4. Juli 2018
VdK-Zeitung Archiv

Gesellschaft im Wandel

Die Studentenbewegung hat vieles verändert – Soziologe Armin Nassehi erklärt, was von 1968 geblieben ist

Wie hat sich 1968 auf unsere Gesellschaft ausgewirkt, und was ist heute davon geblieben? Der Münchner Soziologe Prof. Dr. Armin Nassehi hat zu diesem Thema gerade das Buch „Gab es 1968? Eine Spurensuche“ veröffentlicht. Die VdK-Zeitung sprach mit ihm.

Was meinen wir, wenn wir von 1968 sprechen? Ein Jahr, eine Bewegung oder einen Zeitgeist?
Prof. Dr. Armin Nassehi: Das ist in der Tat eine gute Frage. Wir reden von einem Jahr, in dem vieles stattgefunden hat: der Prager Fühling, die Ermordung von Robert Kennedy und Martin Luther King und in Deutschland die Studentenbewegung. Das alles sind kurze Ereignisse, die für einen grundlegenden politischen Wandel stehen. Dieser Umbruch hat sich aber schon lange zuvor angebahnt, etwa mit der Bildungsexpansion der späten 1950er-Jahre. Und er hat lange nachgewirkt. Bis Ende der 1970er-Jahre war die Gesellschaft stark von 1968 geprägt.

Zur Studentenbewegung gehörten nur wenige Menschen. Wie konnte sie dennoch eine solche Bedeutung und eine solche Medienpräsenz bekommen?
Mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration im Juni 1967 gerieten die Studentenproteste in das Licht der Öffentlichkeit. Die Bilder von damals sind den Menschen im Gedächtnis geblieben. Es gab viele sichtbare Aktionen, etwa Demonstrationen, öffentliche Diskussionen in Universitäten oder Auftritte des Studentenführers Rudi Dutschke. In Deutschland waren es nur Studenten, die auf die Straße gingen. Die gab es in den USA zwar auch, aber die Bewegung war viel größer und umfasste vor allem die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung. In Frankreich hatten sich die Gewerkschaften den Studentenprotesten angeschlossen.

Blicken wir auf heute: Was ist von 1968 übrig geblieben?
In meinem gerade erschienenen Buch unterscheide ich zwei Strömungen: einerseits eine explizit linke Bewegung bis hin zur totalen Systemkritik. Diese war bereits 1970 zu Ende, als sich der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) aufgelöst hatte. Danach wanderte diese Bewegung in die Subkultur ab. Andererseits wirkte die Studentenbewegung tief in die Gesellschaft hinein. Das bezeichne ich als implizit linke Bewegung. Es folgte eine Inklusionspolitik mit dem Willen, in der Gesellschaft Gleichheit herzustellen. Man glaubte an den sozialen Aufstieg. Schulen und Universitäten wurden erweitert, um auch Menschen aus benachteiligten Bevölkerungsschichten an Bildung teilhaben zu lassen. Heute ist das selbstverständlich. Während damals nur etwa sieben Prozent aller Schüler Abitur machten, sind es mittlerweile mehr als die Hälfte. 1968 hat außerdem zu einer Sozialpädagogisierung der Gesellschaft geführt. Man glaubte, alle und alles therapieren zu müssen. Auch die Geschlechterrollen haben sich verändert. Der Dialog zwischen den Generationen ist offener geworden. Auf diese Aufbruchstimmung folgte allerdings Ernüchterung. Man stellte fest, dass die Strukturen in der Gesellschaft hartnäckiger sind als erwartet.

Warum war die Studentenrevolte so wichtig für die Gesellschaft?
Sie hat zu neuen Fragen und Denkweisen geführt. Da wäre beispielsweise die Dauerreflexion: Seit dieser Zeit kann man nichts mehr unreflektiert lassen – nicht einmal den Glauben an Gott. In den 1970er-Jahren hat das geradezu zu einem „Kritik-Fetisch“ geführt: Alles musste durch das Fegefeuer der Kritik gehen. 1968 hat in den Folgejahren eine Menge verändert: Das Scheidungsrecht wurde reformiert, die Rechte der Frauen wurden gestärkt, die Ärzte sprechen auf Augenhöhe mit den Patienten – kurz und gut: Die gesamte Gesellschaft wurde sozialdemokratisiert.

Heute wenden sich viele Menschen wieder autoritären Werten zu. Warum?
Es geht wieder stärker um Zugehörigkeit, um Identität und Heimat. Die globalisierte Gesellschaft ist komplex und nur schwer zu verstehen. Deshalb neigen viele Menschen dazu, nach einfachen Antworten zu suchen. Zum Beispiel „America first“. Oder nationale Lösungen für ein globales Problem wie etwa die Flüchtlingsfrage. Auch die Wissenschaftskritik nimmt zu – man glaubt lieber den sogenannten „Fake News“ und zieht wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel. Die Menschen suchen nach Orientierung in einer komplexen Welt. Dabei helfen ihnen die ethnische Zugehörigkeit und die Geschlechterrolle.



Das könnte Sie auch interessieren:

VdK-Zeitung Archiv
alter VW-Bus
Kaum ein Jahr des vergangenen Jahrhunderts hat sich so sehr in das kollektive Gedächtnis gebrannt wie 1968: Vor 50 Jahren protestierten weltweit Studenten und junge Menschen gegen die autoritäre Elterngeneration, gegen Kriege, für Freiheit und Emanzipation. Die VdK-Mitglieder Georg Wiest und Hannelore Sieling erinnern sich an diese Zeit. | weiter
04.07.2018 | Annette Liebmann

Interview: Annette Liebmann

Mediadaten

Hier finden Sie die aktuellen Preise (bayernweit) für gewerbliche Anzeigen für die VdK-Zeitung als Download:

Impressum

Hier finden Sie das Impressum der VdK-Zeitung:

Archiv


Hier finden Sie Artikel aus älteren Ausgaben der VdK-Zeitung:


Weitere Artikel aus der VdK-Zeitung finden Sie auf den Seiten des VdK Deutschland: VdK-Zeitung

Presse
Symbolfoto: Unterlagen, eine davon mit dem Vermerk "Wichtig"
Bleiben Sie stets auf dem Laufenden: Unsere Abteilung "Presse, PR, neue Medien" versorgt Journalistinnen und Journalisten mit aktuellen Pressemeldungen und Statements des Sozialverbands VdK Bayern.
VdK-Zeitung
Eine Frau und ein Mann lesen die VdK-Zeitung
Mit einer Druckauflage von 600.000 Exemplaren zählt die VdK-Zeitung zu den auflagenstärksten Printmedien in ganz Bayern. Alle VdK-Mitglieder bekommen sie zehnmal pro Jahr kostenlos per Post zugestellt.
VdK-TV
Die Videoprogramme des Sozialverbands VdK bieten spannende Interviews, aktuelle Reportagen und anschauliche Berichte. Sie sind über das Video-Portal VdK-TV jederzeit im Internet abrufbar.
Presse
Symbolfoto: Ein Briefumschlag mit einem großen @-Zeichen darin.
Wir bieten Ihnen zwei Newsletter an, die Sie kostenfrei abonnieren können: unseren Presse-Newsletter mit den aktuellen Pressemitteilungen des VdK Bayern und den monatlichen Newsletter.
Tipps und Termine
Symbolfoto: Ausgeschnittene Papiermännchen bilden einen Kreis
In unserer Rubrik "Tipps und Termine" stellen wir Ihnen aktuelle Neuigkeiten aus dem Verbandsleben, Aktionen, Veranstaltungen, Pressemitteilungen sowie Links zu interessanten Beiträgen vor.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzten auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.