29. Oktober 2016
VdK-Zeitung Archiv

Die furchtbare Vergangenheit hinter sich lassen

Refugio München hilft Flüchtlingen, mit massiven psychischen Verletzungen umzugehen und sich zu integrieren

Von den Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, leiden viele unter den grauenhaften Ereignissen, die sie erleben mussten. Organisationen wie der Verein Refugio München helfen ihnen mit Psychotherapie und Sozialarbeit.

Hilfe zum Start in ein neues Leben: Dr. Heike Baumann-Conford (links) und Michelle Wahl (rechts) unterstützen Moha A. bei der psychischen Bewältigung der Vergangenheit und der Integration. | © Sebastian Heise

Mitten in der Nacht schreckt Moha A. schweißgebadet auf, er schreit. Er träumte von einer stockdunklen Höhle, in der er leben musste, von Vergewaltigungen und Ermordungen, die dort stattfanden. Er wurde geschlagen, hatte kaum etwas zu essen und zu trinken. Jeder kämpfte in dieser dunklen Höhle um das nackte Überleben. Als der 21-jährige Somalier wach ist, merkt er, dass er in Sicherheit ist. Er ist bei seiner Freundin in München. Es war nur ein furchtbarer Traum.

Doch das, was er geträumt hat, hat er in Wirklichkeit erlebt, monatelang. Auf seiner Flucht wurde er lange Zeit unter unmenschlichen Bedingungen in einem unterirdischen Gefängnis in Libyen festgehalten. Immer wieder holten ihn diese schrecklichen Erfahrungen in seinen Träumen ein. Die Mutter seiner Freundin riet ihm, etwas gegen diese Träume zu tun. Sie empfahl ihm, sich an den gemeinnützigen Verein Refugio München zu wenden. Dies tat er Anfang dieses Jahres, und Ende März hatte Moha sein erstes Gespräch mit Sozialpädagogin Michelle Wahl. Seitdem kümmert sich die Refugio-Mitarbeiterin gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Heike Baumann-Conford, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, um Moha.

Therapie und Alltagshilfe

1994 wurde der gemeinnützige Verein Refugio München aus einer privaten Initiative heraus als Beratungs- und Behandlungszentrum gegründet. Er wird finanziert aus Mitteln der Stadt und des Landkreises München, des Bezirks Oberbayern, des Bundes, der Europäischen Union sowie von Wohlfahrtsverbänden und Spenden. 42 Angestellte, darunter Therapeuten, Ärzte und Sozialpädagogen, helfen Asylbewerbern einerseits, mit ihren psychischen Verletzungen umzugehen. Andererseits unterstützen sie sie bei der Bewältigung des Alltags, wie zum Beispiel bei der Organisation von Sprachkursen oder einer Ausbildung.

Bei Kommunikationsproblemen helfen Dolmetscher. Mit der deutlich gestiegenen Zahl von Flüchtlingen in den vergangenen Monaten und Jahren ist die Nachfrage bei Refugio stark gewachsen. „Wir können gar nicht so viele Menschen betreuen, wie wir Anfragen bekommen“, sagt Geschäftsführer Jürgen Soyer. Weil die Menschen auf ihrer langen Flucht so viele furchtbare Erlebnisse haben, oft geschlagen und missbraucht werden, erleben müssen, wie andere Menschen sterben oder umgebracht werden, leidet ein Großteil von ihnen unter posttraumatischen Störungen.

„Etwa 40 Prozent der Erwachsenen sind traumatisiert“, sagt Soyer. „Bei Kindern und Jugendlichen ist der Anteil noch viel höher.“ Deswegen ist die psychotherapeutische Arbeit mit diesen Menschen so wichtig, gleichzeitig aber auch sehr hart. Soyer erlebte in einer Teamsitzung einmal, wie ein Mitarbeiter von einem Fall erzählte und ihm die Tränen kamen. Hilfsorganisationen, Sanitätsdienste, Ärzte und ehrenamtliche Helfer, die Flüchtlinge betreuen, schicken inzwischen nur noch die allerschlimmsten Fälle zu Refugio, da die Mitarbeiter am Limit arbeiten und nicht noch mehr Menschen betreuen können.

Moha A. kommt sehr gerne zu seiner wöchentlichen Therapiesitzung. Nach anfänglicher Skepsis hat er inzwischen großes Vertrauen zu seinen Betreuerinnen aufgebaut und schaut optimistisch in die Zukunft. Im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen ist er inzwischen auch anerkannt und hat in Deutschland ein Bleiberecht. Das macht die Arbeit der Therapeutin und Sozialarbeiterin auch leichter, denn sie können so mit einer guten Perspektive arbeiten.

Moha A., der seit zweieinhalb Jahren in Bayern lebt, spricht inzwischen sehr gutes Deutsch. Sein niederbayerischer Akzent erinnert an seine ersten beiden Jahre in der Gegend von Pfarrkirchen. Während er in den Jahren der Verfolgung und Flucht ständig um sein Leben fürchtete und immer nur von einem Moment zum nächsten lebte, hat der 21-Jährige inzwischen konkrete Zukunftspläne. Er möchte gerne Informatik lernen und strebt eine entsprechende Berufsausbildung an. Dass er den Willen hat, seinen Weg zu gehen, hat er bereits bewiesen. Schließlich hat er Monate und Jahre in der Sahara-Wüste, in einer stockdunklen Höhle und auf einem Boot voller Flüchtlinge im Mittelmeer gemeistert.

Info

Refugio München. Termine und Informationen: Montag: 10-12 Uhr, Donnerstag: 14-16 Uhr, Telefon: (089) 98 29 57 0. E-Mail: info@refugio-muenchen.de

PSZ Nürnberg - Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge. Telefon: (0911) 393 63 60. E-Mail: jugendhilfe-nuernberg@rummelsberger.net

Sebastian Heise

Schlagworte Refugio | Flüchtlingshilfe | Sozialarbeit | Psychotherapie | Traumabewältigung

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