24. Januar 2018
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Ist das Mut oder nur ein Klacks?

Träume leben oder sich einfach nicht unterkriegen lassen: VdK-Mitglieder berichten, wobei sie mutig sind

M – U – T. Diese drei Buchstaben bilden ein Wort, dessen Bedeutung für jeden Einzelnen unterschiedlich sein kann. Wir haben uns bei VdK-Mitgliedern umgehört, was sie mit dem Begriff „Mut“ verbinden.

Abgehoben: Für Hilde Brynk ging mit 95 Jahren ein großer Traum in Erfüllung. | © fly2sky

Hilde Breynk aus dem oberbayerischen Mittenwald dürfte von vielen Lesern zu Recht als mutig bezeichnet werden. Das VdK-Mitglied wagte im Oktober 2015 seinen ersten Gleitschirmflug – im Alter von 95 Jahren. Sie sieht das gelassen: „Dafür brauchte ich keinen Mut. Das war mein Traum!“ Laut allgemeiner Definition ist jemand mutig, wenn er in einer riskanten Situation seine Angst überwinden kann. Wer sich also zum Beispiel in eine Situation begibt, die mit Gefahren verbunden ist, beweist Mut. Was gefährlich ist, muss im Prinzip aber jeder für sich selbst beurteilen. Daher ist die Bedeutung von Mut immer individuell verschieden.

Während für den einen der Sprung vom Drei-Meter- Brett im Schwimmbad bereits eine riesige Herausforderung darstellt, ist für andere ein Flug mit dem Gleitschirm ein Klacks. „Mut brauche ich immer dann, wenn die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass ich scheitere“, erklärt Professor Dr. Peter Fischer, Sozialpsychologe an der Uni Regensburg. „Insbesondere wenn ich hohe negative Konsequenzen befürchten muss, meine Kosten-Nutzen-Rechnung also negativ ausfällt.“ Ist Zivilcourage im Spiel, werde eine solche Rechnung aber häufig nicht angestellt. „Bei Zivilcourage fallen Entscheidungen oft spontan, meist aufgrund eines tief in uns schlummernden Wertekonzepts.“

Viele Menschen sind mutig, weil sie nach Lob und Anerkennung streben. Haben sie Erfolg, erhöht das ihr Selbstbewusstsein. „Man ist stolzer und zufriedener als vorher. Kurzum: Mut wirkt sich bei Erfolg grundsätzlich positiv auf das Selbstkonzept aus“, sagt Fischer. Für Andrea Paul hat der Begriff eine spezielle Bedeutung. Sie hat trotz eines einschneidenden Erlebnisses ihren Lebenswillen nicht verloren. „Ich habe den Mut, jeden Tag aufzustehen und weiter zu kämpfen“, sagt sie.

Die 53-Jährige aus dem schwäbischen Wolfertschwenden wurde 2011 bei einem Autounfall schwer an der linken Schulter verletzt. Davor hatte sie voll im Leben gestanden, hatte ihre fünf Kinder alleine großgezogen und unter anderem als Pflegedienstleiterin gearbeitet, ehe der Unfall ihr Leben umkrempelte. Es folgten unzählige Operationen an der linken Schulter, 2013 wurde ihr dort eine Gelenkprothese eingesetzt. Mit der Zeit wurde dann auch das rechte Schultergelenk in Mitleidenschaft gezogen, sodass dieses im vergangenen Jahr schließlich ebenfalls durch eine Prothese ersetzt werden musste.

„Ich habe davor alles allein gemacht. Ein ‚Es geht nicht‘ gab es bei mir nicht“, sagt das VdK-Mitglied. Durch die starken Schmerzen und Bewegungseinschränkungen infolge der Verletzung habe sie sich plötzlich wertlos und minderwertig gefühlt. „Da ich durch meinen Beruf zuvor aber schon viel Elend gesehen hatte, habe ich mir gesagt: ‚Du hast eine Familie, bist also nicht allein auf weiter Flur. So schlecht geht es dir doch eigentlich gar nicht.‘“

Kraft zu kämpfen

Aus ihrer positiven Einstellung schöpft Andrea Paul die Kraft, für ihre Rechte zu kämpfen. Ihr erster Antrag auf Teilerwerbsminderungsrente wurde abgelehnt. Sie hat seit zwei Jahren keine Arbeitsstelle mehr, bezieht somit längst kein Krankengeld und kein Arbeitslosengeld mehr. Darüber hinaus streitet sie vor Gericht. Noch immer – mehr als sechseinhalb Jahre nach dem Unfall – ist kein Urteil über Schmerzensgeld oder Verdienstausfall gesprochen. Unterstützung, nicht nur finanzieller Art, erhält Andrea Paul durch ihren Freund und ihre Kinder. Mit ihrer Geschichte will sie anderen Menschen Mut machen. Ihr Rat: „Man sollte sich nie unterkriegen lassen, sondern immer weitermachen, egal, wie schlecht es einem geht.“

Auch Simone Heintze aus Gevelsberg im Ruhrgebiet lässt sich von ihren Schicksalsschlägen nicht entmutigen. Die 43-Jährige ist dreifache Mutter, berät Menschen ehrenamtlich in Rentenfragen und unterstützt diese bei der Antragstellung. „Dabei bin ich oft schockiert, wie gering manche Renten sind“, erzählt sie. Vor rund sechs Jahren hatte sie die Idee, auf ihrem Grundstück in Berlin eine Senioren-Wohngemeinschaft entstehen zu lassen, um bedürftigen älteren Menschen günstiges Wohnen zu ermöglichen. 2013 jedoch wurde bei Simone Heintze Brustkrebs festgestellt. Sie begann eine Therapie und musste alle Pläne erst mal auf Eis legen. Der Neustart nach der Behandlung wurde durch familiäre Probleme abrupt gestoppt.

Der dritte Anlauf vor einem Jahr begann vielversprechend. Das VdK-Mitglied aus Nordrhein-Westfalen hatte endlich ein Bauunternehmen gefunden, das die Senioren-WG baut. Doch wenige Monate später kehrte der Brustkrebs zurück. Während ihrer erneuten Chemotherapie, die von einer Lungen- und Herzmuskelentzündung sowie einer Herzschwäche begleitet wurde, nahm das Projekt Gestalt an. „Das Vorhaben ermutigte mich so sehr, dass es mir Kraft und Zuversicht schenkte. Ich glaube, ohne mein Seniorenprojekt und meinen großen Glauben an Gott hätte ich schon längst aufgegeben. Aber ich möchte dieses Haus entstehen sehen. Ich möchte erleben, wie es gebaut wird und dass die ersten Senioren einziehen“, sagt Simone Heintze. „Und deshalb kämpfe ich weiter um mein Leben.“

Freier Fall mit 100? Zurück zu Hilde Breynk. Eigentlich wollte die heute 97-Jährige kurz nach ihrem Gleitschirmflug noch mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug springen. Doch beim ersten Termin war es zu windig, beim zweiten zu nass. Die Startbahn in Altenstadt war gesperrt. Zu weiteren Terminen kam es bisher nicht. „Es ist mal an der Zeit, etwas ruhiger zu werden“, erzählt sie schmunzelnd. Im Hinterkopf habe sie den Wunsch nach einem Fallschirmsprung aber immer noch. „Vielleicht zu meinem 100. Geburtstag, das wäre ein Anreiz“, sagt sie. „Wenn ich dann noch den Mut dazu habe und fit bin.“ Da kommt er bei ihr also doch noch ins Spiel, der Mut. Hoffentlich geht ihr großer Traum in Erfüllung. Das wäre aufgrund ihres Alters sicher rekordverdächtig – und mutig.

Mirko Besch

Schlagworte Mut

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