28. Juli 2016
VdK-Zeitung Archiv

Die Wirbelsäule ins Lot bringen

Mit der Feldenkrais-Methode lernen, sich spielerisch und bewusster zu bewegen

Noch nie etwas von der Feldenkrais-Methode gehört? Kein Problem. Die VdK Zeitung hat eine Schnupperstunde bei einer erfahrenen Feldenkrais-Lehrerin besucht und stellt die ganzheitliche Methode, die dem Rücken gut tut, vor.

Sieht ungewöhnlich aus? Stimmt. Das sind keine typischen Gymnastikübungen, sondern sanfte, spielerische Bewegungen mit der Feldenkrais-Methode – für manche jedoch viel wirkungsvoller als schweißtreibender Sport. Einige der langjährigen Schüler von Eva Dorfner (links) sind damit ihre chronischen Rückenschmerzen losgeworden. | © Antritter

Die großen Fenster des Gymnastikraums lassen viel Licht herein. Nach und nach versammeln sich die Frauen und Männer unter dem Dach des Caritas-Zentrums in Dachau, allesamt langjährige und überzeugte „Feldenkraisler“. Sie machen es sich vor Beginn der Stunde richtig bequem, holen sich eine Matte, eine Decke und ein Kissen. Erst einmal den Kopf sanft aufs Polster sinken lassen und entspannen.

Sanfte Bewegungen

Sanft sind auch die folgenden Übungen. Jedenfalls keine Stretch-Gymnastik auf Biegen und Brechen. Für Neulinge sieht es fast so aus, als passierte in der Stunde nicht viel, manchmal nur ein gezieltes Kreisen des erhobenen Handgelenks. Doch in Wirklichkeit sind es feine, immer wieder leicht abgewandelte Bewegungsabläufe, die Schritt für Schritt aufeinander aufbauen – unter Anleitung von Eva Dorfner.

„Denkt daran: Kraftaufwand stets am Rande der Faulheit“, sagt sie. „Wobei Faulheit ein Zeichen von Klugheit ist“, ergänzt die Lehrerin. Ihre Schüler schmunzeln, wissen sie doch, wie dieser Satz gemeint ist: Es geht darum, der eigenen Körperintelligenz zu vertrauen, da sich eine gut organisierte Bewegung mühelos anfühlt. Die Feldenkrais-Methode erinnert daran, dass sich Babys ihre Welt mit spielerischen Bewegungen erobern. Von der Rückenlage zur Bauchlage bis hin zum Krabbeln und Laufen – Kleinkinder entwickeln sich weiter, indem sie alles solange ausprobieren, bis es klappt, erklärt Eva Dorfner. Im Erwachsenenalter hingegen geht man nicht mehr intuitiv, achtsam und neugierig mit sich selbst um, sondern verharrt in gewohnten Bewegungsmustern. Verspannungen und Schmerzen sind oft die Folge.

Spannende Entdeckungsreise

„Mit Feldenkrais lernt man, sich wieder bewusster mit dem Körper auseinanderzusetzen, neue Spielräume zu eröffnen, sich von starren Gewohnheiten zu lösen und weniger bekannten Bewegungen anzunähern. Das ist wie eine spannende Entdeckungsreise“, betont Eva Dorfner. „Dieses Experimentieren fordert das Gehirn heraus und erweitert die Bewegungsmöglichkeiten“. In der Feldenkrais-Sprache heißt diese Form des Umgangs mit dem Körper „organisches Lernen“.

Wissenschaftlicher Ansatz

Die Methode hat übrigens keinen esoterischen oder spirituellen Ansatz. Vielmehr erforschte der Erfinder und Namensgeber, Moshé Feldenkrais, selbst Elektroingenieur, Physiker und Judo-Experte, die Wechselwirkungen zwischen Bewegung und Gehirn aus naturwissenschaftlicher Sicht. Der gefragte Lehrmeister bildete die ersten Feldenkrais-Lehrer selbst aus, schrieb mehrere Bücher und hielt in Europa und den USA zahlreiche Vorträge. Der gebürtige Ukrainer unterrichtete bis ins hohe Alter und starb 1984 in Tel Aviv.

Die Münchnerin Eva Dorfner, die den Feldenkrais-Kurs in Dachau leitet, hat ab 1994 in Rom eine vierjährige Feldenkrais-Ausbildung absolviert und ist Mitglied im Feldenkrais Verband Deutschland. Sie berichtet davon, dass Feldenkrais die Wirbelsäule ins Lot bringt. Das hat sie am eigenen Leib erfahren: Anfang 1992 stellten die Ärzte bei ihr Morbus Bechterew fest, eine chronische Rheumaerkrankung, die von Schmerzen begleitet wird. „Bei vielen Betroffenen wird die Wirbelsäule steif. Ich habe es vor allem Feldenkrais zu verdanken, dass ich mir meine Beweglichkeit erhalten konnte und kaum Schmerzen habe“, ist Dorfner überzeugt.

Auch Schülerin Heidi Richter aus Marzling im oberbayerischen Landkreis Freising schwört seit sechs Jahren auf die alternative Methode, die ihr geholfen hat, ihre Rückenbeschwerden nach einem Sturz in den Griff zu kriegen. „Feldenkrais ist für mich ideal. Es passt aber nicht zu jedem. Man muss sich darauf einlassen und dranbleiben. Regelmäßigkeit ist wichtig.“ Die Geduld hat sich gelohnt: „Nach zwei Jahren habe ich deutliche Fortschritte gespürt“, erzählt Richter. „Feldenkrais tut aber nicht nur dem Rücken gut. Ich bin weniger ängstlich, fühle mich selbstbestimmter und genieße mein Leben wieder mehr“, betont die 67-Jährige.

Mehr Informationen bietet der Feldenkrais Verband Deutschland e. V., Jägerwirtstraße 3, 81373 München, Telefon (0 89) 1 20 21 25-0. Auf der Webseite www.feldenkrais.de können Interessierte auch Feldenkrais-Lehrer und Angebote in der Nähe finden.

Elisabeth Antritter

Schlagworte Feldenkrais | Rückenschmerzen

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