28. September 2016
VdK-Zeitung Archiv

Computer, Film und Fernsehen: Nur dabei statt mittendrin

Keine Kontraste, keine Beschreibungen, keine Untertitel – Menschen mit Behinderung haben oft große Probleme, Medien zu nutzen

Bei Barrieren denken die meisten Menschen an Stufen, Bordsteine und unzugängliche Bahnsteige. Doch auch Internet und Fernsehen sind nicht barrierefrei, und von einem Kinobesuch können manche Menschen mit Behinderung nur träumen.

© VdK

In unserer Informationsgesellschaft ist der freie Zugang zu den Medien wichtig, um Wissen zu erwerben und auf dem Laufenden zu sein. Computer sind in vielen Berufen mittlerweile unverzichtbar und erleichtern den Alltag. Film und Fernsehen gehören zur Freizeitgestaltung unbedingt dazu. Doch viele Menschen mit Behinderung stoßen auf Barrieren.

Starke Kontraste notwendig

Hellgrüne Schrift auf grauem Grund? Wo schon Adleraugen Schwierigkeiten bekommen, können Menschen mit einer Sehbehinderung nichts mehr wahrnehmen. „Um Buchstaben und Bilder erkennen zu können, sind starke Kontraste notwendig“, sagt Detlev Fischer, Leiter des Projekts „Incobs“, einem Informationsportal für blinde und sehbehinderte Menschen. Auch eine größere Schrift erleichtert das Lesen. Es gibt Programme, mit denen Nutzer den Bildschirm-Inhalt vergrößern oder den Kontrast erhöhen können. Oft passen nur wenige Worte in den stark vergrößerten Ausschnitt.

Eine Webseite muss gut umgesetzt sein, damit sehbehinderte Nutzer den Text bequem lesen können, ohne ständig den Bildschirmausschnitt verschieben zu müssen. Blinde Menschen nutzen zum Surfen Screenreader, eine Vorlese-Anwendung, die nicht nur Texte wiedergibt, sondern auch Fotos, Grafiken und andere Inhalte. „Das ist eigentlich kein Problem, wenn die Seite korrekt programmiert ist“, erklärt Fischer. Selbst gestaltete Elemente, wie beispielsweise sich öffnende Fenster oder Bildergalerien, sind jedoch oft nicht zugänglich, ebenso wie Bilder ohne Bildbeschreibung.

Fehlt bei Formularen die Beschriftung von Eingabefeldern, können sie nicht genutzt werden. Screenreader können auch keine sogenannten Captchas erkennen, bei denen der Nutzer auf einem Bild Buchstaben und Zahlen entschlüsseln muss, um beispielsweise ein neues Passwort zu erhalten. Wird eine akustische Alternative angeboten, dann ist sie meist schwer zu verstehen. Große Schwierigkeiten bereiten zudem alle Bedienelemente, die nicht für die Tastatur zugänglich sind. Dazu gehören Bestellbuttons oder Kalender, in die ein Datum eingegeben werden muss.

Betroffen sind alle Nutzer, die nicht mit der Maus, sondern mit der Tastatur im Web surfen – also auch Menschen mit motorischen Einschränkungen. Gerade für sie kann der Computer ein Tor zur Welt sein. Wer nicht mobil ist, erledigt vieles von zu Hause aus und erkundigt sich beispielsweise via Internet, ob er ein Reiseziel oder eine Behörde barrierefrei erreichen kann. Doch oft fehlen Angaben zur Barrierefreiheit oder sie sind falsch.

Privatsender hinken hinterher

Auch wer keine Hörbehinderung hat, ist vielleicht schon auf akustische Barrieren gestoßen: Viele Menschen beklagen, dass sich die Tonqualität im deutschen Fernsehen in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Die Musik ist ihnen zu laut, die Dialoge sind zu leise. Das betrifft insbesondere Eigenproduktionen der öffentlich-rechtlichen Sender. Sie werden meist in recht kurzer Zeit produziert – mit Schauspielern, die oft nicht deutlich sprechen. Für eine Nachsynchronisation fehlt die Zeit und das Geld. Auch die Technik trägt eine Mitschuld: Moderne Flachbildschirme haben oft ein gutes Bild, aber eine schlechte Tonqualität.

Menschen mit einer Hörbehinderung sind neben dem Bild auf zusätzliche optische Informationen wie Untertitel, Audiodeskription oder Gebärdensprache angewiesen. Für sie ist zwar der Anteil an Sendungen im deutschen Fernsehen gestiegen, damit sind das Programmangebot und die Mediatheken aber noch längst nicht barrierefrei. „Während die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Angebot erheblich erweitert haben, hinkt das Privatfernsehen hinterher“, berichtet Bernd Schneider, Referatsleiter Barrierefreie Medien bei der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten.

Nur wenige Sendungen auf RTL, Sat.1 und Co. seien auch für Menschen mit Hörbehinderung zugänglich. Zudem gebe es große Unterschiede in der Qualität der Untertitel, manche Sender strahlen sie überdies nur digital aus. Untertitel helfen nicht jedem, einen Film zu verstehen. Für Menschen, die gehörlos geboren wurden, ist die Gebärdensprache Kommunikationsmittel Nummer Eins. „Mit Ausnahme von Phoenix und einem Lokalsender gibt es im Fernsehen keine Gebärdensprache“, zieht Schneider Bilanz.

Unverbindliche Regelungen

In Deutschland existieren zwar eine Reihe von Verordnungen, die dazu beitragen sollen, Barrieren in den Medien zu beseitigen, doch sie sind unverbindlich. So ist beispielsweise die „Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung 2.0“ (BITV 2.0) für Behörden der Bundesverwaltung verpflichtend, die Privatwirtschaft hingegen ist nicht betroffen. Der Rundfunkstaatsvertrag schreibt lediglich den Ausbau barrierefreier Angebote im Rahmen der technischen und finanziellen Möglichkeiten vor. „In anderen Ländern gibt es gesetzliche Untertitelquoten. Das würde unsere Situation erheblich verbessern“, sagt Schneider.

Der Sozialverband VdK fordert, auch in diesem Bereich die Barrierefreiheit voranzubringen. Ob Fernsehsender oder Webseiten für alle zugänglich sind, darf nicht vom guten Willen der jeweiligen Betreiber abhängen. Hier spricht sich der VdK für gesetzliche Regelungen aus mit einer verbindlichen Frist zur Umsetzung bis 2023. Im Jahr 2016 ist Barrierefreiheit für viele Menschen mit Behinderung ein großer Wunsch. So auch für ein VdK-Mitglied aus Freiburg: Sie schreibt, dass sie gerne zusammen mit ihrer Freundin ins Kino gehen würde. Sie hat eine Hörbehinderung, die Freundin ist Rollstuhlfahrerin. „Unser Vorhaben scheitert leider daran, dass es kein Kino gibt, das für uns beide barrierefrei ist.“


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18.07.2016 | bsc

Annette Liebmann

Schlagworte Barrierefreiheit | Medien | Untertitel | Audiodeskription | Gebärdensprache | BITV 2.0 | Screenreader

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