12. Juli 2017
VdK-Zeitung Archiv

Als der Sommerurlaub noch ein Abenteuer war

Nach dem Krieg konnten sich nur wenige eine Reise leisten – erst ab den späten 1950er-Jahren ging es auch ins Ausland

Noch nie war der Mensch so mobil wie heute: Ein Wochenendtrip nach Prag oder ein Kurzurlaub in Venedig – kein Problem. Doch das war nicht immer so. VdK-Mitglieder erinnern sich an die Zeiten, als das Reisen noch ein Abenteuer war.

Rita und Hermann Busch waren in den 1950er-Jahren gerne unterwegs, wie hier am Titisee im Schwarzwald. | © privat

Hermann Busch aus dem bayerischen Bad Wörishofen weiß noch genau, wo er seinen ersten Urlaub machte: „Das war im Schwarzwald kurz nach der Währungsreform 1949.“ Mit dem Zug ging es in ein kleines Dorf nahe Lenzkirch. Dort wohnte er für eine Mark pro Nacht in einem ehemaligen Bauernhaus. Fließendes Wasser gab es nicht, und zum Frühstücken ging er in ein nahe gelegenes Gasthaus. Eine Kanne „Muckefuck“, Brot, Butter und Marmelade kosteten ebenfalls eine Mark. „Die eine Woche Urlaub ging natürlich viel zu schnell vorbei“, erzählt der 87-Jährige. „Mit 20 Pfennigen in der Tasche fuhr ich mit meiner Rückfahrkarte wieder nach Hause.“

Italien war für viele zu teuer

In den 1950er-Jahren war das Reisen noch etwas Besonderes. Ein Metallarbeiter beispielsweise hatte gerade mal zwölf Urlaubstage im Jahr, der Samstag zählte als Arbeitstag. Das Traumziel der Deutschen hieß Italien. Doch das Land, in dem die Zitronen blühen, war für viele zu teuer, und die Anreise dauerte eine halbe Ewigkeit. Wer wegfuhr, blieb meist in Deutschland. Man machte Ferien in den Bergen oder an der See. Um Geld zu sparen, waren viele mit dem Zelt unterwegs. Nur jeder Fünfte hatte ein Auto. Die Jugend nutzte gerne Fahrrad, Motorroller oder Motorrad.

Ein Motorrad hatte sich auch Hermann Busch geliehen, als er 1951 mit seiner späteren Ehefrau Rita eine Rundreise durch Oberbayern machte. „Ich hatte noch nie auf einem Motorrad gesessen, beide hatten wir keinerlei Motorrad-Ausrüstung“, erinnert er sich. Einen Gepäckträger gab es nicht, der kleine Reisekoffer mit dem Nötigsten wurde unter den Sitz geklemmt – und ab ging die Fahrt. Bereits nach einem Tag war der Koffer durch die Federung des Sitzes eingedrückt, sodass die beiden in Rosenheim für das Gepäck einen Rucksack kaufen mussten. Der Ausflug ging weiter über Reit im Winkl, Ruhpolding und Inzell nach Berchtesgaden und an den Königssee. Übernachten musste das junge Paar in getrennten Zimmern, weil es noch nicht verheiratet war.

Abenteuerliche Rückfahrt

Die Rückfahrt über die damals noch fast leere Autobahn war abenteuerlich: Auf halber Strecke war der Benzintank leer, die Urlauber mussten schieben. Erst nach einiger Zeit kamen ihnen zwei britische Motorradfahrer zu Hilfe, die die jungen Reisenden bis zur nächsten Tankstelle abschleppten. Rita und Hermann Busch heirateten ein Jahr später. An die Rundfahrt durch das oberbayerische Voralpenland erinnert sich das Paar gerne. Zur Goldenen Hochzeit im Jahr 2002 sind die Eheleute noch einmal die gleiche Route gefahren – „allerdings nicht mehr als ,arme Sünder‘, sondern mit dem Auto“, berichtet Hermann Busch mit einem Augenzwinkern.

Ende der 1950er-Jahre wurde das Reisen komfortabler. Mehr Menschen konnten sich ein Auto leisten, das Zelt wurde durch den Wohnwagen ersetzt. Beliebte Reiseziele waren Österreich und Italien. Das blieb auch in den 1960er-Jahren so, als die Mehrheit der Deutschen ihre Urlaubstage im Ausland verbrachten. Tausende VW-Käfer kämpften sich über die Alpen, damit die Urlauber Spaghetti, Lambrusco und das Mittelmeer kennenlernen konnten. Bereits 1967 war die Adria so überlaufen, dass Orte wie Rimini den Namen „Teutonengrill“ bekamen.

Auch Flugreisen in fernere Länder erfreuten sich einer zunehmenden Beliebtheit. Hinzu kamen neue Reiseziele wie Griechenland, Spanien und Jugoslawien. In den 1970er und 1980er-Jahren wurden in vielen Urlaubsorten Hotel-Betonburgen gebaut, die Umwelt litt. Die Deutschen hatten durchschnittlich 25 Urlaubstage zur Verfügung. Während die einen Pauschalangebote buchten, wollten andere ihren Urlaub unkonventionell gestalten.

Kajakfahren fiel ins Wasser

Individuell verreist ist auch VdK-Mitglied Susanne Riedmayer aus Ravensburg. Sie war 1985 mit einer Gruppe der örtlichen Naturfreunde in einem klapprigen VW-Bus nach Frankreich unterwegs. Eigentlich wollte die damals 22-Jährige mit ihrer Freundin und der zehnköpfigen Gruppe an die Ardèche zum Kajakfahren. Doch die Hinreise startete mit einem Zwischenstopp im Krankenhaus in Montélimar, der Partnerstadt von Ravensburg: „Ich habe die Hand meiner Freundin aus Versehen in die Schiebetür des VW-Busses eingeklemmt“, berichtet sie. Drei Finger waren gequetscht.

Die Freundin versuchte zwar tapfer, Kajak zu fahren, kenterte aber schon beim ersten Versuch. Also beschloss Riedmayer, auch aufs Sportvergnügen zu verzichten. „Wir haben uns die Umgebung angeschaut und viele schöne Sachen erlebt.“ So besichtigten die beiden auch Saintes-Maries-de-la-Mer, wo ein großes Treffen von Sinti und Roma stattfand. „Alle wollten uns aus der Hand lesen. Da sind wir geflüchtet – auf ein Kirchendach, wo wir unser Mittagessen ausgepackt haben und einen sagenhaften Blick aufs Meer hatten“, erzählt sie.

Die Pannenserie setzte sich fort, als über dem Zeltplatz an der Ardèche ein sintflutartiger Regen niederging. Damit das Innere der Zelte einigermaßen trocken blieb, schaufelten die jungen Leute im strömenden Regen Wassergräben. Die Reise endete mit einer achtstündigen Heimfahrt, bei der das Getriebe des VW-Busses schlappmachte. „Der erste Gang ließ sich nicht mehr einlegen“, erinnert sich Riedmayer, die die ganze Nacht durchfuhr. Um wach zu bleiben, hatte sie sich eine Packung Lollis mit Cola-Geschmack gekauft. „Am nächsten Morgen hatte ich eine wunde Backe.“

Susanne Riedmayer ist später noch oft weggefahren – unter anderem nach Indonesien, Brasilien und Russland. Doch an diesen Urlaub denkt sie besonders gerne zurück: „Das war meine lustigste Reise“, so die 53-Jährige. „Nichts hat geklappt, alles kam anders. Es gab Unwägbarkeiten und Naturkatastrophen, und wir haben jede Menge Blödsinn gemacht.“

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Schlagworte Reisen | Urlaub | VdK-Mitglieder erzählen

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