28. September 2016
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„Das alte Handwerk ist ein schier unerschöpflicher Kosmos“

Von A wie Ackermann bis Z wie Ziegler: Der Autor Rudi Palla ist in seinem Buch verschwundenen Berufen auf der Spur

Wäre es denn wirklich so schade, wenn das Wissen ums alte Handwerk endgültig verschüttet werden würde? „Aber ja!“, sagt Rudi Palla entschieden, Autor des Buchs „Verschwundene Arbeit“ (Erstausgabe 1994, Eichborn Verlag, Neuausgabe 2014, Brandstätter Verlag, Preis: 35 Euro). Der Wiener hat tief nach (fast) vergessenen Berufen geschürft. So ist eine spannend zu lesende Reise in die Arbeitswelt anno dazumal entstanden.

Rudi Palla, 1941 in Wien geboren, arbeitet als freier Schriftsteller. | © privat

Was fasziniert Sie an altem Handwerk?
Palla: Die lange Tradition: Wussten Sie, dass es das Urhandwerk des Schmieds schon in der Antike gab? Ich bewundere natürlich das handwerkliche Geschick und die Feinarbeit. Es ist aber auch fantastisch, wie hochspezialisiert viele Tätigkeiten waren. Beispiel Schiffsbau: Die Werften haben viele unterschiedliche Professionen mit großem Können unter einem Dach vereint. Da gab es den Reepschläger, also den Seilmacher, den Schlosser, den Segelmacher, die Zimmerleute. Kaum zu glauben, mit welch primitiven Werkzeugen im 17. Jahrhundert ein Holzschiff entstanden ist. So kamen in den Werften riesige Sägen, die von zwei Männern bedient wurden, bis hin zu kleinen Fuchsschwänzen zum Einsatz. Aber auch viele Arten von Bohrern, Schrauben und Nägeln.

Wie ist die Idee zu dem Buch entstanden?
Palla: Ich habe das Gedicht „Verschwundene Arbeit“ von Hans Magnus Enzensberger gelesen (Palla zitiert die zweite Strophe): „Der Schlözer stieg aus dem Schilf, es ließ der Zedler die Beute stehn, der Köhler den Quandel. Die Kremplerin warf die Distel hin, der Mollenhauer den Beitel. Vermoderte Werke, ausgestorbene Fertigkeiten.“ Diese Zeilen haben mich angerührt. Als ich Hans Magnus Enzensberger in Wien traf und ihm von dem poetischen Sog erzählte, schlug er mir vor, ich solle doch etwas über vergessene Berufe schreiben. Ja, warum eigentlich nicht, dachte ich. Es ist also kein Zufall, dass meine Sammlung denselben Titel wie das Gedicht trägt.

Wo sind Sie bei der Recherche für Ihr Buch fündig geworden?
Palla: Ich habe viele Museen besucht – von kleinen Einrichtungen bis hin zu den großen, darunter das Deutsche Museum in München oder das Internationale Maritime Museum Hamburg – und in Archiven gestöbert. Da ich kein Historiker bin, habe ich mit renommierten Fachleuten gesprochen. Bei der Recherche kam ich mir manchmal wie ein Walfisch vor, der alle Informationen verschlingt.

Glauben Sie, dass Ihre Sammlung vollständig ist?
Palla: Ich bin sogar sicher, dass etwas fehlt, ja geradezu fehlen muss (lacht). Die Zusammenstellung kann nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, weil das alte Handwerk ein schier unerschöpflicher Kosmos ist. Deshalb habe ich mir ein zeitliches Limit von zwei Jahren gesetzt, in denen ich an dem Buch arbeitete.

Was hat den Niedergang des Handwerks angestoßen?
Palla: Das Berufesterben beginnt mit dem technischen Fortschritt im Zuge der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert. Die Mechanisierung war einerseits ein Segen. Andererseits wurde durch Dampfmaschine, mechanischen Webstuhl und Spinnmaschine die Handarbeit ersetzt, was zur Verelendung vieler Handwerkerfamilien führte. Der Umbruch hat vor allem das grafische Gewerbe, die Metall-, Textil- und Papierverarbeitung verändert.

Was waren die Schattenseiten des Handwerks?
Palla: Die Arbeit war oftmals körperlich sehr anstrengend und erschreckend gesundheitsgefährdend. Hutmacher etwa haben mit Quecksilber hantiert.

Wie ist es um die Zukunft des Handwerks bestellt?
Palla: Das Handwerk ist bis heute nicht überflüssig geworden, im Gegenteil: Das Schöpferische im Menschen wird nie erlöschen. Vor allem das Kunsthandwerk hat sich Nischen erobert und wird bestehen.

Über den Autor

Rudi Palla, 1941 in Wien geboren, arbeitet als freier Schriftsteller. Zu seinen Publikationen zählen u. a.: Verschwundene Arbeit (1994, Neuausgaben 2014), Die Kunst, Kinder zu kneten. Ein Rezeptbuch der Pädagogik (1997), Unter Bäumen. Reisen zu den größten Lebewesen (2006), Kurze Lebensläufe der Narren (2008), Die Weltreise Seiner Majestät Korvette Saida in den Jahren 1884-1886 (2011), Der Kapitän & der Künstler. Die Erforschung der Terra Australis (2013) und Valdivia. Die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition (2016).



Rudi Palla, „Verschwundene Arbeit - Das Buch der untergegangenen Berufe", 35 Euro, gebundenes Buch, ISBN 978-3-85033-826-4, erschienen im Brandstätter Verlag.

Interview: Elisabeth Antritter

Schlagworte Handwerk | Rudi Palla | Verschwundene Arbeit

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