24. Oktober 2018
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Albrecht Hung bewegt

Familienvater, Sportler, Ehrenamtlicher: der 67-Jährige setzt Zeichen

„Wir haben keine Probleme zu lösen, sondern Aufgaben zu bewältigen.“ Albrecht Hung, 67, Rollifahrer, verheiratet, drei Kinder, zwei davon mit Behinderung, jammert nicht, er macht einfach. Obwohl es genau das nie war: einfach. Doch dem VdK­-Mitglied aus Kempten ist keine familiäre, gesellschaftspolitische oder sportliche Herausforderung zu groß. Eine Lebensgeschichte, die Mut macht.

Albrecht Hung (Zweiter von rechts) ist Familienmensch und Kämpfer für Inklusion. Jedes Wochenende kommen er, seine Frau Helga, Sohn Benjamin und Sohn Joschi (von links) zusammen. | © privat

Ein Tag im Jahr 1971: Albrecht Hung macht sich nach zwei Wochen Nachtschicht bei der Bundeswehr auf den Heimweg. Er ist müde, das Auto kommt von der Straße ab, überschlägt sich. Ein Wirbel wird gestaucht, das Rückenmark schwer verletzt. Die Querschnittslähmung ist für den Leistungssportler ein Schock – den er auf seine Art verarbeitet: unermüdliches Training mit dem Rollstuhl.

Das ist mühsam, denn „es gab nur schwere, verchromte Rollstühle. Leichtere standen nur für den Sport zur Verfügung“, erinnert er sich. Völlig sinnlos, findet Hung damals wie heute, macht sich auf den Weg nach Bonn und beantragt beim zuständigen Staatssekretär als erster Rollifahrer ein Sportgerät für den täglichen Gebrauch. Von diesem Vorstoß haben viele Rollstuhlfahrer nach ihm profitiert.

Rekord im Rollstuhl

1978 ist Albrecht Hung so fit, dass er in elf Tagen mit dem Rollstuhl von Hamburg nach München fährt. Das Magazin „Stern“ berichtet auf mehreren Seiten über den „Rekord im Rollstuhl“, Hung wird quasi über Nacht zu einem Botschafter für Menschen mit Behinderung. Neben diesem und vielen weiteren sportlichen Erfolgen in mehreren Disziplinen – unter anderem Rollstuhlbasketball in der Bundesliga – gründet Hung eine Familie.

1979 wird seine Tochter Nicole geboren. Als sie vier Jahre alt ist, geben Helga und Albrecht Hung einem Pflegekind ein Zuhause: dem 14 Tage alten Joschi. Nach etwa einem Jahr stellen die Ärzte
einen Chromosomendefekt fest. Dem Ehepaar ist klar: Joschi wird mehr Betreuung brauchen als ein Kind ohne Behinderung. Trotzdem entscheiden sie sich für die Adoption von Benjamin, der damals vier Wochen alt ist.

„Wir kommen beide aus großen Familien“, erzählt Albrecht Hung. Was sie erst vier Jahre später durch Zufall im Krankenhaus erfahren, ist, dass auch Benjamin kein gesundes Kind ist. In seiner Akte lesen sie, dass er durch Sauerstoffmangel bei der Geburt einen frühkindlichen Gehirnschaden erlitten hat. Außer einer seelischen und leichten geistigen Behinderung hat er Epilepsie. Zudem reagiert er paradox auf Medikamente.

Als Benjamin zehn Jahre alt ist, ist für ihn ein Leben innerhalb der Familie nicht mehr möglich. Aber am Wochenende kommen alle zusammen. Bis heute. Die geliebte Ranch in Altusried musste das Ehepaar Hung zwar im Kampf gegen Windräder aufgeben, hat sich aber nicht unterkriegen lassen und ein neues, behindertengerechtes Haus in Kempten gebaut.

Ganz in der Nähe lebt Tochter Nicole mit Mann und drei Kindern, die die Großeltern oft besuchen. Benjamin, der seit 2004 durch einen Unfall zusätzlich querschnittsgelähmt ist, lebt in der Stiftung Liebenau bei Ravensburg, Joschi im Sonnenhof in Kempten, einer Einrichtung, die Albrecht Hung mitgegründet hat.

Auch fürs Ehrenamt fehlt ihm die Energie nicht. So ist er unter anderem im Vorstand des Fördervereins Sonnenhof und des VdK-Kreisverbands Oberallgäu, Vorsitzender des Beirats für Menschen mit Behinderung in Kempten und seit 27 Jahren ehrenamtlicher Richter am Landessozialgericht. Für sein Engagement hat er diverse Auszeichnungen bekommen. Wichtiger ist ihm aber, dass er etwas bewegen kann. Nicht nur für seine Familie, für alle Menschen mit Behinderung.

Caroline Meyer

Schlagworte Menschen mit Behinderung | Inklusion

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