24. Januar 2019
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Apothekerberuf im Wandel

Vom Handwerk des „Pillendrehers“ bis zum professionellen Berater – mit zwei Experten auf Zeitreise

Wie wurden im Mittelalter Krankheiten behandelt? Wo kam das Wissen über die Heilkräuter und Rezepturen her? Zwei Apotheker mit Leib und Seele geben Auskunft: Hermann Ausbüttel, Leiter des privaten Apotheken- Museums in Dortmund, und Pharmaziehistoriker Professor Dr. Axel Helmstädter.

Im Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg bestaunt der Besucher eine „Offizin“, also den Verkaufsraum einer Apotheke. Rezeptur-Tisch und Schränke stammen von der Hof-Apotheke Bamberg aus der Zeit um 1730. | © Deutsche Apotheken Museum-Stiftung

Hermann Ausbüttel kennt sein Museum in- und auswendig. Er wacht in Dortmund über die größte private pharmaziehistorische Sammlung Deutschlands. Jedes einzelne der weit über 10 000 Ausstellungsstücke hat eine Geschichte, die über das Apothekenwesen Auskunft gibt. Bei seinen Führungen kann der 79-Jährige den Besuchern viel Interessantes berichten.

Gehirn gegen Fallsucht

„Mein Vater hat Anfang der 1950er-Jahre mit dem Aufbau der Sammlung begonnen und die Idee für das Museum gehabt“, erzählt der Apotheker. Ob Mörser, dicke Wälzer über Heilkräuter oder komplette Apotheken einrichtungen – Vater und Sohn sammelten fast 70 Jahre lang alles, was mit Pharmazie zu tun hatte. Das anfangs noch kleine Museum platzte 2016 aus allen Nähten und musste umziehen. Seit September 2017 hat die Ausstellung in der Wißstraße 11 in Dortmund auf 300 Quadratmetern in 14 Räumen ihren Platz gefunden und ist nun barrierefrei zugänglich.

Besucher haben die Schau als „Kleinod in der deutschen Museumslandschaft“ bezeichnet, sagt Ausbüttel stolz. „Ein Prunkstück der Sammlung ist die Original-Offizin, also der Verkaufsraum der Apotheke am Sonnenplatz in Tauberbischofsheim, die aus dem Jahr 1812 stammt.“ Das älteste Stück der Sammlung ist der Schädel eines Höhlenbären. Verwendungszweck im Mittelalter: „Die Zähne wurden, wie die aller beißenden Tiere, zermahlen und verabreicht, um stechende Schmerzen zu lindern“, erzählt er weiter. „Noch vor der Homöopathie hat man in Asien und Europa bereits an das Prinzip ‚Gleiches mit Gleichem heilen‘ geglaubt.“

Ein weiteres Beispiel: Weil die Heilkundler ahnten, dass Epilepsie im Gehirn entsteht, sollte ein Patient gegen seine Fallsucht gemörsertes Gehirn einnehmen. Menschliches Gehirn, das am besten aus einer Hirnschale getrunken wurde. „Das finden Besucher heute natürlich zum Gruseln“, erfährt Hermann Ausbüttel bei den Führungen. Und wer konnte sich die Therapien leisten? „Jeder musste seine Medizin selbst bezahlen. Wer arm war, starb eben eher“, so der Museumsleiter.

Der Apotheker Professor Dr. Axel Helmstädter von der Goethe- Universität in Frankfurt am Main hat sich auf die Pharmaziegeschichte spezialisiert. „Ursprünglich waren Apotheken reine Lagerräume. Im Lauf der Zeit wurden sie auch Herstellungsorte für Arzneimittel“, sagt der Experte. Die Geschichte führt in die islamische Welt: „Die ersten Apotheken, in denen Arzneimittel professionell hergestellt worden sind, gab es ab dem 9. Jahrhundert nach Christus in Bagdad“, so der Spezialist.

Heilkunde aus Klöstern

Woher kam das pharmazeutische Wissen? „Rezeptbücher und medizinische Schriften gab es schon im alten Ägypten, bei den Griechen und Arabern“, weiß Professor Helmstädter. Diese Schriften wurden ab dem 11. Jahrhundert wieder entdeckt und hinter Klostermauern von Mönchen übersetzt. Sie bauten auch Heilpflanzen an, um mit der Klostermedizin ihre Brüder zu heilen, und setzten ihre Kenntnisse für allgemein wohltätige Zwecke ein.

Der Pharmaziehistoriker weist auf die bedeutende Stellung der Apotheker hin: „Sie waren in einer Stadt ähnlich angesehen wie Pfarrer und Ärzte.“ Bis ins 18. Jahrhundert war dieser Beruf ein Handwerk mit Lehrlings- und Wanderjahren. Die Aufgabe: Arzneimittel auf ärztliche Anordnung individuell auf die Patienten abgestimmt herzustellen. Im 19. Jahrhundert wurde die Ausbildung akademisiert. Im 20. Jahrhundert lösten neue Schwerpunkte die handwerkliche Arzneiherstellung nahezu ab. Ab dann wurden Arzneimittel überwiegend industriell gefertigt.

Der Apotheker wurde immer mehr zum Dienstleister, der neben dem Vertrieb über Wirkungen von Medikamenten informiert und Patienten betreut. Hermann Ausbüttel bedauert, dass es den Pillendreher, wie der Apotheker im Volksmund genannt wurde, nicht mehr gibt. „In meiner Ausbildung habe ich noch täglich Salben gemixt und Pillen gedreht. Das Studium ist heute viel weniger praxisnah. Aber die Kunden profitieren natürlich immer noch von der professionellen Beratung durch die Apotheker“, betont der Pharmazeut.

Elisabeth Antritter

Schlagworte Apotheker | Museum | Pillendreher | Heilmittel | pharmaziehistorische Sammlung | Pharmaziehistoriker

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