25. April 2018
VdK-Zeitung Archiv

Kampf um schulische Inklusion

VdK-Mitglied Martina Frühwald und ihr Sohn spüren viel Gegenwind

„Welche ist die richtige Schule?“ Diese Frage stellen sich viele Eltern, vor allem auch diejenigen, deren Tochter oder Sohn eine Behinderung haben. VdK-Mitglied Martina Frühwald kämpft seit Jahren dafür, dass ihr Sohn eine Regelschule besucht. Ihr Beispiel macht deutlich: Von Inklusion, wie es das Gesetz fordert, ist Bayern noch weit entfernt.

Martina Frühwald hilft ihrem Sohn Leopold, der entwicklungsverzögert ist, bei Leseübungen. Das spezielle Lernmaterial für den Mittelschüler besorgt sie meistens selbst. | © Sebastian Heise

Auf die Frage, ob es ihm an der Mittelschule gefalle, sagt ihr 14-jähriger Sohn Leopold mit einem Lächeln „Ja!“ Auch sein Mitschüler Luca betont: „Der Leo gehört dazu!“ In Momenten wie diesen zeigt sich, dass sich Martina Früh walds Kampf lohnt. Viele sehen es aber leider nicht als selbstverständlich an, dass der Schüler wie alle anderen am Unterricht in der Mittelschule teilnimmt. Denn Leopold hat eine Behinderung. Er kam zusammen mit seinem Zwillingsbruder Maximilian viel zu früh auf die Welt, erlitt dabei eine Gehirnblutung, die eine Zerebralparese zur Folge hatte. Deswegen ist er körperlich und geistig entwicklungsverzögert.

Seine Eltern wollten aber von Anfang an, dass Leopold nicht auf Förder-, sondern auf Regelschulen geht. Dafür haben sie schon früh gekämpft, und bis heute stoßen sie immer wieder auf Barrieren, vor allem in den Köpfen der Menschen. Martina Frühwald aus dem oberbayerischen Vaterstetten erlebt eine Achterbahn der Gefühle. Immer wieder, wenn sie ein positives Erlebnis hat, kommt der nächste Rückschlag. Oft sind es die Pädagogen, die sie zur Verzweiflung bringen.

Manchmal empfindet sie es als Schikane: So hat einmal ein Konrektor, der vertretungsweise die Grundschule leitete, das Klassenzimmer von Leopold in den zweiten Stock ganz ans Ende des Ganges gelegt. Da er viel langsamer geht als seine Mitschüler und es keinen Aufzug gab, war der Weg in die Pause und zurück so lang und mühsam, dass er sich nicht erholen konnte.

Manche sagen ihr sogar direkt, dass sie ihren Sohn nicht unterrichten wollen: „Warum soll ich das tun? Ich bekomme nicht mehr Geld dafür“, meinte eine Lehrerin einmal zu ihr. Nach dem Gespräch saß Martina Frühwald in ihrem Auto und weinte. Sie hatte das Gefühl, dass keiner Leopold haben will. Doch sie und ihr Mann geben nicht auf, auch wenn sie seit neun Jahren, als sie begannen, sich um die schulische Entwicklung ihres Sohnes zu kümmern, bis heute kaum Fortschritte Richtung Inklusion sehen, obwohl diese längst Pflicht ist und laut bayerischem Schulgesetz auch angestrebt werden muss.

Keine Beratung


„Ich bin noch nie beraten worden“, sagt sie. Um alles muss sie sich selbst kümmern. Sogar die speziellen Lernmaterialien für ihren Sohn besorgt Martina Frühwald. „Inklusionsschulen gibt es nicht“, sagt sie. Bei den Schulen, die sich so nennen, werde vielleicht zusammen musiziert oder gemeinsam Sport gemacht, aber andere Fächer wie Mathematik oder Deutsch fänden getrennt statt. Ihr Sohn sei bisher auch nie auf eine Inklusionsschule gegangen, sondern es handle sich um eine Einzelintegration. Ein Schulbegleiter ist ständig dabei und kümmert sich nur um Leopold. Und selbst diese Form der Unterstützung habe sich seit Beginn nicht verbessert.

„Unser Bildungssystem ist veraltet“, sagt Martina Frühwald, die sich neben dem VdK auch in anderen Interessengruppen für ein inklusives Bildungssystem stark macht. Sie verweist auf andere Staaten, die viel weiter sind. Die Schulen müssten individuell auf die einzelnen Kinder eingehen. Sie spricht sich für multiprofessionelle Teams aus, die an Schulen zusammenarbeiten und so jeden Schüler bestmöglich in seiner Entwicklung fördern. Neben speziellen Pädagogen könnte dazu auch medizinisches Personal wie Ärzte oder Logopäden gehören.

Leopold ist von den Noten befreit. Sein Zeugnis ist wie bei Erstklässlern qualitativ. „Er ist ein sehr freundliches, sehr offenes Kind“, ist darin beispielsweise zu lesen oder auch: „Er bewegt sich sicher im Zahlenraum von 1 bis 100.“ Martina Frühwald findet dies einerseits gut. Schließlich werden so auch seine Stärken hervorgehoben. Doch sie würde sich dies für alle Schüler wünschen. Und vor allem will sie nicht mehr für jeden Fortschritt kämpfen müssen.



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Sebastian Heise

Schlagworte Inklusion | Schule

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