24. Januar 2018
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In einfachen Sätzen zu großer Spannung

Für Menschen mit Leseschwäche werden immer mehr Romane übersetzt und veröffentlicht

Millionen Erwachsene können nicht gut lesen und schreiben. Viele von ihnen haben es (noch) nicht gelernt, einige von ihnen haben aufgrund einer Behinderung Schwierigkeiten damit. Um ihnen das Lesen näherzubringen, werden immer mehr Bücher in leichter und einfacher Sprache verlegt.

© Techniker Krankenkasse

„Valentin Kienberger wagt kaum zu atmen. Er steht in der Haustür, das Gewehr in der Hand. Ein Geräusch hat ihn geweckt. Ein leises Knistern. Wie Schritte auf gefrorenem Eis.“ Leichte Sätze, große Spannung. So beginnt der Roman „Am Ende des Tages“ von Robert Hültner in einfacher Sprache. Es ist der derzeit beliebteste Krimi im Verlag „Spaß am Lesen“.

Das Unternehmen aus Münster in Westfalen hat etwa 70 Bücher in leichter und einfacher Sprache herausgebracht. Darunter sind einige Bücher, die eigens für Menschen mit einer Leseschwäche geschrieben wurden. Die Mehrzahl sind aber in leichte oder einfache Sprache übersetzte Titel wie „Die Welle“ oder „Robinson Crusoe“. Das meist bestellte Buch des Verlags ist „Tschick“. Der Autor Wolfgang Herrndorf, dessen Originalbuch millionenfach verkauft wurde, starb 2013 im Alter von nur 48 Jahren. Kurz vor seinem Tod hatte er sich dafür eingesetzt, dass der Jugendroman auch in einfacher Sprache erscheint.

Ans Lesen heranführen

7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland haben eine so starke Lese- und Schreibschwäche, dass sie von selbstständiger gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen oder häufig auf Unterstützung angewiesen sind, wie die „Level One Grundbildungsstudie“ (kurz Leo-Studie) der Universität Hamburg aus dem Jahr 2010 ergab. Die meisten von ihnen haben das Lesen in der Schule nie richtig gelernt. Ein Großteil hat zwar einen Job, häufig jedoch mit geringer Bezahlung.

Romane in einfacher oder leichter Sprache sollen bei diesen Menschen Interesse für das Lesen wecken. So werden diese Bücher bei Lese- und Schreibkursen verteilt, erzählt Ralf Häder, der Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung. Die Romane sollen den Menschen das Lesen so einfach wie möglich machen. Die Sätze sind kurz, die Schrift ist groß. Für Bücher in einfacher Sprache sollten die Kenntnisse etwas besser sein.

Für diejenigen, die noch ganz am Anfang stehen, sind dagegen Romane in leichter Sprache zu empfehlen. Die Texte sind pro Seite nochmals deutlich kürzer, manchmal sind es nur drei bis vier noch größer geschriebene Zeilen. Die Wörter sind einfacher, die Sätze knapper, und große Fotos geben die Geschichte ähnlich wie in einem Bilderbuch wieder. Für die betroffenen Menschen ist ein Roman eine große Herausforderung. „Sie müssen jede einzelne Seite besiegen“, erläutert Häder.

Viele von ihnen haben vorher noch nie ein Buch zu Ende gelesen. Was das Lesen und Schreiben betrifft, liegt hinter ihnen zum Teil „eine lange Geschichte von Niederlagen“, sagt er. Sie wurden ausgeschlossen, manchmal gar verlacht, und in der Schule wurden sie irgendwie durchgeschleust. Viele Betroffene kommen aus Familien, in denen Bücher keine Rolle spielten, erklärt Häder. „Schüler mit rudimentären Lese- und Schreibkenntnissen fallen in unserer Gesellschaft oft unten durch.“

Die Romane, auf deren Titelseite gut lesbar „In einfacher Sprache“ oder „In leichter Sprache“ steht, sind überall bestellbar: bei Buchhändlern oder im Internet – entweder direkt beim Verlag oder bei Online-Buchhändlern. Volkshochschulen bestellen diese für ihre Kurse, und in Stadt-Bibliotheken gibt es eigene Regale dafür.

Kinder als Motivation

Ralf Beekveldt, Geschäftsführer des Verlags „Spaß am Lesen“, begann 1994 in den Niederlanden, Romane in einfacher Sprache zu verlegen. Vor rund zehn Jahren kam er nach Deutschland. Er freut sich, wenn erwachsene Menschen durch die Romane in einfacher Sprache erstmals ein Buch lesen. Als Beispiel erzählt er von Manuela Westermann, die lange Zeit Probleme mit dem Lesen und Schreiben hatte. Als Erwachsene fasste sie Mut und meldete sich für einen Grundbildungskurs Lesen und Schreiben an der Volkshochschule an. Bis dahin hatte sie sich nicht an Bücher herangetraut.

„Sie sah ihre heranwachsenden Kinder mit viel Freude Bücher lesen und schämte sich dafür, es selbst nicht zu können“, berichtet der Verleger. Sie sagte: „Ich wollte eigentlich gar kein Buch lesen, weil ich Angst hatte, ich schaffe das nicht. Ich hatte kein Zutrauen.“ Ihre Lehrerin legte ihr „Ziemlich beste Freunde“ von Philippe Pozzo di Borgo ans Herz. „Manuela Westermann begann, darin zu lesen“, wie Beekveldt erzählt, „und konnte es nicht mehr weglegen.“ Sie habe das Buch sogar mehrmals abgeschrieben, „weil es ihr so gut gefiel“.

Sebastian Heise

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