29. Oktober 2016
VdK-Zeitung Archiv

Eine bunt gemischte Wohngemeinschaft

Es gibt nur 30 bis 40 inklusive Wohngemeinschaften bundesweit, die Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung aufnehmen. Das ist viel zu wenig, findet Tobias Polsfuß. Der 23-Jährige lebt selbst seit dreieinhalb Jahren in einer gemischten WG in München und fühlt sich dort pudelwohl. Deshalb hat der Student gemeinsam mit Freunden eine Online-Plattform für inklusive WGs entwickelt. Die Webseite www.wohnsinn.org ist im Juni an den Start gegangen – und steckt voller lustiger Geschichten mitten aus dem Leben.

Tobias Polsfuß | © Peter Schmitz/beta-web GmbH

Wie haben Sie von der inklusiven WG erfahren?
Polsfuß: Ich suchte 2013 ein Zimmer in München. Durch Zufall stieß ich auf den Verein „Gemeinsam leben lernen e. V.“, der bereits 1989 die erste inklusive WG der Stadt und deutschlandweit ins Leben gerufen hatte. Ich schrieb eine Mail an den Verein und habe einen Platz in der WG im Stadtteil Milbertshofen bekommen – und bin eingezogen. Dort wohne ich nun schon seit dreieinhalb Jahren. Fünf Menschen mit einer geistigen oder mehrfachen Behinderung und vier Mitbewohner ohne Behinderung leben unter einem Dach.

Wie ist der Alltag in der Gemeinschaft?
Polsfuß: Wie in jeder anderen WG: Wir lachen, kochen und essen gemeinsam, streiten um den Abwasch und verbringen gemütliche Abende vor dem Fernseher.

Von den bunten WG-Charakteren erfährt man auch auf Ihrer Wohnsinn-Plattform im Bereich „Wohn:sinn“. Polsfuß: Der Blog ist das Herzstück der Webseite. Dort erzählen Mitbewohner ihre Erlebnisse. Mit dem Wohn-Blog hat auch alles angefangen. Wir wollten das inklusive WG-Leben bekannter machen und merkten, das klappt am besten mit Geschichten mitten aus dem chaotischen WG-Leben. Die Anekdoten sollen neugierig auf den „ganz normalen Wohnsinn“ machen – so lautet auch der ursprüngliche Name der Wohnsinn-Webseite.

Was ist anders an der WG?
Polsfuß: Die Wohngemeinschaft bekommt Unterstützung vom Verein, vor allem durch eine sozialpädagogische Fachkraft, die sich hauptamtlich um die Belange der Mitbewohner mit Behinderung und Verwaltungsdinge kümmert. Ich und die anderen WGler ohne Behinderung müssen außerdem keine Miete zahlen. Dafür übernehmen wir im Alltag ehrenamtliche Dienste. Beispielsweise begleiten wir behinderte Mitbewohner zu Arztterminen oder helfen beim Haarewaschen.

Wird ein Praktikum im sozialen Bereich oder ähnliches vorausgesetzt?
Polsfuß: Nein, für den Einzug in eine inklusive WG braucht man kein Vorwissen. Trotzdem passt diese Art des Zusammenwohnens nicht zu jedem. Wer sich dafür interessiert, sollte auf jeden Fall der gemeinschaftliche Typ sein. Wir unternehmen viel, fahren eine Woche im Jahr gemeinsam in den Urlaub. Wer mal seine Ruhe braucht, hat ja immer sein eigenes Zimmer.

Was raten Sie (über)besorgten Angehörigen?
Polsfuß: Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, ein selbstbestimmtes Leben in der Mitte der Gesellschaft zu führen. Und das Leben in der WG bedeutet für die Mitbewohner mit Behinderung mehr Selbstbestimmung. Eltern sollten sich in der WG als Gäste verstehen.

Wie ist die Idee zur Online- Plattform entstanden?
Polsfuß: Bei der Suche nach ähnlichen Projekten hat mich überrascht, wie unübersichtlich und ungleich verteilt die inklusive WG-Landschaft in Deutschland ist. Während es in München sieben Wohngemeinschaften gibt, die auf Menschen mit geistiger Behinderung eingestellt sind, gibt es in Berlin bislang keine einzige. Deutschlandweit leben 60 Prozent aller geistig behinderten Erwachsenen bei ihren Eltern. Die Wohngruppen und Anbieter besser zu vernetzen, ist unser Ziel. Inklusive Wohnprojekte stellen sich im Info-Bereich auf www.wohnsinn.org vor. Familien oder Interessierte finden in der Wohnbörse WG-Plätze, Freiwilligendienste und Jobs in inklusiven WGs.

Was erhoffen Sie sich noch von der Plattform?
Polsfuß: Die Resonanz der Medien aber auch der Träger und Vereine ist groß. Hoffentlich führt das dazu, dass solche Wohnkonzepte möglichst viele Nachahmer finden.

In welche Richtung könnte sich Ihr Online-Projekt entwickeln?
Polsfuß: Wir sind dabei, aus dem ehrenamtlichen Projekt ein soziales Start-up zu gründen.

Interview: Elisabeth Antritter

Schlagworte Wohngemeinschaft | inklusive Wohngemeinschaft | Menschen mit Behinderung | Inklusion | wohnsinn.org

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