30. April 2018
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Arbeitsassistenten ermöglichen Menschen mit Behinderung die Teilhabe am allgemeinen Arbeitsmarkt

Selbstbestimmt und unabhängig: Was Corinna Mader für sich selbst erreicht hat, will sie auch anderen ermöglichen. Die Diplom-Sozialpädagogin berät bei der Vereinigung Integrationsförderung (VIF) in München Menschen mit Behinderung, die auf der Suche nach Unterstützung für verschiedene Lebensbereiche sind. Nach Arbeitsassistenten zum Beispiel, die auch Corinna Mader im Büroalltag helfen.

Corinna Mader (rechts) ist Sozialpädagogin und vermittelt Assistenten an Menschen mit Behinderung. Sie selbst wird bei der Arbeit von Sozialpraktikantin Ramona Köberl unterstützt. | © Caroline Meyer

Die junge Frau lächelt verschmitzt. Sie streicht sich eine dunkelbraune Haarsträhne hinters Ohr, ihre Augen funkeln. Corinna Mader ist eine Kämpferin, von Geburt an. Sie kommt als Frühchen zur Welt, im sechsten Schwangerschaftsmonat. Die Diagnose: infantile Zerebralparese, eine Bewegungsstörung aufgrund einer Hirnschädigung durch Sauerstoffmangel.

Doch schon als Kind lernt Corinna Mader, dass sie mit ein wenig Hilfe genauso am Leben teilhaben kann wie ihre nicht behinderte Zwillingsschwester. Beide Mädchen gehen in denselben Kindergarten in einem kleinen Ort auf der Ostalb und später zusammen in die Grundschule. Zu Zeiten, als noch niemand von Inklusion gesprochen hat. „Meine Schwester ist zur Schule gelaufen, ich bin halt mit dem Kettcar gefahren.“ Corinna Mader lacht.

Erst ab der dritten Klasse besucht sie eine Schule für Kinder mit Körperbehinderung in Ulm und dann eine weiterführende Schule bis zur Fachhochschulreife in Weingarten. Während des Studiums der Sozialpädagogik macht sie sehr gute Erfahrungen mit einer Assistentin, die es ihr ermöglicht, uneingeschränkt an den Vorlesungen teilzunehmen – wie ihre Kommilitonen ohne Behinderung. „Mit einer guten Assistenz vergisst man die Behinderung und kann sich auf seine Kompetenzen konzentrieren. Das ist das Ziel“, erklärt die Sozialpädagogin. „Ich hab den Kopf, die Assistenten Arme und Beine.“

Seit drei Jahren arbeitet sie bei der Vereinigung Integrationsförderung (VIF) in München. Diese wurde 1978 mit dem Gedanken gegründet, Menschen mit Behinderung in ihrem Bestreben nach einem selbstbestimmten Leben zu unterstützen. Ein Schwerpunkt ist die Vermittlung von Assistenten für verschiedene Lebensbereiche. Rund 400 Kunden betreut die VIF momentan, die Nachfrage ist groß, gute Assistenten sind leider rar.

„Die Abschaffung des Zivildienstes hat eine große Lücke hinterlassen“, erklärt Jörg Nitschke, Einsatzleiter bei der VIF. Festangestellte Assistenten seien teurer für die Gemeinschaft, weshalb der Kampf mit den Kostenträgern teils härter geworden sei. Und Freiwillige finden sich nicht mehr so leicht. Nitschke hat die Erfahrung gemacht, dass junge Menschen nach der Schule lieber sofort eine Ausbildung machen oder studieren wollen. „Erst wenn sie keinen Platz bekommen, überbrücken manche die Wartezeit mit dem Bundesfreiwilligendienst oder einem Sozialpraktikum.“

Ramona Köberl ist eine Ausnahme. Die 19-Jährige hat sich nach der Schule bewusst für ein Sozialpraktikum entschieden. „Ich hatte es selbst nicht immer leicht und weiß, wie es ist, wenn man sich durchboxen muss“, sagt sie. „Ich finde, wenn man gegen soziale Ungerechtigkeit ist, muss man auch etwas dagegen unternehmen.“ Seit einem dreiviertel Jahr engagiert sie sich als Assistentin bei der VIF – unter anderem für Corinna Mader.

Das Telefon klingelt. Die Sozialpädagogin greift nach dem Hörer und nickt Ramona Köberl zu. Die Arbeitsassistentin rückt die Computertastatur zurecht. Bevor sie den Lautsprecher am Telefon betätigt, weist Corinna Mader den Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung darauf hin, dass ihre Arbeitsassistentin mithören wird, um Stichpunkte zu notieren. Die beiden Frauen verstehen sich ohne Worte. „Wer auf eine Assistenz angewiesen ist, muss ihr vertrauen können und im besten Fall nicht lange erklären müssen, was zu tun ist“, sagt die 35-Jährige. „Wichtig ist auch, dass die Assistenten sicher in Wort und Schrift sind, damit keine Nacharbeit notwendig wird.“

Konkurrenzfähig sein

Zu den Aufgaben eines Arbeitsassistenten zählt im Prinzip alles, was der Mensch mit Behinderung aufgrund seiner körperlichen Einschränkung nicht selbst erledigen kann. Bei Corinna Mader ist es unter anderem das Schreiben am PC, bei Blinden zum Beispiel das Vorlesen von Unterlagen.

Viele Menschen mit Behinderung, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt sind, scheuen sich laut Jörg Nitschke anfangs, eine Assistenz zu beantragen. „Sie greifen lieber auf die Hilfe von Kollegen zurück“, sagt er. „Doch ein Kollege hat nicht immer spontan Zeit. Außerdem will der Mensch mit Behinderung diesen nicht dauernd um irgendetwas bitten.“ Manchmal gehe es um banale Dinge, wie darum, einen heruntergefallenen Zettel aufzuheben, ohne den der Arbeitnehmer aber nicht weitermachen kann. „Eine Arbeitsassistenz sorgt dafür, dass der Mensch mit Behinderung konkurrenzfähig ist und genauso viel leisten kann wie seine Kollegen“, erklärt der VIF-Einsatzleiter.

Nur Gewinner

Für den Arbeitgeber fallen übrigens keine zusätzlichen Kosten an. Diese übernimmt das Integrationsamt, das in Bayern seit Kurzem Inklusionsamt heißt. Hier wird geprüft, wie viel Assistenz dem Antragsteller zusteht. Das variiert je nach Schwere der Behinderung. Corinna Mader hat im Moment 20 von 30 Wochenarbeitsstunden Anspruch auf einen Arbeitsassistenten. Die restlichen zehn Stunden arbeitet Corinna Mader ohne Arbeitsassistenz, beispielsweise im Rahmen von Beratungen und mit technischen Hilfsmitteln wie einem Spracherkennungsprogramm. „Technische Hilfsmittel sind eine gute Möglichkeit für mich, ersetzen aber in keinem Fall die Arbeitsassistenz.“

Jörg Nitschke bringt es auf den Punkt: „Wenn gut ausgebildete Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterkommen, gibt es nur Gewinner: Der Arbeitnehmer braucht keine Sozialhilfe, sein Assistent hat einen guten Job und der Arbeitgeber einen kompetenten Mitarbeiter. In Zeiten des Fachkräftemangels ein Erfolgsrezept.

Caroline Meyer

Schlagworte Arbeitsassistenz | Inklusion | Menschen mit Behinderung

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