17. Juli 2018
VdK-Zeitung Archiv

Eine schrecklich starke Familie

Obwohl das Leben mit einem Kind mit Behinderung nicht einfach ist, ist Lena für die Staudts das größte Glück

In einem Krankenhaus im Ruhrgebiet werden in der 26. Schwangerschaftswoche Zwillinge geboren. Der Junge stirbt wenige Tage nach der Geburt, das Mädchen lebt. Es heißt Lena, ist heute fünf Jahre alt und hat die besten Eltern, die es sich wünschen kann. Es sind nicht ihre leiblichen, es sind die, die sie bedingungslos lieben. Lenas Behinderung, eine infantile Zerebralparese, macht den Alltag nicht einfacher, aber auch nicht weniger glücklich. Die Staudts sind eine schrecklich starke Familie.

Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als Claudia Staudt und ihr Mann das winzige Mädchen mit dem schwarzen Schopf, den dunklen Augen und langen Wimpern sehen, wissen sie, dass sie ihr Glück gefunden haben. Eine Freundin der beiden hat Lena nach drei Monaten Frühchenstation zur Kurzzeitpflege bei sich aufgenommen, ihre leiblichen Eltern haben sie kurz nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Und obwohl sich viele, viele Paare in Deutschland verzweifelt ein Kind wünschen, findet das Jugendamt niemanden, der das zarte Mädchen mit Behinderung will.

Vor dem Besuch bei der Freundin wissen die Staudts nicht, dass sie ein Kind adoptieren wollen. Danach schon. Die Entscheidung, für Lena zu kämpfen, fällt ihnen leicht. Das Ringen mit den Behörden hingegen ist zäh. „Weil wir nicht als potenzielle Adoptiveltern registriert waren und weder lange Gespräche geführt noch ellenlange Formulare ausgefüllt hatten, war es sehr schwierig, Lenas Familie zu werden“, erklärt Claudia Staudt. Doch die Hartnäckigkeit des Paares zahlt sich aus: Sechs Monate später hat Lena endlich ein Zuhause.

Volle Verantwortung

Obwohl die Dankbarkeit in jedem Moment überwiegt, wird dem Paar schnell bewusst, dass vom unbekümmerten Leben zu zweit wenig übrig bleiben wird. Plötzlich ist da die Verantwortung für ein Kind, das sein Leben lang mehr Unterstützung brauchen wird als ein Kind ohne Behinderung. Ärzte und Therapeuten geben sich die Klinke in die Hand, keiner weiß, wie stark Lena körperlich und geistig eingeschränkt ist, wie sie sich entwickeln wird.

Zudem muss der frisch gebackene Vater kurz nach Lenas Einzug zu einem Auslandseinsatz nach Afghanistan, und seine Frau ist vier Monate auf sich gestellt. „Das war eine harte Zeit“, sagt sie. „Ich war froh, als er zurück war und ich nicht mehr alles alleine entscheiden musste.“ Mit der Zeit wachsen die Eltern in ihre Aufgabe hinein, wissen, was Lena gut tut und was nicht, erfahren, dass sie sich geistig völlig normal entwickelt.

Körperlich nicht. Das Mädchen kann nicht krabbeln, nicht sitzen, nicht laufen. Kann nicht alleine Zähne putzen und nicht alleine auf die Toilette gehen. Bald braucht Lena erste Hilfsmittel, die Familie merkt, dass es nicht leichter wird. Denn jedes Hilfsmittel lehnt die Krankenkasse grundsätzlich ab. „Der Kampf um den Toilettenstuhl, Gehwagen oder Rehabuggy ist für uns die größte Behinderung“, sagt Claudia Staudt. Sie ist Journalistin, Ernährungsberaterin und Fitnesstrainerin, kann sich gut ausdrücken, ist taff. Sie recherchiert, schreibt Widersprüche, bleibt hartnäckig. „Ich frage mich, wie es Eltern geht, die zum Beispiel nicht gut Deutsch sprechen und sich durch die Papierflut kämpfen müssen. Das ist doch Wahnsinn!“

Die Staudts haben Glück, die Krankenkasse genehmigt nach langem Hin und Her doch alle Hilfsmittel, die Lena dringend benötigt. Um künftig mehr Zeit für die wichtigen Dinge zu haben, nämlich mit der Tochter zu spielen, zu singen, zu lachen, will sich die Familie Unterstützung beim Sozialverband VdK holen. Die drei haben ihren Rhythmus gefunden. Lena hat den für sie perfekten Kita-­Platz in einer inklusiven Einrichtung. Die Ausstattung ist auf Kinder wie sie ausgerichtet, Therapeuten kommen direkt ins Haus.

„Das ist als berufstätige Mutter eine große Erleichterung“, sagt Claudia Staudt. Wenn sie dann nach ihren Fitnesskursen ihre Tochter abholt, ist sie jedes Mal unendlich dankbar, dass ihr Körper gesund ist und funktioniert. Dass sie Lena mit ihren gesunden Händen tragen kann. Die tapfere Lena, die alle mit ihrem Lachen, ihrem Humor und ihrer Stärke ansteckt. Und den Eltern Kraft gibt für ein neues Projekt: den Bau eines barrierefreien Bungalows. Auf der Facebook-­Seite „B wie Bauen Bungalow barrierefrei“ berichtet die Familie von diesem Abenteuer.

Caroline Meyer

Schlagworte Menschen mit Behinderung | Inklusion

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