1. Juni 2017
VdK-Zeitung Archiv

Ab fünf Uhr kommt der Montagsblues

Viele Rentner genießen die freie Zeiteinteilung im Ruhestand

Fast alle Berufstätigen kennen ihn: den Montagsblues. Spätestens, wenn morgens der Wecker klingelt, stöhnen viele „Schon wieder Montag!“. Wie es gelingt, innere Ruhe zu bewahren, erklärt die Psychologin Dr. Ruth Enzler aus Zollikon bei Zürich. Eine ehrenamtliche VdKlerin erzählt, warum der Ruhestand mehr Gelassenheit in den Wochenanfang bringt.

„Eigentlich müsste es Sonntagsblues heißen. Pünktlich ab 17 Uhr kreisen die Gedanken um die neue Arbeitswoche“, weiß Dr. Ruth Enzler. Viele Menschen beschleiche um diese Uhrzeit ein ungutes Gefühl. Die Psychologin kennt diese Erfahrung nur zu gut. „Man sieht das Arbeitspensum und die Termine der Woche vor sich und fragt sich besorgt, wie man das alles bloß schaffen soll.“ Kein Wunder, dass man den Rest des Sonntags gar nicht mehr genießen kann und häufig in der Folgenacht schlecht schläft.

Was steckt hinter dem Montagsblues? „Nach dem festen Arbeitsrhythmus unter der Woche erleben Berufstätige das Wochenende als Verschnaufpause, in der sie über die eigene Zeit frei verfügen dürfen.“ Und vor Montag wird ihnen klar, dass sie sich wieder dem beruflichen Alltag anpassen müssen. Die Expertin empfiehlt daher, das Wochenende möglichst angenehm ausklingen zu lassen und sich bewusst etwas Gutes zu tun – Freunde treffen, einen Spaziergang machen, Lieblingsmusik hören, gemeinsam etwas Besonderes kochen. Ein weiterer Ratschlag: „Mut zur Unvollkommenheit.“ Aufgaben wie Hausarbeit könne man samstags und sonntags ruhig mal sein lassen.

Druck rausnehmen

Dr. Enzler kennt aber auch Menschen, die es sich nicht gestatten, sich etwas zu gönnen: zum Beispiel Frauen, die sich um ein pflegebedürftiges Familienmitglied kümmern. Sie stehen unter enormem Druck, kennen ihre Belastungsgrenzen nicht und können nicht Nein sagen, weil sie sich permanent in der Pflicht fühlen. „Diese Frauen brauchen Unterstützung, damit sie zwischendurch wieder ihr eigenes Leben leben“, so die Psychologin.

Und wie sehen Menschen im Ruhestand den wiederkehrenden Montag im Rückblick? VdK-Mitglied Karin Lauer aus Kirn in Rheinland-Pfalz ist vor zwei Jahren nach einem erfüllten Berufsleben in Rente gegangen. Die 65-Jährige hat 47 Jahre in der Pflege gearbeitet und lange einen ambulanten Pflegedienst mit 40 Mitarbeitern geleitet. Kurze, ruhelose Nächte vor dem Wochenanfang waren normal: „Montags in der Früh um halb drei war die Nacht zu Ende. Die Frage ‚Habe ich an alles gedacht?‘ hat an mir genagt“, erinnert sich Lauer.

Seit sie in Rente ist, sei mehr Gelassenheit in ihren Alltag eingekehrt. „Ich sehe alles lockerer.“ Montags habe sie heute ein „Super-Feeling“. Doch Nichtstun kommt für sie nicht infrage. Karin Lauer ist es schließlich gewohnt, Verantwortung zu tragen. Deshalb hat sie beim VdK Ehrenämter übernommen. Fast zwei Jahre lang war sie als stellvertretende Landesverbandsvorsitzende des VdK Rheinland- Pfalz aktiv.

Derzeit bringt sie ihre Erfahrungen als Vorsitzende des VdK-Kreisverbands Bad Kreuznach und als Vorsitzende des Sozialpolitischen Ausschusses im Landesverband ein. „Ohne das freiwillige Engagement wäre ich in ein Loch gefallen“, ist Lauer überzeugt. Ihr Tipp an angehende Rentner: Sich frühzeitig ein Ehrenamt suchen. Dr. Ruth Enzler stimmt zu: „Der Mensch ist ein arbeitstätiges Wesen und möchte gebraucht werden. Ein Ehrenamt kann vor dem Pensionierungsschock schützen und ist wichtig für die Gemeinschaft.“

Elisabeth Antritter

Schlagworte Montagsblues | Gelassenheit | innere Ruhe

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