25. Oktober 2018
VdK-Zeitung Archiv

Trost und Hilfe in der Muttersprache

Gehörlose Hospizbegleiter betreuen gehörlose Sterbende

Gehörlose Menschen sind von der Welt der Hörenden oft ausgeschlossen. Bei Krankheit und im Alter führt das zu großen Problemen: Nur wenige Pfleger und Hospizbegleiter beherrschen die Gebärdensprache. In Bayern bietet die Evangelische Landeskirche Kurse für gehörlose Hospizhelfer an.

Iris Feneberg (links) und Monica Nickels gebärden gemeinsam das Wort „Hospiz“. | © Annette Liebmann

Bereits 18 Hospizbegleiter wurden in den beiden Kursen in Nürnberg und München ausgebildet, viele von ihnen sind schon im Einsatz. Eine ist Monica Nickels. Die 41-jährige Nürnbergerin hatte viele Jahre zuvor ihre schwer kranke Schwiegermutter begleitet und dabei festgestellt, dass sie Trost und Hilfe spenden kann. Als sie von dem Kurs in Gebärdensprache erfuhr, meldete sie sich sofort an. Die gehörlosen Hospizbegleiter besuchen Gehörlose, die zu Hause, in einem Pflegeheim oder auf einer Palliativstation betreut werden.

„Die Gebärdensprache ist für diese Menschen die Muttersprache“, erklärt Iris Feneberg, Koordinatorin für Hospizarbeit bei der Evangelischen Landeskirche in Bayern. „In der letzten Lebensphase ist es wichtig, dass man jemanden hat, mit dem man in seiner vertrauten Sprache reden kann.“ Hinzu kommt, dass Sterbende oft zu schwach sind, um die Kommunikation mit der Außenwelt aufrechtzuerhalten. Dann ist es besonders wichtig, dass sie jemanden haben, der sie auch ohne Worte versteht.

Feneberg ist Mutter einer gehörlosen Tochter und hat selber einen Kurs zur Hospizbegleiterin (für Hörende) absolviert. Die Idee zu diesem außergewöhnlichen Lehrgang hatte sie zusammen mit den Beauftragten der Evangelischen Landeskirche für Gehörlosenseelsorge. Der Kurs in Gebärdensprache beinhaltet dieselben Themen wie für Hörende und findet in Zusammenarbeit mit dem Hospizverein Nürnberg statt. Er dauert etwa ein halbes Jahr und umfasst 120 Stunden an sieben Wochenenden sowie ein 15-stündiges Praktikum. Finanziert wird das auf drei Jahre angelegte Projekt von mehreren Stiftungen sowie der „Aktion Mensch“. Derzeit läuft der dritte Kurs. Wie es danach weitergeht, ist noch offen.

Überrascht vom Interesse

Für den ersten Lehrgang hat Feneberg bayernweit Werbung betrieben und war vom großen Interesse sehr überrascht: „Wir hatten Anfragen aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz“, berichtet sie. Auch in anderen Bundesländern gebe es mittlerweile die Überlegung, eine solche Ausbildung für Gehörlose anzubieten.

Viele Teilnehmer besuchen den Kurs aus persönlichen Gründen, beispielsweise weil ein gehörloser Mensch aus ihrem Umfeld Unterstützung braucht, oder weil sie einfach gerne helfen möchten. Monica Nickels kümmert sich seit Juli um eine junge Frau, die sie zuvor nicht gekannt hat. „Es läuft ziemlich gut“, berichtet sie. Die 47-Jährige freue sich jedes Mal, wenn sie Besuch bekommt, wenn ihr jemand zuhört und sie ganz unkompliziert versteht. Im Mittelpunkt ihrer ehrenamtlichen Arbeit als Hospizbegleiterin steht die Sterbende und deren Wünsche.

Feneberg, die die Sterbebegleitung vermittelt hat, ist Nickels‘ Ansprechpartnerin bei Schwierigkeiten und Problemen. „Man sollte Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringen sowie ein Gespür dafür, ob der Betroffene hören will, dass der Tod naht“, fasst Nickels ihre Erfahrungen zusammen. Als Hospizbegleiterin ist es auch notwendig, sich bewusst zu machen, wie man selbst zum Sterben und zum Tod steht – eine Auseinandersetzung, die nicht unbedingt leicht fällt. Das schönste Kompliment, erzählt Feneberg, habe sie von einer Teilnehmerin bekommen, die sagte: „Ich hatte geglaubt, nichts Neues zu lernen. Doch der Kurs hat mich verändert.“

Annette Liebmann

Schlagworte Hospizbegleiter | Gehörlose

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