27. Februar 2017
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„Man muss viel kämpfen, aber es lohnt sich“

Heidi Lungmus hat ihre Tochter Allegra auf eine Regelschule geschickt – Das ist nicht immer einfach

Allegra malt mit dem Band Kringel in die Luft. Sie mag Sport, und wenn ihr das Band mal herunterfällt, helfen ihr die Mitschüler und heben es auf. | © Annette Liebmann

Mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in Deutschland haben Kinder mit Behinderung das Recht, auf eine Regelschule zu gehen. VdK-Mitglied Heidi Lungmus aus Ottobrunn bei München hat diese Chance für ihre Tochter genutzt: Allegra besucht mittlerweile die vierte Klasse der örtlichen Grundschule.

Es ist 12.10 Uhr. Für die Viertklässler der Grundschule an der Lenbachallee in Ottobrunn geht gleich die Sportstunde los. „Allegra, Allegra, darf ich mit dir fahren?“ Das zehnjährige Mädchen mit dem geblümten Kleid ist umringt von Mitschülerinnen, die alle Aufzug fahren wollen. Allegra, die mit einer Querschnittslähmung geboren wurde, sitzt in einem Kinderrollstuhl und darf bis zu zwei Schüler mitnehmen. Schließlich geht es jetzt zwei Stockwerke tiefer, denn die Turnhalle befindet sich im Erdgeschoss des Nebengebäudes.

Die Grundschule ist fast komplett barrierefrei. Die Schwellen an den Eingängen wurden beseitigt, die Türen zu den Klassenzimmern verbreitert. Es gibt eine Toilette für Rollstuhlfahrer und einen Lift vom Keller bis in den zweiten Stock. Lediglich der Zugang zu den Garderoben im Altbau ist nicht breit genug, und das Hallenbad im Keller unter der Turnhalle ist für Allegra nicht erreichbar.

Doch heute steht nicht Schwimmen, sondern Turnen auf dem Stundenplan: Klassenleiterin Kristina Biebl und Lehrerin Julia Schwarz lassen die 18 Schülerinnen und Schüler mit Bändern üben. „Wenn die Musik stoppt, kehrt ihr alle in den Kreis zurück“, erklärt Schwarz und deutet auf das Rund in der Mitte des Hallenbodens. Zu einem französischen Walzer springen die Kinder durch den Raum und lassen die Bänder flattern. Auch Allegra setzt ihren Rollstuhl in Bewegung und malt orange Kringel, Schleifen und Spiralen in die Luft. Ein paar Mal fällt das Band herunter. Dann ist schnell eine Mitschülerin da, die es aufhebt und ihr zurückgibt.

Ganz so einfach wie für die anderen Kinder ist das Üben für sie allerdings nicht: Mal verheddert sich das Band im Rollstuhl, mal scheint es, als würde es ein Eigenleben führen. Dennoch mag die Zehnjährige Sport, auch in ihrer Freizeit. Einmal in der Woche geht sie zum Rollstuhl-Basketball. In der Schule sind ihre Lieblingsfächer Musik, Kunst, Deutsch, Heimat- und Sachkunde sowie Mathe. Allegra ist eines von insgesamt vier Kindern mit Behinderung an der Schule – derzeit das einzige, das in einem Rollstuhl sitzt.

Im Landkreis München gibt es keine Grund- oder Mittelschule mit dem Profil Inklusion. Das ist durchaus so gewollt: Kinder mit Behinderung sollen nicht alle in die gleiche Bildungseinrichtung gehen, sondern sich auf den gesamten Landkreis verteilen. Kinder mit und ohne Behinderung sollen in sämtlichen Grundschulen gemeinsam unterrichtet werden. „Ich wollte, dass mein Kind vor Ort in die Schule geht, damit es hier Freunde findet“, sagt Allegras Mutter Heidi Lungmus. Sie ist selbst Lehrerin und engagiert sich seit vielen Jahren für Barrierefreiheit und Inklusion.

In der Förderschule befänden sich Kinder in einer Art „Komfortzone“ und würden nicht auf das Leben vorbereitet, glaubt sie. Sie hat erlebt, dass es bei der Umsetzung von Inklusion an Schulen oft Unsicherheiten und Bedenken gibt: „Man muss sich viel mit Ängsten auseinandersetzen und kämpfen.“ Im Rückblick habe sich jedoch die Entscheidung, Allegra auf eine Regelschule zu schicken, als richtig erwiesen: „Es ist anstrengend, aber es lohnt sich.“

Wie es nach der vierten Klasse weitergeht, ist noch offen. Heidi Lungmus möchte, dass ihr Kind weiterhin in eine Regelschule geht. Doch während es in den ersten Schuljahren meist gut gelingt, die Unterschiede der Kinder zu berücksichtigen, herrscht an den weiterführenden Schulen das Leistungsprinzip. Wer nicht mithält, steigt ab in die Mittel- oder Förderschule.

Professor Dr. Clemens Dannenbeck von der Hochschule Landshut ist überzeugt, dass dieser Bruch im Widerspruch zur Umsetzung der UN-BRK steht: „Es ist widersinnig, Inklusion in der Grundschule noch zu tolerieren und im weiteren Bildungsverlauf dann als nicht praktikabel anzusehen.“ Das derzeitige Schulsystem spiegele die Gesellschaft wider und reproduziere sie – ohne dass dies kritisch hinterfragt werde.

Annette Liebmann

Schlagworte Inklusion | Schule

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