30. September 2017
VdK-Zeitung Archiv

Die große Leidenschaft für Kohle, Wasser und Dampf

Vor 40 Jahren fuhr die letzte Dampflokomotive der Deutschen Bundesbahn – Vereine bieten Fahrten mit historischen Zügen an

Es war das Ende einer langen Eisenbahntradition: Vor 40 Jahren fuhr zum letzten Mal eine Dampflokomotive der damaligen Deutschen Bundesbahn. Seitdem fährt das Staatsunternehmen nur noch mit Strom und Diesel. Doch die mit Wasserdampf angetriebenen Lokomotiven leben weiter fort – dank privater Gesellschaften und Vereine.

Die private Harzer Schmalspurbahn fährt noch mit 25 Dampflokomotiven. Die älteste von ihnen wurde bereits im Jahr 1897 gebaut. | © HSB/Dirk Bahnsen

Immer wieder schaufelt Nils Hirche Kohle in die Feuerbuchse. Nur zwei bis drei Minuten kann er zwischendrin mal Pause machen, bevor er wieder anpacken muss. Sieben Stunden lang heizt der 31-Jährige eine Dampflokomotive an. Ein Knochenjob. 3,5 Tonnen Steinkohle wird er am Ende des Tages geschaufelt haben, und das freiwillig, ohne Lohn.

Nils Hirche ist Mitglied im „Historischen Dampfschnellzug e.V.“ und betätigt sich in seiner Freizeit als Heizer. Ein Beruf, der heute kaum noch ausgeübt wird. Die meisten, die dies noch tun, engagieren sich ehrenamtlich bei einer von mehr als 70 Museumsbahnen in Deutschland. Ein paar wenige arbeiten noch als festangestellte Mitarbeiter einer privaten Eisenbahngesellschaft. Mit großer Leidenschaft geht Hirche seinem Hobby nach. „Man sieht diese Kraftentfaltung, die man selbst mit seiner körperlichen Arbeit erzeugt“, sagt er. Bis zu 140 Stundenkilometer schnell wird die Lok.

Heizer auf einer Dampflokomotive: Szene aus der SWR-Sendung „Die härtesten Jobs von damals“. | © SWR/Medienkontor

Im modernen, digitalen Zeitalter schätzt Hirche, der in leitender Tätigkeit bei einem württembergischen Spielehersteller arbeitet, die Fahrten mit der historischen Eisenbahn. Für ihn ist es eine „Zeitreise“, bei der er abschalten und entschleunigen kann. Die große Vergangenheit der Heizer und Dampflokomotivführer liegt bereits mehrere Jahrzehnte zurück. Triebwagen mit Diesel oder Strom haben die traditionellen, mit Wasserdampf angetriebenen Eisenbahnen längst verdrängt.

Diese neueren Antriebe sind viel weniger aufwendig und damit kostengünstiger und auch umweltfreundlicher als die Dampfeisenbahnen. Sie können mit einem Lokführer allein, also ohne Heizer, betrieben werden, und die Beschaffung von tonnenweise Steinkohle und Wasser fällt weg. Auch für Zugreisende ist die Fahrt ohne den ständigen Rauch und den Ruß der verbrannten Kohle sowie den Lärm der Dampfmaschine auf Dauer angenehmer. Mit dem Spruch „Unsere Loks gewöhnen sich das Rauchen ab“ warb bereits 1968 die Bundesbahn auf einem Plakat für ihre Erfolge bei der Elektrifizierung.

Sie leitete damit sprichwörtlich das Ende der Dampfeisenbahnzeit ein, das schließlich am 23. Oktober 1977 kam. Mit einem Sonderzug von Rheine über Salzbergen, Lingen, Meppen nach Emden und zurück schickte die Deutsche Bundesbahn ihre letzte Dampflokomotive in Rente. Zahlreiche Eisenbahnliebhaber und Fotografen waren bei der Abschiedsfahrt dabei. Gleich danach verordnete die Bundesbahn ein Dampflokverbot.

Nachzügler in Europa

Die damalige Bundesrepublik war im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern damit ein Nachzügler, wie Harald Kirchner, Redaktionsleiter der SWR-Fernsehsendung „Eisenbahn-Romantik“, erläutert. Die Schweiz und Frankreich hatten bereits in den 1960er-Jahren die Dampflokomotiven aus dem Verkehr gezogen. Doch zum Glück für viele Eisenbahnfreunde dauerte das Dampflokverbot in Deutschland nur kurze Zeit. Die ersten Eisenbahnvereine wurden gegründet. Sie kauften alte Lokomotiven der Bundesbahn auf und machten es sich zur Aufgabe, diese zu erhalten.

Während in der Bundesrepublik so nach und nach Museumsbahnen entstanden, die Rundfahrten mit historischen Zügen anboten, fuhr die Deutsche Reichsbahn der DDR noch bis 1988 auf der 1435 Millimeter breiten Regelspur mit Dampflokomotiven. Auf den einen Meter breiten Schmalspurbahnen sind sogar bis heute Dampflokomotiven im Einsatz. Das größte zusammenhängende Netz ist das der Harzer Schmalspurbahnen mit einer gesamten Streckenlänge von 140 Kilometern.

Bei der Zusammenführung der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn wurden die Harzer Schmalspurbahnen (HSB), zu denen die Harzquer- und Brockenbahn sowie die Selketalbahn gehören, in eine private Betreibergesellschaft ausgegliedert. Zu den Gesellschaftern gehören die Landkreise, Städte und Gemeinden, die über Bahnhöfe an dem Netz verfügen. Die Angestellten der Deutschen Reichsbahn konnten sich während der Gründungsphase der Gesellschaft Ende 1991 entscheiden, ob sie für die Deutsche Bahn an anderen Orten weiterarbeiten möchten oder im Harz bei der neuen Gesellschaft einsteigen wollen. So startete die HSB mit rund 400 Mitarbeitern. Mittlerweile sind es noch 260, darunter zwölf Auszubildende.

Die Schmalspurbahnen sind eingebettet in das touristische Angebot der Region. Mit mehr als 1,1 Millionen Fahrgästen ist die Traditionsbahn nach der Dresdner Frauenkirche die meistbesuchte Attraktion in den neuen Bundesländern, wie Dirk Bahnsen, Sprecher der HSB, nicht ohne Stolz sagt. Über 41 Triebfahrzeuge verfügt die Gesellschaft. 25 davon sind Dampflokomotiven – die älteste ist aus dem Jahr 1897 und wurde vom bekannten Schweizer Ingenieur Anatole Mallet entwickelt, die jüngste ist von 1956.

Die beliebteste Zugstrecke, auf der das ganze Jahr über Eisenbahnfreunde und Touristen fahren, führt zum Brocken auf 1125 Meter. Das Besondere an der Bahngesellschaft ist, dass der gesamte Betrieb und das Schienennetz im Unterschied zur Deutschen Bahn in einer Hand sind. So müssen die Mitarbeiter der Gesellschaft nicht nur die 41 Triebfahrzeuge, 88 Reisezugwagen, 19 Bahndienstwagen und 30 Güterwagen pflegen und warten, sondern auch die 48 Stationen, die Schienen, Weichen und Abstellgleise sowie die mehr als 400 Brücken und Durchlässe.

Außerdem gibt es neben den Schaffnern im Zug auch noch Ticketschalter, an denen die Fahrkarten von Angestellten verkauft werden. Ähnlich persönlich, wenn auch nicht so professionell, geht es bei den privaten Eisenbahnvereinen zu. Hier verkaufen ehrenamtliche Mitglieder in traditioneller Schaffnerkleidung auf dem Bahnsteig oder im Zug die Fahrkarten. Diese sind noch aus einem kleinen, rechteckigen Stück Karton und werden vom Schaffner gelocht.

Nikolaus-Fahrten

Die Fahrtangebote sind sehr vielfältig, wie SWR-Eisenbahnexperte Kirchner erläutert. So bieten die Vereine gerne Ausflugsfahrten mit Dampflokomotiven in Wandergebiete an, oder in der Adventszeit können Familien mit ihren Kindern mit der Eisenbahn fahren. Und zur großen Überraschung der Kleinen kommt auf der Strecke der Nikolaus, steigt ein und verteilt in jedem Waggon Geschenke, wie unter anderem bei der „Dampfbahn Fränkische Schweiz“ im Wiesenttal zwischen Ebermannstadt und Behringersmühle.

Diese Heeresfeldbahnlok mit Tender heißt „Nicke Frank S“ und wird gelegentlich als Vorspannlok vor den „Rasenden Roland“ auf der Insel Rügen angekoppelt. | © SWR/Jürgen Engwicht


Aber auch größere Fahrten organisieren die Vereine. Hirches Dampfschnellzug-Verein bietet mehrtägige Nostalgiefahrten ins Erzgebirge oder nach Wien an. Diese haben ihren Preis, da ein riesiger organisatorischer Aufwand dahinter steckt. So muss Hirche oder einer seiner Vereinskollegen bei der Deutschen Bahn und teilweise im Ausland rechtzeitig Bahnstrecken mieten, es müssen Tonnen von Steinkohle und Wasser organisiert sowie die Loks und Waggons kontrolliert und bereitgestellt werden. Wenn der Zug dann rollt, ist Hirche als Heizer auf der Dampflok wieder in seinem Element. Auch wenn Muskelkater danach keine Seltenheit ist.

Info

Fahrten mit Dampfzügen bieten mehrere Vereine und Gesellschaften an. Die größte von ihnen ist die Harzer Schmalspurbahnen GmbH in Wernigerode. Telefon (0 39 43) 5 58-0, E-Mail info@hsb-wr.de , Internet www.hsb-wr.de

Einer der größten Vereine sind die Ulmer Eisenbahnfreunde e. V. Telefon (0 73 31) 79 79 (Alb-Bähnle); (0 72 43) 7 15 96 86 (Dampfnostalgie Karlsruhe) oder (07 11) 1 20 97 05 (Historischer Dampfschnellzug e. V. in Stuttgart); www.uef-dampf.de

Eine Dauerausstellung mit historischen Zügen und Nostalgiefahrten bietet das Bayerische Eisenbahnmuseum München und Nördlingen an. Museumsadresse Am Hohen Weg 6 a, 86720 Nördlingen. Infotelefon (0 90 81) 2 43 09; www.bayerisches-eisenbahnmuseum.de

Bekannt ist auch die Rügensche Bäderbahn: ruegensche-baederbahn.de Die meisten Anbieter sind im Verband Deutscher Museums- und Touristikbahnen zusammengeschlossen: Telefon (07 00) 83 68 11 11; www.vdmt.de


Sebastian Heise

Schlagworte Dampflok | Eisenbahn | Dampfzug

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