26. September 2018
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Klettern kennt kein Handicap

Paraclimbing: ein Sport für blinde, gehörlose und gehbehinderte Menschen

Egal ob gehbehindert, sinneseingeschränkt oder psychisch erkrankt: Klettern ist ein Sport für viele. Bei Paraclimbing-­Wettkämpfen zeigen Menschen mit Behinderung enorme Leistungen.

Indem sie mit einer Hand über ihrem Kopf „hin- und herwischt“, findet die zehnjährige Judith Keil den passenden Griff. | © Sebastian Heise

Mit ihren beiden Füßen steht die zehnjährige Judith Keil auf den Klettersteinen, mit ihrer linken Hand hält sie sich fest und mit der rechten greift sie über sich und wischt hin und her. Sobald sie den nächsten Stein spürt, packt sie fest zu, zieht das rechte Bein hoch, tastet mit diesem kurz die Wand ab und setzt den Fuß auf. Dann zieht sie das linke Bein nach. In wenigen Minuten klettert sie die senkrechte Wand hoch, ohne zu sehen, wohin sie klettert: Judith ist blind.

Nur wenn man genau hinschaut, ist ihre Einschränkung zu erkennen. Denn sie hat die Augen nicht nach oben gerichtet, sondern zur Wand, und sie ertastet die Griffe. Ihre Trainerin Gabi Pollner, die Judith seit zwei Jahren beim Deutschen Alpenverein (DAV) in Landshut trainiert, spricht von „Wischtechnik“. Ihre Kletterschülerin bewegt ihren freien Arm wie einen Scheibenwischer, um so den nächsthöheren Griff zu finden. Zudem hilft ihre Trainerin oder ein Betreuer, der unten stehend Judith mit einem Seil absichert, durch Zuruf. Paraclimbing, das Klettern für Menschen mit Behinderung, macht Judith großen Spaß. Die Schülerin ist sehr sportlich und war auch bereits in der ZDF-Kindersendung „Logo“ beim Judo zu sehen.

Selbstvertrauen gestärkt

Katja Müller engagiert sich beim Therapeutischen Kletterverein Stützpunkt Inntal und zusätzlich beim DAV als Betreuerin im Paraclimbing. Klettern sei ein sehr guter Sport für Menschen mit Behinderung. Neben der körperlichen Betätigung steche auch der therapeutische Charakter hervor. „Klettern setzt bestimmte Reize“, sagt Müller. „Jeder einzelne Griff ist eine Motivation.“ Das Selbstvertrauen wird mit jedem Höhenmeter gesteigert.

Selbst Menschen mit Querschnittslähmung oder ohne Beine hangeln sich an Steilwänden hoch. Nicholas Perreth fehlt das rechte Bein. Der 33-Jährige hatte einen Tumor in der Beckenschaufel. Diese musste entfernt werden. Daraufhin hatte er zehn Jahre Schmerzen im rechten Bein. Schließlich entschied er sich für eine Amputation. Gesundheitlich geht es ihm seitdem besser und er begann mit Paraclimbing. Inzwischen klettert er auf höchstem Niveau. So nimmt er auch an Weltcups teil.

Wegen Sport und Beruf ist Nicholas Perreth aus dem Rheinland nach München gezogen. In einer DAV-Kletterhalle macht er eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. In Pausen und nach Feierabend kann er gleich die Sportausrüstung anlegen und eine Wand in Angriff nehmen. Während Kletterer mit zwei Armen und zwei Beinen immer „drei Punkte fest an der Wand haben“, wie Nicholas Perreth erklärt, sind es bei ihm zwei Punkte. Und wie ein Kletterer, der beide Beine hat, gilt für ihn auch: „Wichtig ist, dass ich gut stehe.“

Sebastian Heise

Schlagworte Paraclimbing | Menschen mit Behinderung | Inklusion | Klettern | Sport

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