28. September 2016
VdK-Zeitung Archiv

In fünf Minuten zum eigenen Springseil

Backen, Korbflechten, Seilmachen: Das Freilichtmuseum Glentleiten zeigt seit 40 Jahren traditionelle Berufe

Ob Müller, Schmidt, Schneider, Fischer, Weber oder Meyer – Deutschlands häufigste Familiennamen kennt jedes Kind. Oft vergisst man dabei, dass die Namen Berufe bezeichnen, die im Mittelalter ihre Blütezeit erlebten, heute jedoch kaum noch von Hand ausgeübt werden. Wer erfahren möchte, wie Handwerker einst gearbeitet haben, muss heute ins Museum gehen. Viele Einrichtungen sorgen dafür, dass das traditionelle Handwerk lebendig bleibt. Die VdK-Zeitung hat einem Seiler über die Schulter geschaut.

Läuft wie am Schnürchen: Stefan Gutheil (links) hilft Annette Erhardt, dass die Kordeln in vier ordentlichen Bahnen gelenkt werden. Hinten steht ihr Sohn Johann und dreht die Kurbel. | © Antritter

Nicht nur Augen und Ohren, auch die Nase führt den Besucher durch das Freilichtmuseum Glentleiten, das idyllisch auf Almhöhe in der Nähe des oberbayerischen Kochelsees liegt. Kurz nach dem Eingang duftet es verführerisch nach Bauernbrot. Der Pfad zur Seilerei führt am Backhaus vorbei. Stefan Gutheil zeigt heute das historische Handwerk des Seilmachens.

Der 56-Jährige ist eigentlich gelernter Maurer und arbeitet bereits seit 22 Jahren im Museumsdorf. Wer in seine Werkstatt hineinschnuppert, bemerkt einen rustikalen Duft nach altem Gemäuer und Holz und den kräftigen Geruch von Hanf. Diese Naturfaser sorgt dafür, dass die Arbeit wie am Schnürchen läuft. Seine Aufgabe: vorführen, wie ein Kälberstrick entsteht. „Bei Kindern kommt es besser an, wenn sie ein Lasso oder ein Springseil basteln dürfen“, weiß Gutheil.

Er erzählt, dass die zwei Holzgeräte, die sich im Abstand von drei Metern im Raum gegenüberstehen, schon damals von den Seilern gebraucht wurden: das Seilgeschirr, an dem vorn eine dick mit Hanfschnur umwickelte Spule sowie vier Haken und dahinter eine Kurbel befestigt sind, und der Seilwagen auf zwei Rädern, an dem die Hanfschnüre eingehakt werden. „Ihr werdet gleich sehen, sie sind zwar alt, aber funktionieren tadellos“, verspricht er den Zuschauern, die sich in der engen Seilerei inzwischen dicht an dicht drängen.

„Wer möchte in fünf Minuten ein Seil machen? Ich brauche zwei Helfer“, sagt Stefan Gutheil. Annette Erhardt aus Wolfratshausen und ihr 18-jähriger Sohn Johann melden sich freiwillig. Unter der Anleitung von Stefan Gutheil wickelt sie von der Spule insgesamt 16 Hanfschnüre ab, fädelt diese durch die Haken und spannt sie zu vier Bahnen. „Unbedingt weiterkurbeln!“ „Jetzt bitte kräftig kurbeln!“, ruft der Vorführer Johann Erhardt zu, der hinter dem Seilgeschirr steht und gleich loslegt, damit durch die Drehung vier Kordeln entstehen. Seine Mutter achtet darauf, dass die Schnüre in ordentlichen Bahnen gelenkt werden. Die Kurbel rumpelt und rattert. „Durchhalten. Unbedingt weiterkurbeln!“, rät Stefan Gutheil.

Der Assistent dreht schneller und schneller. Als sich der Seilwagen langsam vorwärtsschiebt, ist es fast geschafft: Die vier Kordeln haben sich zu einem Seil zusammengedreht. Noch ein paar Handgriffe, und fertig ist der Kälberstrick. Familie Erhardt war schon oft an der Glentleiten, „vor allem, als die Kinder noch klein waren“, sagt Annette Erhardt. „Ich finde es wichtig, bei Kindern das Interesse am Handwerk und ländlichen Leben zu wecken“, sagt die 53-Jährige.

„Mit dem Handwerk sind doch viele Familien verwurzelt. Meine Großmutter beherrschte das Töpfern, meine Urgroßmutter war Weberin. Außerdem: Was hier liebevoll gezeigt wird, hat Hand und Fuß“, betont die Besucherin. „Das Tolle bei altem Handwerk ist, dass man die Arbeit nachvollziehen kann“, sagt Stefan Gutheil. „Kinder staunen, wie schnell ein Seil entsteht.“ Und die stehen bereits Schlange und wollen unbedingt ihr eigenes Lasso in den Händen halten. Die Hobby-Seiler dürfen es natürlich mit nach Hause nehmen.

Elisabeth Antritter

Schlagworte Museumsdorf Glentleiten | Seilerei | Freilichtmuseum Glentleiten | traditionelle Berufe

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