betroffenen aus allen sozialen Schichten sind. Die Rentnerinnen sind zwischen 1940 und 1950 geboren.

Wie sieht eine typisch weibliche Erwerbsbiografie dieser Generation aus?
In den 1960er-Jahren haben sich Frauen überwiegend um Kinder, Haushalt und Ehemann gekümmert. Das änderte sich zwar mit der Bildungsoffensive der 1960er-Jahre, bei der sich das Bildungssystem für Mädchen öffnete, aber diese kam für die Frauen aus unserer Studie zu spät. Waren die Frauen dennoch berufstätig, übten sie häufig typische „Frauenberufe“ aus, oder arbeiteten über weite Strecken in Teilzeit. Kam dann noch eine Scheidung hinzu, führte das die Frauen in eine finanziell prekäre Lage. Alleinerziehende sind ja besonders armutsgefährdet.

Wie gelingt es den Seniorinnen, trotz kleiner Renten ihren Alltag zu meistern?
Die Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder hat gelernt, mit wenig zurechtzukommen und sich selbst zurückzunehmen. Uns hat beeindruckt, dass viele der Frauen aus wenig viel machen können. Eine Rentnerin etwa fragt im Supermarkt nach übrig gebliebenen Kohlrabiblättern und kocht damit Krautwickel und holt sich Schuhe vom Flohmarkt. Ein sparsames Leben und hauswirtschaftliche Fertigkeiten helfen im Alter. Welche junge Frau kann heute noch nähen, stricken, kochen, backen in dem Maße, wie das ihre Großmütter konnten? Darüber hinaus gibt es den Rentnerinnen Kraft, wenn sie in der Familie und im Bekanntenkreis gebraucht werden und dort unterstützen können.

Sollte die jüngere Generation auf die Gefahr einer zukünftigen Altersarmut vorbereitet sein?
Ja, so früh wie möglich. Denn Frauen werden in unserem Rentensystem nach wie vor benachteiligt, weil es auf Erwerbsarbeit aufbaut. Bei der Lebensplanung gilt es, die eigene finanzielle Unabhängigkeit anzustreben. Außerdem können sich Paare die Elternzeit teilen, etwa indem beide in Teilzeit arbeiten. Und wer die Möglichkeit hat, privat fürs Alter vorzusorgen, sollte das tun. Allerdings wissen wir, dass viele Frauen keine Rücklagen bilden können. Doch vor allem muss der Staat bessere Strukturen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen. Zudem muss Care-Arbeit, etwa Pflegeberufe, aufgewertet werden, die für die Gesellschaft enorm wichtig ist.

Was sagen Sie zu den Forderungen des VdK im Kampf gegen Altersarmut im Rahmen der Kampagne #Rentefüralle?
Die Rentenkampagne des VdK halte ich für zielführend. Zur Forderung einer Erwerbstätigenversicherung: Ich bin sehr dafür, dass so viele wie möglich in dasselbe System einzahlen. Hier sollte die Gesellschaft Solidarität zeigen. Ich befürworte zudem den Vorschlag des Sozialverbands, dass mehr Unternehmen nach Tarif bezahlen.

Grundrente – ja oder nein?
Ja, wir brauchen eine Grundrente, aber hoffentlich ohne Bedürftigkeitsprüfung. Eine solche Hürde wäre für viele Frauen demütigend.



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