20. März 2018
VdK-Zeitung Archiv

Minuspunkte für den "Dorftrottel"

In Gesellschaftsspielen werden manchmal Personengruppen diskriminiert

Diskriminieren sollten Spiele nicht. Darauf achten die Hersteller normalerweise. Doch in Ausnahmefällen wird leider schon mal etwas übersehen. Dann lohnt es sich, die Firma direkt anzusprechen.

Die zehnjährige Magdalena* spielt sehr gerne mit ihrer Familie Brett- und Würfelspiele. Ihre Mutter kauft daher immer wieder neue Produkte, die ihrer Tochter gefallen könnten. So hat sie auch den „Würfelkönig“ erworben. Doch als die Mutter das Spiel auspackte und die Spielanleitung durchlas, wurde sie wütend. Sie wusste sofort, dass sie dies nicht mit ihrer Tochter spielen kann.

„Leider ist uns der Kauf schwer aufgestoßen“, erklärt die Mutter. „Irre Gnome, arrogante Elfen und andere Fantasiefiguren geben Pluspunkte, nur der Drache und der Dorftrottel geben Minuspunkte.“ Außerdem werde „der Dorftrottel als schielender, dümmlich blickender junger Mann dargestellt“. Ein Teil des Spieleprinzips sei, „dass man sich vor dem Dorftrottel hüten muss“.

Magdalena, die Mitglied im Sozialverband VdK ist, hat eine geistige Behinderung. Sie ist sehr sozial eingestellt und reagiert empfindlich, wenn Menschen ausgegrenzt werden. Ihre Mutter beschwerte
sich beim Hersteller Haba, und da sie verhindern wollte, dass dieses Spiel ausgezeichnet wird, wandte sie sich an die Jury von „Spiel des Jahres“.

„Wir bedauern es sehr, dass unser Spiel ‚Würfelkönig‘ für Unmut gesorgt hat“, heißt es in einer Stellungnahme des Herstellers. „Gleichzeitig versichern wir Ihnen, dass wir die Sorgen, Bedenken und Kritik unserer Kunden sehr ernst nehmen und natürlich bereit sind, dazu Stellung beziehen.“ Darüber hinaus hat Haba nach eigenen Angaben bereits veranlasst, dass die Figur „Dorftrottel“ umbenannt und der Text für die Verpackung und die Anleitung zukünftig angepasst wird: „Das Spiel ‚Würfelkönig‘ ist in einem modernen Comic-Stil illustriert, der Übertreibungen und Überspitzungen beinhaltet. Doch natürlich hatten wir durch die Verwendung dieses Stils in keinster Weise die Absicht, Vorurteile zu schaffen oder irgendeine Personengruppe unserer Gesellschaft zu diskriminieren oder abzuwerten.“

Auch die Jury der Auszeichnung „Spiel des Jahres“ reagierte auf das Schreiben der enttäuschten Mutter. Tom Felber, Vorsitzender des Vereins „Spiel des Jahres“, dankte für den „wertvollen Hinweis“ und ergänzte: „Wir unterstützen Ihre Haltung und erkennen eine notwendige Sensibilisierung von Spieleverlagen im Umgang mit Themen, die Menschen mit Behinderung betreffen.“ Die Jury werde diese Problematik bei der Zusammenstellung der Empfehlungslisten „garantiert berücksichtigen“. Bernhard Löhlein, der Sprecher der Jury „Spiel des Jahres“, sagte, dass heutzutage wenige Spiele auf den Markt kommen, bei denen Personengruppen diskriminiert würden.

Er weist jedoch darauf hin, dass es manchmal historische Gründe gibt. So sei es beispielsweise nicht verwerflich, wenn in einem Spiel, das sich um den Wilden Westen dreht, geschossen wird. Dr. Karin Falkenberg, Leiterin des Nürnberger Spielzeugmuseums, beobachtet eine immer stärker werdende Sensibilisierung bei den Spieleerfindern, -gestaltern und -herstellern. Diskriminierungen würden heutzutage nur noch selten und unabsichtlich passieren. „Lieber kreieren die Autoren surreale Fantasiewesen, die bestimmte Eigenschaften haben, als Personengruppen auszugrenzen“, sagt Falkenberg. Und falls es zu Ausnahmen wie beim „Würfelkönig“ komme, würde dies thematisiert und geändert. Durch solche Fehler werde „das Bewusstsein weiter geschärft“, erklärt die Expertin.

Die steigende Achtsamkeit bei den Spielwarenherstellern spiegelt nach ihren Worten die gesellschaftliche Entwicklung wider. So wurde in früheren Zeiten deutlich weniger auf politisch korrekte Figuren und Bezeichnungen geachtet. „Der schwarze Peter“ aus den 1920er-Jahren ist nur ein Beispiel. Die Grenzen zwischen Diskriminierung durch negativ besetzte Stereotypen und dem satirischen Umgang mit gesellschaftlichen Missständen ist fließend wie bei dem Gesellschaftsspiel „Hartz IV“ aus dem Jahr 2004, in dem die Situation von Langzeitarbeitslosen überzeichnet wird.

Laut Falkenberg geht es in den neuesten Spielen auch immer weniger um das Gegeneinander als vielmehr um das Miteinander. „Wir spielen, um gemeinsam etwas zu erreichen“, sei das Motto. Für Magdalena und ihre Familie haben Gesellschaftsspiele eine wichtige verbindende Funktion. Ihre Mutter hat sich über die Reaktion von der „Spiel des Jahres“-Jury gefreut. Sie hofft, dass die Hersteller bei der Entwicklung künftig noch sensibler sein werden. Den „Würfelkönig“ hat sie aussortiert. Allerdings kann ihre Tochter immer noch aus Dutzenden anderen Brett- und Würfelspielen wählen.

*Name von der Redaktion geändert.

Spiele-Oscar

„Hase und Igel“: So hieß 1979 das erste „Spiel des Jahres“. Seitdem verleiht der gleichnamige Verein, den verschiedene Spielekritiker zuvor gegründet hatten, jedes Jahr diese Auszeichnung. Neue Akzente für die Idee des Spiels in Familie und Gesellschaft wollten die Gründer damit setzen, und dies ist ihnen gelungen. Denn seit der ersten Preisverleihung stieg die Zahl der Erwachsenen an, die mit ihren Kindern oder auch miteinander spielen. Für die Hersteller bringt die Auszeichnung „Spiel des Jahres“ nicht nur Renommee, sondern auch zusätzliche Umsätze. Denn so wie der Oscar bei Kinofilmen, steigert sie auch die Nachfrage. hei


Sebastian Heise

Schlagworte Gesellschaftsspiele | Diskriminierung

Mediadaten

Hier finden Sie die aktuellen Preise (bayernweit) für gewerbliche Anzeigen für die VdK-Zeitung als Download:

Impressum

Hier finden Sie das Impressum der VdK-Zeitung:

Archiv


Hier finden Sie Artikel aus älteren Ausgaben der VdK-Zeitung:


Weitere Artikel aus der VdK-Zeitung finden Sie auf den Seiten des VdK Deutschland: VdK-Zeitung

Presse
Symbolfoto: Unterlagen, eine davon mit dem Vermerk "Wichtig"
Bleiben Sie stets auf dem Laufenden: Unsere Abteilung "Presse, PR, neue Medien" versorgt Journalistinnen und Journalisten mit aktuellen Pressemeldungen und Statements des Sozialverbands VdK Bayern.
VdK-Zeitung
Eine Frau und ein Mann lesen die VdK-Zeitung
Mit einer Druckauflage von 600.000 Exemplaren zählt die VdK-Zeitung zu den auflagenstärksten Printmedien in ganz Bayern. Alle VdK-Mitglieder bekommen sie zehnmal pro Jahr kostenlos per Post zugestellt.
VdK-TV
Die Videoprogramme des Sozialverbands VdK bieten spannende Interviews, aktuelle Reportagen und anschauliche Berichte. Sie sind über das Video-Portal VdK-TV jederzeit im Internet abrufbar.
Presse
Symbolfoto: Ein Briefumschlag mit einem großen @-Zeichen darin.
Wir bieten Ihnen zwei Newsletter an, die Sie kostenfrei abonnieren können: unseren Presse-Newsletter mit den aktuellen Pressemitteilungen des VdK Bayern und den monatlichen Newsletter.
Tipps und Termine
Symbolfoto: Ausgeschnittene Papiermännchen bilden einen Kreis
In unserer Rubrik "Tipps und Termine" stellen wir Ihnen aktuelle Neuigkeiten aus dem Verbandsleben, Aktionen, Veranstaltungen, Pressemitteilungen sowie Links zu interessanten Beiträgen vor.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzten auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.