20. Februar 2018
VdK-Zeitung Archiv

Ersatz-Oma und 450-Euro-Jobberin

VdK-Mitglied Karin Latta engagiert sich als Babysitterin und bessert ihre geringe Rente mit einem Nebenjob auf

Karin Latta ist eine von vielen Senioren, die noch arbeiten. Denn ohne ihren Job käme die Coburgerin mit ihrer geringen Rente kaum über die Runden. Zusätzlich hat sie noch eine Aufgabe in einem gemeinnützigen Verein übernommen, die ihr große Freude bereitet.

Karin Latta zeigt dem vierjährigen Simon, „ihrem geborgten Enkel“, eine ihrer Schneekugeln. | © Sebastian Heise

„Guck mal, der hat Antennen, die leuchten. Das habe ich ja noch nie gesehen!“, sagt Karin Latta zum vierjährigen Simon, dem sie ein Buch vorliest. Dieser hört gespannt zu. Für ihn und seinen achtjährigen Bruder Anton ist die 68-Jährige wie eine Oma, eine „Ersatz-Oma“. Seine Eltern sind mit den beiden berufsbedingt nach Coburg gezogen. Da sie keine Familienangehörigen und Verwandten in Oberfranken haben, schlossen sie sich einer Elterninitiative an, die Ersatz-Omas und -Opas vermittelt.

Karin Latta engagiert sich bereits seit rund vier Jahren als Leih-Großmutter. Dieses Engagement macht der allein lebenden Rentnerin große Freude. „Darin gehe ich auf“, sagt sie. Insgesamt sieben Kinder aus fünf Familien betreut sie regelmäßig. Dabei lernt sie nicht nur Kinder und Eltern aus Deutschland kennen, auch eine mexikanische Familie hat sie in ihr Herz geschlossen. Für den fünfjährigen Liam und seine ein Jahr jüngere Schwester Lena ist Karin Latta „die Oma in Deutschland“. Denn deren leibliche Großeltern leben tausende Kilometer entfernt.

Nachts Pakete packen

Neben dem Ehrenamt hat Karin Latta aber auch noch einen Nebenjob. Denn für ihre Dienste als Ersatz-Oma bekommt sie nur eine Aufwandsentschädigung. In der Nacht von Sonntag auf Montag packt sie bei einem Versandhändler jede Woche Pakete. Während sie ihre Rente für die Wohnungsmiete und die Lebenshaltungskosten benötigt, kann sie mit diesem 450-Euro-Job ihren Pkw abbezahlen und dessen Haltung finanzieren.

„Mein Auto ist für mich ein Stück Freiheit.“ Damit kann sie von ihrer Wohnung alle wichtigen Erledigungen machen und vor allem zu den Familien fahren, bei denen sie sich als Ersatz-Oma engagiert. „Solange ich noch so fit bin, geht’s mir gut“, sagt die Oberfränkin, die auch Mitglied des Sozialverbands VdK ist. Doch wenn sie nicht mehr arbeiten kann, wird es für sie finanziell eng. Karin Latta möchte auch nicht noch einmal um staatliche Unterstützung bitten. Vor ein paar Jahren hatte sie versucht, Wohngeld zu beantragen. Doch so eine unangenehme Erfahrung, die sie damals auf der Wohngeldstelle der Stadt Coburg gemacht hatte, will sie nicht noch einmal erleben.

Dass sie eine geringe Rente hat und noch hinzuverdienen muss, war für sie ein Schock. Fast fünf Jahrzehnte hat sie gearbeitet. Mit 14 Jahren fing sie an. Sie war auch sehr zufrieden und in ihrem Bereich erfolgreich, wie sie erzählt. So arbeitete sie die letzten Jahre als Teamleiterin in einem Versandhandel. „Ich hatte eine gute Ausbildung und einen verantwortungsvollen Beruf.“ Sie bildete sich im Laufe ihrer Tätigkeit fort und konnte sich so auch um Azubis kümmern.

Für ihre zwei Kinder, die sie gemeinsam mit ihrem geschiedenen Mann hat, setzte sie nur für die Zeit des Mutterschutzes aus. Ansonsten hat sie immer gearbeitet, bis kurz vor Weihnachten 2013: Einen Tag vor Heiligabend bekam sie eine neue Hüfte. Nach einer längeren Zwangspause durch Operation und Rehabilitation versuchte sie, wieder zu arbeiten. Doch dann erlitt sie eine schwere Viruserkrankung. Sie musste wieder länger aussetzen, bekam nur 60 Prozent ihres Nettogehalts als Krankengeld ausgezahlt.

Auf die Rente wirkte sich diese lange Krankheit nur geringfügig aus. Grund für ihre niedrige Rente ist in erster Linie die unterdurchschnittliche Bezahlung vor allem in den ersten Jahrzehnten ihres Berufslebens. Diese Erfahrung, als Rentnerin mit deutlich weniger Geld auskommen zu müssen, war für sie bitter. „Ich konnte mir halt nichts mehr leisten.“ Wenn Freunde fragten, ob sie mit essen gehe, habe sie zunächst gesagt, sie habe keine Zeit. „Irgendwann muss man jedoch Farbe bekennen“, erzählt Karin Latta. Ein Ausflug nach München war für sie auch nicht mehr bezahlbar, und schöne Reisen, von denen sie träumt, erst recht nicht.

Ihr soziales Leben schränkte sich immer mehr ein. Doch dann erfuhr sie von der „Oma- und Opa-Vermittlung“. Sie meldete sich und ging zu einem Schnuppertag mit Kindern und Eltern. Die Rentnerin kam so gut an, dass sie bald engagiert wurde. Inzwischen macht ihr diese verantwortungsvolle, aber auch abwechslungsreiche Aufgabe so viel Spaß, dass sie sich immer wieder auf die Zeit mit ihren „geborgten Enkeln“ freut.

Außerdem halten diese sie fit und auf Trab. Natürlich ist sie am Abend entsprechend müde, aber dafür ist sie mit Leidenschaft dabei. Einige der Jungen und Mädchen sagen „Oma Karin“ zu ihr, auch wenn es ihr lieber ist, wenn sie nur „Karin“ sagen. „Ich komme mit allen Familien gut aus“, sagt sie. Diese schätzen ihren erfahrenen Umgang mit den Kindern, da sie selbst eine Tochter und einen Sohn groß gezogen hat.

„Aus Liebe“

Die Nachtschichten beim Versandhändler und ihr Engagement als Ersatz-Oma gehören beide zu ihrem Leben, allerdings mit einem großen Unterschied, wie sie selbst betont: „Das Päckchen-Packen mache ich, weil ich das Geld brauche, und das andere mache ich aus Liebe.“

Info

Im Juni 2017 waren bundesweit 1,04 Millionen Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, geringfügig beschäftigt. 484.000 davon waren Frauen. Im Vergleich zum Vorjahr war dies ein Plus von fünf Prozent. Die durchschnittliche Frauenrente liegt bei 741 Euro (Westdeutschland) und 819 Euro (Ostdeutschland). hei


Sebastian Heise

Schlagworte Leih-Oma

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