29. April 2019
VdK-Zeitung Archiv

Kunst mit Händen und Fingern erfahren

Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München bietet inklusive Führungen für Blinde und Sehende

Wie ein barrierefreies, inklusives Museum aussehen kann, ist in der Gabelsbergerstraße in München zu entdecken. Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst ist für jeden gut zugänglich und bietet Führungen auch für Menschen mit Demenz oder Sehbehinderungen. In einem speziellen Raum können Blinde und Sehende die Kunst erfahren.

Museumspädagogin Roxane Bicker (rechts) erklärt den Teilnehmern der Führung, was sie ertasten. In dem Fall sind es verschiedene Steine, die die Ägypter für ihre Skulpturen und Reliefe nutzten. | © Sebastian Heise

Mit einem Dutzend Papierbrillen in der Hand begrüßt Museumspädagogin Roxane Bicker die Teilnehmer dieser besonderen Führung durch das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München. Die Besucher werden die Kunstwerke nicht mit ihren Augen betrachten, sondern mit ihren Händen und Fingern ertasten. Es ist eine inklusive Führung, an der Menschen mit und ohne Sehbehinderung gleichermaßen teilnehmen können.

Die Papierbrillen, die die Teilnehmer bereits im Foyer des Museums aufsetzen, simulieren verschiedene Seheinschränkungen wie Grauer Star, Tunnelblick oder zehn Prozent Sehstärke. Nach der Begrüßung geht Bicker mit den Besuchern zu einem Aufzug und durch das Museum. Mit Tunnelblick fällt die Orientierung schwer. Man ist auf die Hilfe derjenigen angewiesen, die Brillen mit weniger starken Beeinträchtigungen tragen. Nach wenigen Schritten ist die Gruppe angekommen.

Bicker erklärt, dass man in einem speziell für blinde und sehbehinderte Menschen eingerichteten Raum sei. Nach einer kurzen Einführung lenkt sie die Gruppe zu einem breiten Tisch am Rand. Nacheinander darf jeder mehrere Steinblöcke ertasten. Beim ersten spürt man glatte Oberflächen und einzelne Rillen. Es handelt sich um einen einfachen Quader. Bicker erklärt, dass dieser Block der Ausgangspunkt für den Künstler war. Die Rillen sind Markierungen für die weitere Bearbeitung, erklärt die Museumsführerin.

Beim nächsten Exponat spürt man bereits mehrere Aushöhlungen. Man ahnt, dass dies eine Skulptur werden soll. Bicker sagt, dass diese Figuren die einzelnen Arbeitsschritte des Künstlers deutlich machen sollen. Ein Steinmetz habe die Exponate für das Museum angefertigt. Die Arbeit habe ihm besondere Freude gemacht, da es keine alltägliche Aufgabe gewesen sei. Die Objekte dienen dazu, dass die ägyptische Kunst für Menschen ertastbar wird, die sie nicht sehen können.

Eine neue Erfahrung

Dieser Ausstellungsraum heißt „Ägypten (er)fassen“, und erst bei den letzten beiden Exponaten der Reihe ist zu spüren, dass es sich um eine typische Sitzfigur handelt. Wenn man sich als Sehender mit Simulationsbrille konzentriert, sind Kopf, Haare, Nase, Augen und Beine zu erfühlen. Eine ganz neue Erfahrung für Menschen, die Kunst bis dahin meist nur betrachtet haben. Auf der anderen Seite des Raumes sind weitere Statuentypen und Reliefs in Abgüssen zu ertasten.

Um noch einmal einen anderen Eindruck zu haben, tauschen die Teilnehmer die Papierbrillen. Mit einer Sehstärke von zehn Prozent sind die beleuchteten Silhouetten der Kunstwerke nur noch grob und ohne Konturen zu erfassen. Es fällt schwer, nur mit den Fingern Nase und Augen auf den Reliefs zu erkennen. Zum Schluss können die Teilnehmer noch verschiedene Steine fühlen, die als Material genutzt wurden.

VdK­-Mitglied Yaelle Barhana ist nach der Führung begeistert, die Kunst auf diese besondere Weise zu erfahren. Das inklusive Konzept findet sie beispielhaft. So wirkten auch zwei blinde, kunstinteressierte Frauen bei der Erstellung der Audioführung für das komplette Museum mit, das wirklich für jeden einen Besuch wert ist.

Info
Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in der Gabelsbergerstraße 35 in München ist dienstags von 10 bis 20 Uhr sowie mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen können angefragt werden. Telefon (0 89) 28 92 76 34. Internet www.smaek.de


Sebastian Heise

Schlagworte Ägypten (er)fassen | Museum Ägyptischer Kunst | barrierefreies Museum | Inklusion

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